Editorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wo wird das wohl hinführen? In die Sucht? Kann gut sein. Anders kann ich mir jedenfalls kaum erklären, warum die Nutzung von zum Beispiel ChatGPT so preiswert ist. Mal ehrlich: Für nicht mal 25 Euro im Monat nutze ich das Ding beinahe täglich. Fürs Korrekturlesen, ab und an aus Recherchezwecken oder für private Interessen. Und ich gebe zu: Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut das funktioniert. Und ja, selbst in der kostenlosen Nutzung macht das schon Spaß.
Allerdings habe ich auch schon ein paar enttäuschende Erfahrungen gesammelt. Einmal habe ich zum Beispiel versucht, ein Foto mit ChatGPT zu bearbeiten. Aber als das nach drei Versuchen nicht so klappte, wie ich mir das erhofft hatte, machte ich es dann doch wieder mit Photoshop. Einmal habe ich das Ding auch dabei erwischt, wie es einen Namen in einer Meldung falsch korrigierte. Zum Glück war der Name, um den es ging, für mich merkwürdig genug, sonst wäre mir das vielleicht durchgerutscht. Ich schrieb dann in die Maske: »Warum hast du den Namen geändert? Wir haben hier doch festgelegt, dass du die Namen beim Korrekturlesen nicht anrühren sollst.« Es antwortetete, dass der Name ja aus diesem einen Land käme und man ihn dort so schreibt. Und ich: »Ok, aber auf der Website des Konzerns wird der Name des CEOs so geschrieben, wie ich es in der Meldung getan hane. Und bei dem Konzern werden die ja wohl wissen, wie man den Namen vom Chef schreibt.« Das Ding antwortete in der ihm eigenen lieben, unterwürfigen Art und Weise, dass das nicht wieder vorkomme. »Glück gehabt, Kleiner«, dachte ich.
Vor einigen Monaten habe ich auch mal Zeit mit dem Versuch verbracht, ChatGPT beizubringen, News für unsere Website zu schreiben. Ich hatte mir da so ein Training überlegt, das ChatGPT dazu befähigen sollte. Jedenfalls war ich sozusagen noch mitten im Training, da wollte das Ding es schon selbst versuchen dürfen. Ein, zwei Trainingsrunden später willigte ich ein. Als nach ein paar Sekunden das Ergebnis kam, war ich baff. Es gab zwar noch eine thematische Dopplung, aber davon abgesehen, hätte man den Text so veröffentlichen können. Ich machte noch ein paar Durchläufe. Und wieder bedurfte es nur kleiner Änderungen meinerseits. Ich war geflasht, wie Hamburger meiner Generation zu sagen pflegen. Doch dann folgte die Phase der Ernüchterung. Die fünf nächsten Aufträge erledigte das Ding so dermaßen unbefriedigend, dass ich zu dem Schluss kam, erst einmal nicht weiterzumachen. Ich wollte ja Zeit sparen. Und wenn ich den Input für die Meldung einmal lese, dann ChatGPT bitte, daraus eine News zu formulieren, die ich dann auch aufmerksam lese und korrigiere, und der Korrekturbedarf etwas größer ist, dann komme ich schneller zu einem Ergebnis, wenn ich die Meldung selbst schreibe.
Aber bevor ich den Faden verliere. Nicht mal 25 Euro für so eine Hilfe ist trotz allem der Wahnsinn. Einer meiner IT-Freunde, ich erwähnte ihn hier schon einmal, programmiert gerade mithilfe von Claude eine etwas größere Website mit einer ziemlich großen Datenbank und so weiter. 100 Euro zahlt er dafür monatlich an Anthropic für die Nutzung von Claude. Würde man auf dem freien Markt so eine Website in Auftrag geben, wäre die, sagt er, nicht für unter 25.000 Euro zu bekommen. Was er aber auch sagt: Mit Claude macht er all die Arbeit in einem Bruchteil der Zeit, die er ohne KI-Hilfe hätte aufwenden müssen.
Aber zurück zu meiner Ausgangsfrage: In welcher Phase des KI-Zeitalters sind wir gerade? In der des Süchtig-Machens? Und was folgt dann? Werden wir bereit sein, monatlich auch mehrere hundert Euro für die Nutzung von KI-Modellen zu zahlen? Womöglich sogar 1.000 Euro oder noch mehr?
Was da auch kommen mag – es wird sicherlich nicht verkehrt sein, sich seine Skills zu bewahren und sie auch noch weiterzuentwickeln. In diesem Sinne: Überlasst nicht alles diesen Dingern.
P. S.: Was ich übrigens beruhigend finde: ChatGPT hat beim Korrigieren dieses Textes keinerlei Anmerkung gemacht, dass ich über ihn schreibe. Oder lässt er sich einfach nur nichts anmerken?
Dennis Kraus
