Editorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Servus im Service. Muss ich mehr sagen? Eigentlich nicht. Doch als hanseatischer Römer an dieser Stelle die Klappe zu halten, wäre angesichts der Lage falsch – vor allem, wenn ich sehe, wie man sich in dieser Republik derzeit tagtäglich selbst parodiert.
Wer meinen Einstieg für eine nette bayerische Begrüßung hält – meinetwegen. Ich bin ja im tiefsten Bayern geboren. Es gibt aber einen Grund, warum der Römer sich lieber mit »Salve« grüßt. Denn für ihn heißt Servus schlicht: Sklave. Punkt.
Service ist folglich historisch nichts anderes als das dazugehörige System der totalen Unterwerfung. Das weiß man dort seit über 2000 Jahren, wie einst beim servus a pedibus (dem Läufer) oder dem servus a manu (dem Sekretär). Sinn eines modernen Services sollte es aber eben nicht sein, sich stumpf zu fügen, blind zu gehorchen oder sich vom System knechten zu lassen. Sinn sollte es sein, einander gefällig zu sein – und zwar auf Augenhöhe. Nicht im Sinne von servio auribus – jemandem sklavisch nach dem Mund zu reden oder zu schmeicheln. Sondern im Sinne echter Dienstleistung. Deswegen freut man sich in Italien bis heute über ein ehrliches, wenngleich dezentes Servizio auf der Rechnung, das den Namen auch verdient.
Nun kenne ich die Wehklagen zahlreicher Inhaber hierzulande seit vielen Jahren. Und ja, ich weiß: Ob es Kunden sind, die wie taube Caesaren mit dem pfeifenden Gerät herumfuchteln und den Daumen senken, weil High-Tech-Wunderwerk und Ohr nicht auf Anhieb zu einer Einheit verschmelzen. Oder ob wir über den Zustand hiesiger Autobahnen, der Bahn, der Schulen oder der Kindergärten sprechen: Es läuft derzeit nicht gut.
Doch gerade deswegen sollte man sich stets überlegen, wie man miteinander umgeht. Zumal die Art und Weise, wie man in dieser Republik im Augenblick meint, sich gegenseitig zu »unterstützen«, große Fragen aufwirft. Denn das Warten auf den Support, das kennen Sie ebenso gut, dauert. Und wenn der am Ende keine Lösung bringt, ist sowieso Essig. Da ist es der Römer seit der Antike gewohnt, das unfaire Schicksal – iniquam fortunam patienter supportare – geduldig zu ertragen. Oder sprichwörtlich: die Last von unten zu stützen. Und genau das tun wir auch heute wieder: Wir stützen Sie mit einem sehr spannenden Heft, der Ausgabe #62.
Wie ein befreiender sowie auf Augenhöhe praktizierter Service von morgen aussehen kann, das beweisen die Protagonisten dieses Hefts, und zwar mit ihrem Allgäuer »Monument« alx., das die Beratung aus dem Anpassraum verbannt und dem menschlichen Dialog wieder seine Würde zurückzugibt. Jörg Ellesser indes sprach mit uns so leidenschaftlich über die Pädakustik an sich sowie über die auch hier passende Technologie seines Arbeitgebers Oticon, wie es in den Schulen und Kindergärten dieser Republik vonnöten wäre, um den Jüngsten durch echtes Hinhören von Anfang an ein Leben auf Augenhöhe zu ermöglichen. Und die Software-Rebellen von OPA wollen mit OPA3 zeigen, dass digitaler Support auf Partnerschaft statt Knechtschaft setzt – mit radikaler Freiheit statt starren Verträgen. Denn echter Service erträgt das Schicksal nicht geduldig – er schafft Freiheit.
Servus humillimus,
Jan-Fabio La Malfa

