Eröffneten gemeinsam mit den HörPartnern ein Fachgeschäft in Eisenhüttenstadt: die Hörakustikerinnen Maren Bogun (re.) und Nadine Radloff (li.)

»Heute kommen wir zur Arbeit und freuen uns«

Von Martin Schaarschmidt (HörPartner) / Fotos: Schaarschmidt

»Dein Ort zum Pläneschmieden«; mit diesem Slogan lädt derzeit Eisenhüttenstadt, die einstige sozialistische Planstadt, von Wohnungsnot geplagte Berliner zum Probewohnen ein – mit erstaunlich großer Resonanz. Dass ihre Stadt lebenswert ist, wussten die Hörakustikerinnen Maren Bogun und Nadine Radloff schon lange. Wie gut sich Eisenhüttenstadt zum Pläneschmieden eignet, wissen die beiden inzwischen auch: Gemeinsam mit den HörPartnern eröffneten sie hier Anfang des Jahres ein neues Hörakustik-Fachgeschäft.

Als die Stadt an der Oder ab 1950 als Wohnstadt für das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) entstand, hieß sie noch Stalinstadt. Und sie stand für eine Utopie, die spätestens mit der DDR vorbei war. Bis in die 1980er Jahre wurden sieben Wohnkomplexe (WK) errichtet. Der letzte, WK VII mit 2.800 Wohnungen, ist inzwischen fast vollständig abgerissen: Von den 53.000 Einwohnern, die Eisenhüttenstadt einmal hatte, ist die Hälfte weg. Geblieben sind der sozialistische Klassizismus, das größte Flächendenkmal Deutschlands, das man in Stadtführungen besichtigen kann, die Großgaststätte »Aktivist«, das verlassene Hotel »Lunik«, das Museum »Utopie und Alltag« und eine Menge zuversichtlicher DDR-Kunst – wie das große Wandgemälde, auf dem die Hüttenwerker eine Friedenstaube fliegen lassen.

Hörakustikmeisterin Maren Bogun und Hörakustikerin Nadine Radloff leben gerne in Eisenhüttenstadt – »vor allem wegen der Menschen«. Maren Bogun ist hier geboren, Nadine Radloff zog es »der Liebe wegen« vor elf Jahren hierher: »Eigentlich bin ich ein Berliner Pflänzchen, im Wedding und im Tiergarten aufgewachsen. Doch die Leute hier sind ganz anders. Es zählt dieses persönliche Verhältnis, so ein herzliches Miteinander, offen und ehrlich. Auch mit den Kunden ist das so. Ich freue mich, wenn ich sie sehe, und sie freuen sich gleichfalls.«

Und der Zusammenhalt in der Familie sei hier noch wichtig, ergänzt Maren Bogun: »Aus meiner Generation sind nach der Wende ganz viele weggegangen. Manche kommen jetzt wieder zurück, weil sie noch Familie hier haben.« Und an ihrem Beruf – so die beiden – sei es das Schönste, Kontakt zu so vielen Menschen zu finden: »Manche Erlebnisse sind einfach unbezahlbar.«

Ich treffe Maren Bogun und Nadine Radloff in ihrer neuen Wirkungsstätte, dem HörPartner-Fachgeschäft in der Lindenallee 36, das vor drei Monaten eröffnete. In einem Filialteam waren die zwei Hörakustikerinnen aber schon vorher – bis letzten November im örtlichen Geschäft eines Großfilialisten, kaum 50 Meter von hier entfernt. Dort hat Maren Bogun zwölf Jahre gearbeitet: Im Geschäft hätten sie sich gut verstanden. Doch der Umsatzdruck, die ständigen Kontrollen, die fehlende Zeit für die Kunden, die Versorgungen wie am Fließband … »Irgendwann konnte ich nicht mehr«, so die Meisterin. »Ich war unzufrieden, sehr gestresst und ich lebte mit dem Gefühl, dass ich den Kunden nicht gerecht werde. Ich wollte wieder in den Spiegel sehen können.«

»Dass eine Firma erst Personal sucht, um dann ein Geschäft zu eröffnen, kam in meiner Vorstellung nicht vor«

In der Hörakustik ist Maren Bogun seit mehr als 25 Jahren: Ausgebildet wurde sie in einem kleinen Betrieb vor Ort. Doch nach ihrer Elternzeit sei es dort nicht mehr gelaufen. Also wechselte sie zum Großfilialisten, wo ihr zehn Jahre später Nadine Radloff begegnete: »Ich hatte lange in der Systemgastronomie und später im Einzelhandel gearbeitet«, so die Kollegin. »Dann schulte ich zur Hörakustikerin um – bei diesem Großfilialisten. Ich war von Anfang an etwas skeptisch; mit der Anstellung bei einer Aktiengesellschaft hatte ich schon Erfahrung … Unser Team in der Filiale war toll. Dennoch habe ich schon bald nach Alternativen geschaut. Nur gibt es in der Gegend nicht viel, wohin man wechseln könnte.«

Etwa ein Jahr arbeiteten beide in dieser Filiale zusammen. »Dann stand Maren eines Tages im Geschäft und meinte: >Ich kündige!<«, so Nadine Radloff. »Sie zeigte mir die Telefonnummer ihres neuen Arbeitgebers. Und ich meinte: >Die habe ich auch schon.< Mich hatten sie schon bei der Umschulung gefragt: >Warum gehst du nicht zu den HörPartnern?< Aber die waren in Berlin. Und ich hatte die Umschulung begonnen, um nicht länger nach Berlin zu pendeln. Dass eine Firma erst Personal sucht, um dann einen Standort zu eröffnen, kam in meiner Vorstellung gar nicht vor. Ich habe immer nur geguckt, wo ein Laden ist, in dem man anfangen kann.«

Lutherstadt Wittenberg, Guben, Beeskow, Luckenwalde … – gemeinsam mit guten Mitarbeitern ein neues Fachgeschäft in deren Heimatort zu eröffnen, gehört seit Jahren zur Strategie der HörPartner. Die haben ihren Schwerpunkt in Berlin und Brandenburg, sind mit den derzeit 54 Geschäften aber auch in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Mecklenburg vertreten. Das Unternehmen, das auf gutes Handwerk und gutes soziales Klima setzt, sowie dessen spezielle Wachstumsstrategie überzeugten meine Gesprächspartnerinnen: »Man sucht zuerst Menschen, die wirklich in die Firma passen. Dann sucht man ein gutes Ladenlokal … Das erste Gespräch mit den HörPartnern hatte jede von uns allein. Alles lief super offen und wir sagten uns beide: >Das ist es!<« Mit ihrer alten Firma hätten sie sich nicht überworfen. »Aber wir haben so gekündigt, dass wir hier gleichzeitig anfangen konnten.«

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»Manche Erlebnisse sind einfach unbezahlbar« – Hörakustikmeisterin Maren Bogun (re.) schätzt an ihrem Beruf vor allem den Kontakt zu vielen Menschen

»Man hat uns gefragt, was wir uns wünschen; unsere Wunschliste wurde sogar übertroffen«

Schon an der Suche nach dem Ladenlokal seien sie von Anfang an beteiligt gewesen, so die Akustikerinnen: »Jan aus unserer Zentrale war unser erster Ansprechpartner für die Projektplanung. Er schickte uns Vorschläge für den Standort, wir haben uns das angeguckt. >Was sagt ihr dazu? Was ist das für eine Gegend?< Sowas weiß man ja eigentlich nur, wenn man die Stadt kennt. Es gibt eben Grenzen, eine Brücke zum Beispiel, über die geht kein Kunde. Woanders gibt es keine Parkplätze. Und Hörgeräte bekommt man hier seit jeher in der Linden- oder in der Saarlouiser Straße. Das ist in den Köpfen so drin. Und als wir dann noch die Räume hier sahen, hat uns das gleich überzeugt.«

Überzeugt waren die beiden auch von der Art und Weise, wie ihr neues Fachgeschäft entstand: »Man hat uns gefragt, was wir uns wünschen«, so Nadine Radloff. »Natürlich ist nicht immer alles machbar. Doch unsere Wunschliste wurde sogar übertroffen. Die Öffnungszeiten sind so abgestimmt, dass es für uns sehr gut passt. Ein weiterer Wunsch war eine Kabine mit Tageslicht. Die hatte Maren zwölf Jahre lang nicht. Den ganzen Tag in diesem kleinen Raum! Frische Luft gab‘s nur, wenn ein Kunde ging und der andere kam.«

Auch der Ladenbau sei gut durchdacht und strukturiert gewesen: »Die HörPartner haben da ihr eigenes Team, das die Filialen seit Jahren ausstattet; und das merkt man. >Wo wollt ihr die Schränke haben? Wie möchtet ihr die Regalbögen?< Wir wurden immer gefragt. War etwas nicht optimal, wurde ausgetauscht. Und pünktlich zur Eröffnung war der Laden bestens bestückt. Alle waren prima aufeinander abgestimmt. Auch das hatten wir bei einem Umzug mit unserem früheren Arbeitgeber ganz anders erlebt.«

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»Ein Wunsch von uns war eine Kabine mit Tageslicht« – Hörakustikerin Nadine Radloff (li.) bei einer Messung in einer der neuen Hörkabinen

»Mit Berlin-Zehlendorf kann man die Kaufkraft hier nicht vergleichen«

Maren Bogun und Nadine Radloff führen mich durch ihr neues Domizil: schon der Eingang ist rollstuhlgerecht, ein Empfangstresen, ein Wartebereich, der Platz für Wartung und Reparaturen, der für die Kunden gut einsehbar ist, so dass sie Hörakustik-Handwerk erleben. Es folgen die Ecke zum Testen der TV-Connectoren und zwei große, helle Anpasskabinen mit Wohnzimmer-Atmosphäre. »Die ist auch für Begleitpersonen wichtig«, erklären meine Gastgeberinnen. »In den Kabinen gibt es Sitzecken für sie. Man kann entspannt warten, einen Kaffee trinken, hat WLAN. Und wenn es passt, wird man von uns in die Anpassung einbezogen.«

Bei Messung und Einstellung sei ihnen generell wichtig, dass die Kunden entspannen können: »Schon deshalb bekommt jeder bei uns zuerst einen Kaffee oder Tee«, so Maren Bogun. »Dann wissen die Leute nämlich, dass sie nicht schnell auf Knopfdruck funktionieren müssen. Je wohler sie sich fühlen, umso effizienter ist anschließend die Messung.«

»Und außerdem haben wir jetzt Blumen«, wirft Nadine Radloff ein, um mich weiter durch den Laden zu führen. »Und wir haben einen Pausenraum mit Tageslicht und Heizung. Auch darüber sind wir glücklich, weil wir das schon anders erlebt haben. Und es gibt einen schönen Lagerraum, unser WC und vor allem: ein Kunden-WC. Das ist in unserer ländlichen Region absolut wichtig. Ehe die Kunden bei uns ankommen, fahren sie oft lang. Viele sammelt der Fahrdienst auf den Dörfern ein, dann sitzen sie ewig im Bus.«

Neuzelle, Lawitz, Steinsdorf … viele Kunden kämen aus dem Umland, um in Eisenhüttenstadt zum Hörakustiker zu gehen. »Oft fahren sie 20 Kilometer und mehr. Ob sie zu uns, nach Guben oder Frankfurt fahren, hängt davon ab, wo sie einkaufen oder wo vielleicht Verwandtschaft wohnt.« In Eisenhüttenstadt können Kunden heute zwischen vier Hörakustikern wählen – zwei inhabergeführte Geschäfte, der Großfilialist und die HörPartner. »Wir kennen uns alle und reden auch miteinander«, so Maren Bogun über ihre Wettbewerber. »Beim einen Einzelkämpfer habe ich gelernt, beim anderen arbeitet meine damalige Meisterin.«

Die Hörgeräte-Wünsche der Eisenhüttenstädter seien so wie überall, wird mir versichert: »Die meisten wollen klein und unauffällig, die Jüngeren auch Konnektivität. Aber auch Leute über 80 kommen mit Handy und Apps inzwischen gut klar. Da muss man sich nur ein bisschen Zeit nehmen.« Zur Frage nach der Kaufkraft ihrer Kundschaft meint Nadine Radloff: »Mit Berlin-Zehlendorf kann man es nicht vergleichen. Wer früher im EKO gearbeitet hat, bekommt eine relativ gute Rente. Aber das werden immer weniger. Das Werk hat sehr viel Personal abgebaut. Heute sind viele über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Eine Papierfabrik kam dazu, in der sie ganz gut verdienen. Doch wer pflegebedürftig ist oder Angehörige pflegt, kommt mit seiner Rente kaum hin.«

»Die Qualität im Handwerk ist wirklich gewollt, die steht nicht nur auf den Plakaten«

Nein, ihren Wechsel zu den HörPartnern hätten sie keinen Moment bereut, so meine Gesprächspartnerinnen. »Heute kommen wir zur Arbeit und freuen uns, dass wir wieder Akustik machen dürfen«, so Maren Bogun. »Mein Mann fragte: >Was ist los bei euch? Du bist jetzt immer viel entspannter?< Früher hat er oft gar nicht gefragt, was auf der Arbeit los war. Das sah er mir schon an. Ich weiß gar nicht, warum ich nicht schon eher gewechselt bin.« »Meine Kinder fanden auch, dass es mir jetzt besser geht. Und ich bin froh, dass du mit dem Wechseln auf mich gewartet hast. Auch wenn das jetzt bei dir zwölf Jahre waren«, so Nadine Radloff lachend.

Ein klares Plus sei eben, dass ihr neuer Arbeitgeber ein mittelständisches Unternehmen in Handwerkerhänden ist: »Unser Teamleiter und die Gebietsleiterin nehmen sich Zeit für unsere Fragen«, so Nadine Radloff. »Zur Eröffnung gab es einen Blumenstrauß: >Herzlich willkommen! Wir freuen uns, dass ihr da seid!< Man fühlt sich auch menschlich abgeholt. Und jeder Hörakustiker im Unternehmen, egal auf welcher Ebene, arbeitet immer noch am Kunden.« »Das ist ein großes Plus«, findet auch Maren Bogun. »Alle sind auf Augenhöhe. Und die Qualität der Arbeit ist eine andere. Bei den Messungen denke ich heute noch manchmal: >Schnell, schnell!< Das ist einfach so drin, und ich hoffe, dass das irgendwann weggeht. Ich muss mir dann immer sagen: >Nein, du hast Zeit. Du musst nichts mehr irgendwie schnell hinbauen. Du kannst es wirklich messen.<«

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Eine Utopie, die spätestens mit der DDR vorbei war: Als einstige sozialistische Planstadt ist Eisenhüttenstadt heute das größte Flächendenkmal Deutschlands

Dann erzählen beide von der Einarbeitung – mehrere Wochen mit 1:1-Betreuung in anderen HörPartner-Filialen. »Es war immer jemand da, den man fragen konnte. Dadurch nimmt man super viel mit. Auch in der Zentrale in Berlin waren wir. Man merkt die Energie. Alle reden miteinander und können sich gut leiden. Nie heißt es: >Das musst du doch wissen?!< Es ist immer ein Miteinander. Und man merkt, dass gutes Handwerk wirklich gewollt ist, nicht nur auf den Plakaten steht.« »In meiner Umschulung in Lübeck fand ich die Anpassung mit In-situ so geil«, ergänzt Nadine Radloff. »Damals wollte ich unbedingt so arbeiten, doch es ließ sich nie umsetzen. Hier hingegen ist es Standard. Und wenn ein Kunde ein Problem hat, dann können wir das nun handwerklich gut lösen. Wir können jetzt ganz anders arbeiten.«

Zudem seien sie die einzigen am Standort, die fortan ICP-Hörgeräte anbieten. »Bei der schweren Industrie am Ort ist sowas natürlich wichtig, aber das müssen wir hier erst etablieren. Bislang wurde ohne ICP versorgt, obwohl viele es brauchen.«

Das neue Geschäft: »Manche Kunden haben richtig nach uns gesucht«

Über Mangel an Nachfrage können sich die beiden schon jetzt nicht beklagen: »Werbung im Radio, an Einkaufswagen und in der Zeitung, Plakate mit unseren Gesichtern – die Zentrale hat ganz viel Marketing gemacht, und auch da werden wir gefragt. Und wir hatten eigene Ideen, die das Marketing-Team ebenso umgesetzt hat: die Bushaltestelle gegenüber, die jetzt immer unsere Werbung bekommt, und die Flyer, die wir überall verteilen.« Und im Sommer beim Stadtfest wollen die beiden unbedingt eine Aktion machen, vielleicht mit Glücksrad.

»Viele Kunden kommen, weil sie uns auf den Plakaten oder in der Zeitung erkannt haben«, so Nadine Radloff. »Manche haben auch richtig nach uns gesucht. Und es gibt Kunden, die zu uns kommen, weil sie woanders nicht so zufrieden waren, und die nun wirklich glücklich sind, weil wir ihnen mit den guten Messungen weiterhelfen. Erst gestern war ein älterer Herr hier. Er wollte sich wiederversorgen lassen und war mit seinem aktuellen Akustiker nicht glücklich. Und dann sah er auch noch Maren und strahlte: >Mensch, hier bist du, Frau Bogun! Jetzt muss ich dich mal drücken!<«