»Super cool« – zu Besuch bei GN Hearing in Ballerup

GN-Hearing-Zentrale in Ballerup: »Arbeiten mit Leidenschaft dafür, das Leben der Nutzerinnen und Nutzer zu verbessern«
Bequem vorlesen lassen:
Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt
Kurz vor dem offiziellen Launch lud GN Hearing die Presse ins Hauptquartier nach Ballerup ein, um ihr ReSound Sensia vorzustellen. Vor Ort bekam man aber nicht nur einen Deep Dive in die neue Hörsystemfamilie. Es gab auch die Gelegenheit, mit führenden Entwicklern und Marketers zu sprechen. Mit einem Besuch im Königlichen Dänischen Schauspielhaus unterstrich der Hersteller außerdem einmal mehr sein Engagement für Auracast.
Die Freude über die neue Produktfamilie schwingt an diesem Dienstagmorgen in jedem Satz mit. »Excited« sei man, mit den Anwesenden die Neuigkeiten zu teilen, sagt Maria Bybjerg, Senior Vice President Global Marketing bei GN Hearing. Vor ihr sitzt eine kleine Gruppe internationaler Journalistinnen und Journalisten, die GN für anderthalb Tage nach Ballerup eingeladen hat. Auf dem Programm stehen ein »Deep Dive« in die Innovationen hinter ReSound Sensia, Einzelgespräche mit Experten aus den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktmanagement und Marketing, eine Besichtigung der Forschungsabteilung sowie des Königlichen Dänischen Schauspielhauses.
Zusammen mit dem Chief Technology Officer, dem Lead Research Scientist, dem Head of Product & Partner Marketing und einigen anderen hat der Pressetrupp in einem großen Konferenzraum im Atrium des Hauptgebäudes von GN Hearing Platz genommen.
»Alle hier im Raum lieben, was sie machen und arbeiten mit Leidenschaft dafür, das Leben der Nutzerinnen und Nutzer immer weiter zu verbessern«, sagt Maria Bybjerg. Ein bisschen klingt das wie die Mission der Tech-Giganten im Silicon Valley: Making the world a better place. Und tatsächlich entsteht während des Besuchs im GN Headquarter das Bild eines engagierten, innovationsfreudigen, internationalen, sympathischen Unternehmens.
In das Bild des sympathischen, nahbaren Unternehmens reiht sich auch Peter Justesen ein. »Für uns ist das ein besonderer Tag«, sagt der President von GN Hearing. Für den heutigen Teil des Media Events hat er extra seinen Urlaub unterbrochen.
In die Branche sei er eher »reingestolpert«, erzählt er. Lange bleiben wollte er zunächst auch nicht. Eigentlich ist er Anwalt und hat einen Investment-Banking-Hintergrund. Aber das ist nun 14 Jahre her. »GN hilft Menschen, ihr Leben besser zu leben. Wir machen einen Unterschied, das ist supercool«, sagt er. Zudem sei er stolz auf das Team. Bevor Peter Justesen im Juni 2025 President von GN Hearing wurde, hatte er bereits einige Posten in dem Unternehmen inne. Mit ihm steht also einer aus den eigenen Reihen an der Spitze.
Natürlich kommt Peter Justesen auch auf ReSound Sensia zu sprechen. »Wir kommen hier nicht mit Innovationen nur der Innovationen wegen«, stellt er klar. »Wir verfolgen eine Absicht, nämlich den Nutzern weitere Vorteile anzubieten.« Und das sei mit der neuen Produktfamilie erneut gelungen – ohne Kompromisse bei der Größe, beim Stromverbrauch oder dem Preis machen zu müssen.
Anzeige
Der große Schritt nach vorn
Den angekündigten Deep Dive startet Dr. Laurel Christensen, Chief Audiology Officer bei GN Hearing. »Ich habe die Ehre, Ihnen im Namen von 400 Ingenieuren und Entwicklern ReSound Sensia vorzustellen«, sagt die Amerikanerin.
Um deutlich zu machen, welchen Weg GN Hearing bis hierher zurückgelegt hat, zeigt sie einige Meilensteine des Herstellers. Man sieht das ReSound Air, ReSound Alera, ReSound LiNX, ReSound ONE und ReSound Vivia – vom Better Ear Mode zum DNN-Denoising, von der 2,4-GHz-Funktechnologie über Made for iPhone bis Auracast.
Für ReSound Sensia sei man diesen Weg konsequent weitergegangen. »Vivia war ja schon gut, aber das DNN für die Sprachhervorhebung musste man selbst aktivieren«, sagt Christensen. Für die Nachfolgerfamilie habe man das überwinden wollen. Das DNN sollte bei Bedarf automatisch starten.
Damit ist Laurel Christensen auch schon bei der wohl wichtigsten Innovation im ReSound Sensia. »Dass wir nun in der Lage sind, das DNN in die Automatik einzugliedern, ist hier sicherlich der große Schritt nach vorn«, wird Brian Dam Pedersen, Chief Technology Officer bei GN Hearing, am nächsten Tag im Interview sagen. Aber zunächst berichtet Laurel Christensen, welche Hürden dafür übersprungen werden mussten.
Die Herausforderung sei gewesen, eine möglichst perfekte Umgebungsklassifizierung zu haben. Schließlich soll die Automatik stets die richtigen Features zum richtigen Zeitpunkt aktivieren.
Dass das möglich wird, dafür sorgt in ReSound Sensia AcoustIQ – denn die neue Automatik Intelligent All-Around soll ein möglichst natürliches Hörerlebnis bieten. Das DNN, das weiterhin auf einem Extra-Chip arbeitet, wird von Intelligent All-Around bei Bedarf hinzugeschaltet, was GN weiterhin energieeffizient umsetzt. Die Akku-Laufzeit gibt man mit 24 Stunden an. Die Anpassungen an die Umgebung erfolgten dabei »nahtlos und sanft«.
Realisiert werde das im ReSound Sensia durch ein »Technologie-Trio«, vereint in der neuen Automatik, erklärt Laurel Christensen. Zunächst ist da AcoustIQ, das die Umgebung binnen 1,5 Millisekunden analysieren kann, um sie anschließend zu klassifizieren. Laut eigenen Studien gelinge das AcoustIQ in 91 Prozent der Fälle. Damit sei man »besser als der Wettbewerb«, betont Christensen. Ebenso habe die Studie zutage gefördert, dass in der Folge zu 88 Prozent häufiger die richtigen Features aktiviert wurden als bei der »nächstbesten Wettbewerbslösung«.
Übrigens: Musik gehört nicht zu den sieben Umgebungen, in die AcoustIQ eine Situation klassifiziert. Möchte man Musik genießen, muss man ins Musikprogramm wechseln. So möchte GN zum Beispiel verhindern, dass während eines Restaurantbesuchs, wo im Hintergrund Musik läuft und mal keine Sprache prominent präsent ist, das Musikprogramm aktiviert wird und die Konversation erschwert.


Peter Justesen, President von GN Hearing (li.), begrüßte die Presse, Laurel Christensen gab den Deep Dive in ReSound Sensia
Der zweite Teil des Technologie-Trios ist der 4-Mikrofon-Beamformer, den man bereits am ReSound Vivia schätzte. Ist die Situation weniger herausfordernd, bleibt die Richtwirkung möglichst weit, während räumliche Hinweisreize erhalten bleiben. Wird die Situation schwieriger, verengt sich die Richtwirkung und das DNN aktiviert sich. Durch die Kombination aus Beamformer und DNN soll außerdem verhindert werden, dass automatisch die lauteste Stimme hervorgehoben wird. »Nutzer müssen die Macht darüber haben, wessen Stimme sie hören wollen«, sagt Laurel Christensen. Insofern setzt man hier auch darauf, dass man die Person anschaut, der man zuhören möchte. Aber auch mehrere Personen parallel könne der Beamformer fokussieren. Befindet sich der Gesprächspartner neben einem, zum Beispiel im Auto, werde das ebenso erkannt und der Better Ear Mode aktiviert.
Komplettiert wird das Trio durch die DNN-Störschallreduzierung, die man für ReSound Sensia weiter habe verbessern können. Laut einer Studie, die GN mit dem Hörzentrum Oldenburg durchgeführt hat, konnten 80 Prozent der Probanden den Gesprächspartner mit ReSound Sensia besser verstehen als mit der Lösung eines anderen führenden Herstellers, die ebenfalls ein DNN zur Signalverarbeitung nutzt. So liegt nun die zweite Hörsystemfamilie von GN vor, die künstliche Intelligenz für das Herausfiltern von Störlärm anwendet.
Dass so etwas tatsächlich mal möglich werden könnte, wurde Chief Technology Officer Brian Dam Pedersen 2018 endgültig klar. Da hatte die Ohio State University ein Papier veröffentlicht, in dem es hieß, man habe den Cocktailparty-Effekt gelöst. »Das hatten andere zwar auch schon behauptet, aber hier hatten die Forschenden nicht nur Daten, die das belegten. Auch wurde klar Bezug auf Hörgeräte genommen. Und nicht zuletzt waren die beschriebenen Lösungen auf Basis des damaligen technischen Status quo durchaus denkbar. Also begannen wir, uns damit zu beschäftigen«, sagt Brian Dam Pedersen. Gemündet ist die Arbeit in ReSound Vivia, das in Deutschland im Februar 2025 auf den Markt kam. Für ReSound Sensia hat man in puncto DNN-Nutzung nun den nächsten Schritt gemacht.

»Bei der Verbreitung von Auracast gern behilflich« – GN Hearing begleitete die Installation im königlichen Schauspielhaus in Kopenhagen
Das Steckenpferd: die Konnektivität
Nachdem man den gesamten Vormittag über viele weitere Details zum ReSound Sensia erfahren hat, dreht sich der Nachmittag um ein Thema, das GN so konsequent promotet wie sonst kein anderer Hersteller: Auracast.
Um den Nutzen und vor allem die unkomplizierte Installation zu veranschaulichen, geht es in das Königliche Schauspielhaus im Herzen Kopenhagens. Hier hat GN die Installation der Auracast-Streamer begleitet. Denn auch wenn GN selbst die Hardware nicht im Sortiment hat, bei der Verbreitung der neuen Technologie ist man natürlich gern behilflich.
Dass GN auch bei dieser neuen Bluetooth-Technologie wieder der frühe Vogel ist, ist, blickt man mal kurz in den Rückspiegel, kein Zufall. 2010 waren die Dänen die ersten, die die 2,4-GHz-Technologie in Hörgeräten zum Einsatz gebracht hatten. Mit dem ReSound LiNX waren sie 2014 ebenso die ersten mit Made-for-iPhone-Konnektivität und das ReSound Nexia war 2023 das erste Auracast-fähige Hörgerät. Aber woran liegt das eigentlich?
»Vielleicht haben wir den Vorteil, dass zu GN auch Jabra gehört«, sagt Thomas Olsgaard, Principal Engineer bei GN Hearing. »Bei denen geht es ja auch viel um Bluetooth, daher haben wir hier im Haus ein großes Bluetooth-Team.« Jedenfalls sei das Team früh zu der Erkenntnis gelangt, dass Funktechnologie ein gemeinsamer Nenner von vielem werden könnte. Entsprechend habe man das in der Produktentwicklung immer mitgedacht. »Dazu kommt wahrscheinlich außerdem, dass unser Team sehr konstant ist«, meint Olsgaard. »Leute wie Brian, Laurel oder ich sind alle schon sehr lange im Unternehmen, und wir haben das Thema nie aus den Augen verloren.« Wie sein Kollege Brian Dam Pedersen mit seinem Team steht auch Thomas Olsgaard mit seinen Leuten hinter einigen Entwicklungen, die man unweigerlich mit GN verbindet.


Führende Köpfe hinter der GN-Technologie: Principal Engineer Thomas Olsgaard (li.) und Chief Technology Officer Brian Dam Pedersen (re.)
Dabei hilfreich dürfte sicherlich Olsgaards vielseitiges Engagement sein. So ist er zum Beispiel auch für ETSI tätig. Das European Telecommunications Standards Institute legt im Bereich Funktechnik wichtige Standards fest. Zudem berät er die Europäische Union, wenn es um Funktechnologie geht. Andersherum kann er hier außerdem ein Auge darauf haben, dass Regulierungen aus Brüssel Menschen mit Hörminderung nicht noch extra benachteiligen. Und natürlich ist er auch Teil der Bluetooth Special Interest Group (SIG), die Auracast, auch auf sein Ansinnen, initiiert hat. 2013 hatte das da seinen Anfang genommen. Seitdem versucht er, das Thema voranzutreiben, wo er kann.
Einer der wichtigen Punkte im Entwicklungsprozess sei gewesen, früh auf einen Standard hinzuarbeiten, der weit über die Hörgeräteindustrie hinausgeht, also universell kompatibel und für alle von Nutzen sein kann, erzählt Thomas Olsgaard. Die Power der Branche allein werde allerdings nicht reichen, Auracast in der Breite bekanntzumachen und durchzusetzen, sagt er. »Uns war von Anfang an bewusst, dass wir alle Player im Technologiebereich brauchen würden. Schließlich geht es darum, sich mit allem Möglichen verbinden zu können«, so Olsgaard. Was der Bluetooth SIG dabei zugutekommt, ist, dass viele dieser Player dem inklusiven Gedanken, der Auracast eben auch zugrunde liegt, etwas abgewinnen können, erzählt Olsgaard. Nicht anders sei das einst bei Touchscreens oder Hörbüchern gewesen. Auch diese Technologien hatten ihre Anfänge in der Idee von Inklusion.
Genauso brauche es aber auch Geduld. Auf Auracast-fähige Apple-Produkte warte man jedenfalls nach wie vor. Samsung wiederum sei »vom ersten Tag an sehr unterstützend gewesen«, berichtet Olsgaard. Aber auch bei Apple sei, habe er gehört, eine große Bereitschaft vorhanden, Auracast nutzbar zu machen. Wann tatsächlich die ersten Auracast-fähigen Produkte aus Cupertino kommen werden, bleibt aber vorerst offen. Ist es jedoch so weit, werde das der Verbreitung nochmal einen riesigen Schub geben, glaubt Olsgaard.
Hört man Thomas Olsgaard so zu, erfährt man, wie viele Möglichkeiten in dem neuen Standard stecken, die über besseres Verstehen in Kinosälen, Theatern, in Zügen und Bussen oder an Flughafen-Gates sogar noch hinausgehen.
Schon heute hilft einem ein internationaler Blick dabei, sich das besser vorstellen zu können. Katie Ogden, Head of Product & Partner Marketing bei GN, erzählt, dass gerade ein großer britischer Kinobetreiber bekanntgegeben hat, Auracast landesweit in seinen Kinos zu installieren. Und auch, wenn sie keine Hörminderung hat, wird sie sich dann im Kino ihre Earbuds einsetzen, um den Pegel zu kontrollieren. Ihr ist es im Kino nämlich oft einfach zu laut. Wie gesagt: Auracast ist nicht allein für Menschen mit Hörminderung von Nutzen.
