
»Ohrreinigung war schon immer ein riesen Thema« – Andreas Schwer und Daniel Paul während der egger-Roadshow in Hamburg
Handwerksmaterial zum Anfassen auf der egger Roadshow
Es ist gang und gäbe, dass Hörgerätehersteller neue Produkte auf sogenannten Roadshows präsentieren. Für Otoplastiklabore ist das eher ungewöhnlich. Wir waren zu Gast bei der diesjährigen egger-Roadshow in Hamburg und sprechen mit Daniel Paul, Bereichsleiter und Prokurist, und Tim Wunderwald, Leiter Vertrieb, über die Hintergründe der Veranstaltungsreihe.
Von Thomas Sünder & Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt

Die Roadshow bot auch einige Gelegenheiten, selbst Hand anzulegen – zum Beispiel an einem Ohrpassstück aus Titan
Herr Paul, Herr Wunderwald, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Laborprodukte auf einer Roadshow zu präsentieren? Reicht Ihnen ein Messeauftritt nicht?
Paul: Wir haben im Jahr 2016 schon mal eine Roadshow durchgeführt. Für uns war immer wieder das Thema, den direkten Kontakt zu Hörakustikern in einem anderen Rahmen zu suchen als beispielsweise bei der EUHA oder auch bei anderen Formaten der Branche. Da trifft man sich ja meistens zu einem Hauptthema und bespricht nebenher Sachen, die einem vielleicht auf der Seele liegen. Wir wollten ein richtiges Get-together, das sich auf die wichtigen Themen im Otoplastiklabor und im Hygienebereich fokussiert.
Könnte man das nicht auch einfach online machen?
Paul: Klar, online geht natürlich auch viel, aber Face-to-Face ist das einfach etwas anderes. Wir hatten bereits im Jahr 2019 vor, eine Roadshow zu machen, dann kam Corona.
Wunderwald: Wir haben das Ganze jetzt noch mal aufgegriffen, weil wir gemerkt haben, dass nach Corona sehr viel online stattfand. Wir glauben, dass der Königsweg hybrid zwischen Onlinepräsenz und persönlichen Treffen liegt.
Sie haben bei dem Event hier in Hamburg auch eine großartige, urige Location ausgesucht. Wie wichtig ist das in Ihren Augen für einen solchen Rahmen?
Wunderwald: Das ist uns sehr wichtig und wir haben lange gesucht. Bei einer Roadshow mit mehreren Events kommt man manchmal nicht um klassische Tagungshotels herum. Aber gerade in Hamburg sind wir sehr froh gewesen, diese Location direkt an der Elbe gefunden zu haben. Es sollte ein Ort sein, wo es den Hörakustikern Spaß macht, zusammenzukommen.
Paul: Wir wollten mit der Location auch zum Ausdruck bringen, dass wir es anders machen als sonst üblich. Nämlich nicht die typische Frontalbeschallung, sondern alles wirklich hands-on zum Anfassen. So haben wir dann auch verschiedene Workstations im Gebäude verteilt.
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Wer ist die Kernzielgruppe für Ihre Roadshow? Wir hatten den Eindruck, es waren überwiegend Vertreter individueller Betriebe vor Ort. Sprechen Sie auch Ketten an?
Wunderwald: Bei der Vorbereitung haben wir ganz bewusst alle angesprochen und wollten niemanden ausklammern.
Paul: Für uns war tatsächlich auch nicht der Fokus, ob das jetzt ein Azubi, eine Gesellin, ein Meister oder ob es der Geschäftsführer ist. Die Philosophie von egger ist, dass wir einen gewissen Mehrwert vermitteln, und der ist für alle in der Branche da. Das ist für uns keine reine Verkaufsveranstaltung. Wir hatten auch Quereinsteiger dabei und sogar Branchenfremde, die gesagt haben, sie gehen jetzt ihren Weg in dieser Branche.
Wunderwald: Und weil das Spektrum eben breit war – vom Workshop, wo man selbst die Fräse in die Hand nehmen konnte, bis zum informativen Vortrag –, war alles dabei. Wenn etwas für den einen oder anderen nicht so richtig passt, wird er dafür an einem anderen Punkt der Veranstaltung fündig. So kann sich jeder rauspicken, was ihn interessiert.
»Wir testen alles in unserem Labor auf Herz und Nieren und alles, was nicht unserem Anspruch entspricht, geht auch nicht raus.«
Sie haben die Gruppen auch gut durchmischt. Ist das Teil des Konzepts?
Wunderwald: Ja, es geht auch darum, dass man vielleicht mal nicht mit Kollegen in den Workshop geht, sondern aus seiner kleinen Bubble rauskommt. So schafft man eine Interaktion und tauscht sich untereinander aus.
Wir sprachen vorhin darüber, dass sich durch Corona viel ins Web verlagert hat. Haben Sie das Gefühl, dass mittlerweile eine Art Webinar-Ermüdung eingetreten ist und dass es auch deshalb sinnvoll ist, etwas live zu machen?
Paul: Man hört immer wieder, dass es eine Ermüdung für Onlineformate gibt, aber ich wehre mich ein bisschen dagegen. Ich würde es anders formulieren. Es ist keine Ermüdung da, sondern ein Überangebot. Natürlich ist es ein anderer Aufwand, so etwas vor Ort zu organisieren. Aber unsere Webinar-Reihe, die wir letztes Jahr gestartet haben, läuft wirklich bombastisch. Und warum? Weil wir Wissen vermitteln, unsere Erfahrungen teilen und den Teilnehmern einen echten Mehrwert bieten möchten – und nicht einfach nur eine reine Verkaufsveranstaltung machen wollen. Die Kunden möchten sich nicht drei Stunden lang Vorträge anhören, wo du am Ende rausgehst und sagst: Super, aber was hat es mir jetzt gebracht?
Wunderwald: Genau. Dann bist du irgendwann müde und sagst, das brauche ich nicht mehr. Und dann kommt die nächste Einladung und die nächste und so weiter. Ich glaube, wir haben eher ein Qualitätsproblem bei den Onlineformaten, weshalb manche Teilnehmer dann an künftigen Ausgaben nicht mehr teilnehmen.

Tim Wunderwald informierte während der Roadshow auch über Gehörschutz für Kinder
Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach gerade im Bereich Labormaterial, die Produkte auch mal zum Anfassen zu präsentieren?
Wunderwald: Das ist tatsächlich sehr wichtig. Du weißt von einem Bild oder der Beschreibung ja nicht auf Anhieb, wie ein Produkt funktioniert. Also musst du es schon sehen und anwenden und dann vielleicht auch mal auf etwas stoßen, das man noch gar nicht kannte.
Paul: Das ist auch so ein Konzept, das wir seit einigen Jahren auf unserem Messestand leben. Wir haben eine große Theke, auf der unsere Produkte ausgestellt sind, die man anfassen kann. Einerseits, weil wir gemerkt haben, dass es ganz wichtig ist, dass man das physische Erlebnis hat. Der andere Hintergrund ist, dass man heutzutage viel online bekommt, oft zu einem viel günstigeren Preis. Auf den Bildern schaut das dann alles gleich aus. Aber echte Qualität spürt man eben, wenn man sie anfasst.
Inwiefern unterscheidet sich für Sie eine Roadshow von einem Messeauftritt?
Paul: Ein ganz wichtiger Unterschied ist der Zeitfaktor. Wir waren in Hamburg vier Mitarbeiter von egger und hatten 21 Teilnehmer. Das ist ein ganz anderer Austausch und ermöglicht eine intensivere Betreuung als auf einer Messe. Auf der EUHA sind wir durchgängig im Gespräch, da hast du für einen Kunden am Stand vielleicht zwischen zehn Minuten und einer halben Stunde Zeit. Dann stehen schon die nächsten Interessenten dort und warten. Man will dann ja auch allen gerecht werden und sie nicht zu lange warten lassen.
Ihre Roadshow fand sowohl in Großstädten als auch in kleineren Orten statt. Bemerken Sie regionale Unterschiede?
Paul: Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, nicht nur Ballungsgebiete anzusteuern, sondern auch andere Regionen. Und die regionalen Unterschiede sind für uns das Spannende.
Die Themen reichten von Gehörschutz für Kinder über Otoplastikfräsen mit verschiedenen Materialien bis hin zu Ohrreinigung. Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Themen ausgewählt?
Wunderwald: Wir hatten ja Webinare gemacht und Ohrreinigung war schon immer ein Thema, das auf großes Interesse stieß. Beim ersten Webinar dazu hatten wir rund 600 Teilnehmer. Auch Kindergehörschutz stieß auf großes Echo. Vieles basiert auf Rückmeldungen aus dem Markt sowie auf Erfahrungen unseres Kundensupports und Vertriebsteams.

Team egger: Andreas Schwer, Daniel Paul, Tim Wunderwald und Marc Schmidt (v. li.)
egger bietet aktuell 1.200 Produkte an. Wie wird ein so umfangreicher Katalog gemanagt?
Wunderwald: 1.200 Produkte klingen im ersten Moment nach einer Menge – und das sind sie auch. So ein Sortiment kann man nur sauber managen, wenn die Prozesse stimmen. Bei uns arbeiten dafür Produktmanagement, Einkauf, Lager, Vertrieb und unsere eigene Konfektionierung eng zusammen. Dazu haben wir natürlich ein starkes Warenwirtschaftssystem, das uns bei der Steuerung unterstützt. Aber ganz ehrlich: Am Ende lebt so etwas vom Zusammenspiel der Menschen und davon, dass jeder Bereich sauber ineinandergreift.
Paul: Es kommt ja noch das Thema Medizinprodukte dazu, was einen riesengroßen Verwaltungsakt nach sich zieht. Und wir versuchen wirklich alles, was geht, aus Deutschland oder Europa zu beziehen. Was aber auch ganz wichtig ist: Unser System ist über 73 Jahre organisch gewachsen. Wenn man so etwas Komplexes heute von null auf neu aufbauen würde, könnte man das mit unserer Teamgröße gar nicht bewältigen. Dafür bräuchte man mehr Leute. Auch die Zusammenarbeit mit bewährten Lieferanten ist über Jahre gewachsen, und daran halten wir auch fest, weil wir so unsere Qualitätsstandards sichern können.
Qualität ist ein gutes Stichwort. Was muss ein neues Produkt leisten, um in Ihren Katalog aufgenommen zu werden?
Wunderwald: Wir testen alles in unserem Labor auf Herz und Nieren. Alles, was nicht unserem Anspruch entspricht, geht auch nicht raus. Das ist sehr zeitaufwändig. Wenn es gut läuft, besteht vielleicht eins von fünf Produkten unsere Tests, alles andere sortieren wir aus.
Paul: Und die Hörakustik stellt halt auch ganz besondere Ansprüche. Manchmal braucht ein Produkt Eigenschaften, an die man vorher nicht unbedingt denkt. Nehmen wir unseren Ohrhaartrimmer. Was ist die wichtigste Eigenschaft, die so ein Gerät braucht? Da denkt man erst mal an Hygiene, gute Reinigungsmöglichkeiten oder auch gute Batterieleistung. Das ist alles fraglos wichtig. Aber viel wichtiger ist die Lautstärke. Wenn ich einem Kunden so ein Gerät ins Ohr stecke, darf das natürlich nicht zu laut sein. Es war gar nicht so einfach, ein solches Gerät zu finden.
Herr Paul, Herr Wunderwald, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Die Show in Hamburg
Der Termin in der Hansestadt fand im Weinland Waterfront statt. Das 1829 erbaute Gebäude diente ursprünglich als kleine Werft direkt am Hafen, heute beheimatet es eine geschmackvoll eingerichtete Bodega samt Eventlocation – wie gemacht für eine Veranstaltung wie die von egger. Die separaten Räume boten Platz für drei verschiedene Stationen, in denen man sich zu je einem Themenbereich informieren konnte. Ob bei den Fräsen samt jeglichem Zubehör, bei dem Vortrag zur Ohrreinigung samt Hands-on-Teil oder rund um Gehörschutz – überall gab es Gelegenheit zum Ausprobieren und Fragenstellen sowie zum Austausch mit dem egger-Team und den anderen Teilnehmenden in angenehmer Atmosphäre, sodass hier wirklich keine Frage offen blieb.
