
Validierung einer Hörkurve für LINA-S[G]
Mehr Kundenzufriedenheit und weniger Nachjustierung mit selbst entwickelter Anpassformel
Von Thomas Sünder / Fotos & Abbildungen: Tobias Gröbe
Tobias Gröbe ist seit 25 Jahren Hörakustikmeister und seit 2019 Inhaber eines eigenen Fachgeschäfts. Schon immer hat er über den Tellerrand geblickt und sich auch als Pädakustiker, Audio- und Hörtherapeut weitergebildet. Darüber hinaus doziert er in Lübeck im Bereich Audiotherapie. Nun geht er noch einen Schritt weiter und hat eine eigene Anpassformel mit dem Namen LINA-[G] entwickelt. Das steht für ‚Loudness Integration & Natural Amplification‘. Im Interview verrät er uns die Hintergründe.
Herr Gröbe, neben herstellereigenen Anpassformeln gibt es etablierte Modelle wie DSL v5 und NAL-NL 2 und 3. Wozu brauchen wir eine weitere Formel?
In meiner langjährigen Praxis als Hörakustiker habe ich eines immer wieder festgestellt: Selbst wenn Hörsysteme nach allen Regeln der Kunst eingestellt sind – inklusive Perzentilanalyse und psychoakustischer Modelle –, spiegeln die Messwerte nicht zwingend das Empfinden der Kunden wider. Oft hieß es trotz optimaler Kurven: »Ich verstehe zwar mehr, aber es klingt metallisch, klirrend und viel zu laut.« Die Folge waren endlose Feinjustierungen nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Der Kunde schilderte ein Störgefühl, ich nahm in bestimmten Frequenzbereichen die Verstärkung zurück, und das Ausprobieren im Alltag begann von vorn. Dieser zeitintensive Prozess war für beide Seiten unbefriedigend. Genau das war mein Anstoß zum Umdenken: Wie schaffen wir einen sanfteren, angenehmeren Einstieg in die Hörsystemversorgung, ohne bei den Messergebnissen und dem Hörerfolg Kompromisse einzugehen?
Hersteller bieten doch in der Regel Einstellungen für schrittweise Akklimatisierung an. Reicht das nicht?
Ja, Hersteller bieten zwar automatische Akklimatisierungsstufen oder stufenweise Prozentreduktionen an, aber das greift oft zu kurz. Entweder sind die Stufen unklar definiert und schwer nachvollziehbar, oder die Verstärkung wird einfach pauschal und linear heruntergeschraubt – völlig am tatsächlichen Bedarf des einzelnen Kunden vorbei. Genau deshalb habe ich mich hingesetzt und so lange getüftelt, bis ich eine eigene, präzisere Lösung entwickelt habe.

Tobias Gröbe, Hörakustik-meister und Entwickler von LINA-[G]
Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ich habe mich hingesetzt und akribisch analysiert: Welche Rückmeldung gibt der Kunde bei welcher Anpassformel und an welchen Stellschrauben muss ich drehen, damit der Klang als angenehm empfunden wird? Parallel habe ich geprüft, ab wann wir im Freiburger Sprachtest wirklich gute Ergebnisse erzielen. Ergänzend habe ich mir die Funktionsweise verschiedener Formeln genau angeschaut, um gezielt einen anderen Ansatz zu entwickeln. Ich sage bewusst ‚anders‘ und nicht ‚besser‘ – denn die etablierten Anpassformeln haben absolut ihre Daseinsberechtigung. Sie existieren seit Jahrzehnten und werden völlig zu Recht erfolgreich eingesetzt.
Haben Sie dabei eine eigene Software benutzt, oder die eines bestimmten Herstellers?
Ich habe dafür bewusst die Software von vier verschiedenen Herstellern genutzt. Da ich im Alltag herstellerübergreifend anpasse, wollte ich mich keinesfalls auf nur ein einziges System fixieren, sondern eine universell funktionierende Lösung finden. Ich habe mir auch im Nachgang bereits abgeschlossener Anpassungen gezielt Fälle angeschaut: Welchen Vorschlag hat die Software auf Basis gängiger Formeln wie NAL-NL2 oder DSL v5 gemacht – und mit welcher Einstellung ist der Kunde am Ende tatsächlich zufrieden nach Hause gegangen? Diese Differenzen habe ich systematisch dokumentiert und ausgewertet.
»Mein mittelfristiges Ziel ist eine teiltransparente Schablone, die sich digital über die Audiometrie-Software oder das REM-Modul legt.«
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Welche Aspekte einer Hörmessung fließen bei Ihrer Anpassformel ein?
Ich berücksichtige nicht nur die reine Luft- und Knochenleitung, sondern beziehe das gesamte audiologische Bild ein – inklusive Unbehaglichkeitsschwelle. Die Formel berechnet theoretisch sogar eine Hochtonaudiometrie bis 16 kHz mit, selbst wenn aktuelle Geräte das noch nicht vollständig umsetzen. Das Ergebnis ist eine optimale Zielkurve für gutes Sprachverstehen bei gleichzeitig angenehmer Lautheit. Ergänzend wird daraus ein individueller Startwert berechnet, der auf sechs zentralen Parametern basiert. Dazu gehört etwa die Hörentwöhnung: Ein Kunde mit plötzlichem Hörsturz benötigt eine ganz andere Anpassung als jemand, der seit zehn Jahren schlecht hört. Das ermitteln wir in der Anamnese. Auch die Lautheitsempfindlichkeit oder zusätzliche Messwerte wie die MCL – soweit gemessen – fließen direkt ein. Das Resultat ist eine fundierte Startkurve, die sofort ein gutes Sprachverstehen ermöglicht, ohne den Kunden zu überfordern.
Wenn ich richtig verstanden habe, bietet Ihr Verfahren einen Anfangswert an, den die Kunden angenehm finden, und einen Zielwert. Wie viele Anpasssitzungen benötigen Sie bis zum Erreichen des Zielwerts?
Der Prozess schrumpft im Wesentlichen auf zwei Termine zusammen: Erstanpassung mit der individuell berechneten Startkurve und eine finale Feinjustierung nach einer Woche. Eine Akklimatisierung von einer Woche reicht. Die Rückmeldungen zeigen, dass die Kunden bereits von Beginn an hervorragend damit arbeiten können.
Haben Sie die Formel bei Neukunden getestet, oder auch bei Bestandskunden?
Derzeit wende ich die Formel hauptsächlich bei Nachjustierungen an – also bei Kunden, die ihre Geräte schon über ein Jahr tragen, aber mit der aktuellen Einstellung unzufrieden sind. Aktuell machen Erstversorgungen erst einen einstelligen Prozentbereich aus, auch wenn ich hier bereits die ersten Erfolge sehe. Der Grund dafür ist simpel: Erfahrene Träger liefern ungleich wertvolleres und fundierteres Feedback als Neulinge. Sie kennen ihren Alltag mit Hörgeräten genau. Bei diesen Kunden erleben wir eine extrem schnelle Adaption, sodass wir meist schon nach einer Woche auf die volle Zielverstärkung gehen können.
Genau genommen haben Sie nicht nur eine Anpassformel entwickelt, sondern gleich drei. Welche sind das?
Genau, das sind LINA-S[G] für Speech Intelligibility, also klare Sprache, LINA-M[G] für Music Fidelity, also klanggetreuen Musikgenuss, und LINA-E[G] für Environment Adaption, also allgemeine Umgebungswahrnehmung ohne Überlastung. Sie richten sich also an unterschiedliche Einsatzbereiche. Bei der M-Variante für Musikliebhaber und Musiker wird berücksichtigt, welchen Musikstil sie bevorzugen und gegebenenfalls, welches Instrument sie spielen. Je nachdem welches Instrument angegeben wird, ergeben sich daraus unterschiedliche Obertöne. Die Zielkurve wird dann so eingestellt, dass das eigene Instrument besonders deutlich zu hören ist. Eine weitere Besonderheit an LINA-M[G] ist, dass sie nicht nur die klassischen drei (Sprach-) Eingangspegel LE50, LE65 und LE80 berechnet, sondern zum besseren Erhalt der Dynamik auch LE20, LE40 und LE90. Das kann dann zusätzlich zum Sprachprogramm in einem weiteren Programm hinterlegt werden, das die Leute dann anwählen, wenn sie Musik hören oder selbst musizieren.

An wen richtet sich das dritte Programm für Umgebungswahrnehmung?
Wenn ein Kunde zu mir kommt und sagt: »Ich bin viel allein in der Natur unterwegs und möchte endlich wieder die Vögel zwitschern hören und unterscheiden können«, stoße ich mit Standardprogrammen an Grenzen. Weder ein sprachoptimiertes noch ein musikoptimiertes Programm liefert dafür das optimale Ergebnis. Dafür gibt es das Environment-Programm – kurz ‚E‘. Es erzeugt ein möglichst natürliches Klangbild, meistert aber gleichzeitig einen feinen Drahtseilakt: Das Gehirn bekommt alle feinen Details übertragen, ohne auditiv überfordert zu werden.
Was bedeutet das [G] hinter den Kürzeln aller dreier Programme?
Das steht für Gröbe. Ich konnte es mir nicht verkneifen, irgendwo auch noch meinen Namen einzubauen.
Sie sagten, sie arbeiten mit vier Herstellern. Wie gehen Sie bei der Anpassung mit den jeweiligen herstellerspezifischen Features um?
Die Hersteller stimmen ihre Zusatzfunktionen primär auf die eigene Hardware ab – meine Sprach-Formel setzt im Grunde oben drüber an und lässt die Features so, wie sie sind. Bei Musik ist das etwas anders: Adaptive Parameter wie Störgeräuschunterdrückung werden so weit wie möglich reduziert. Was ich aber gezielt aktiv lasse, sind herstellerspezifische Rückkopplungssysteme für Musik, da sie für Stabilität sorgen. Das Gleiche gilt auch für das Naturklangprogramm: Sämtliche künstlichen Eingriffe minimieren, um ein unverfälschtes Klangbild zu erhalten.

Im Vergleich: LINA-S[G] mit herkömmlichen Anpassformeln
Wie gelangt die jeweilige LINA-Zielkurve in die Herstellersoftware?
Aktuell müssen die von LINA errechneten Werte noch per Hand in die Herstellersoftware übertragen werden, da bislang keine NOAH-Schnittstelle existiert. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der gesamte Prozess nach einer Viertelstunde abgeschlossen ist: Das Übertragen aller Werte von der Validierungssoftware in die Herstellersoftware und das abschließende Nachmessen der Kurven mittels Perzentilanalyse. Mein mittelfristiges Ziel ist eine teiltransparente Schablone, die sich digital über die Audiometrie-Software oder das REM-Modul legt. So hätte man die berechneten Zielkurven bei der Messung direkt visuell vor Augen.
Was ist Ihr langfristiges Ziel?
Mein klares Ziel ist ein weltweit einsetzbares Produkt für Hörakustiker. Das mag ambitioniert klingen, aber die Formel berücksichtigt bereits unterschiedliche Sprachstrukturen – wie etwa tonale und nicht-tonale Sprachen. Einerseits möchte ich das Tool Akustikern direkt zur Verfügung stellen, andererseits ist mein großer Wunsch, dass die Fachwelt aufmerksam wird: von Hörgeräte- und Audiometer-Herstellern bis hin zu Softwareentwicklern in der Akustikbranche.
Was muss ich als Hörakustiker tun, wenn ich an Ihrer Methode interessiert bin und es gerne im eigenen Fachgeschäft ausprobieren würde?
Interessenten können mich gerne unter info@linag.tech anschreiben. Ich habe mich dazu bereits mit einigen geschätzten Kollegen ausgetauscht. Die waren sofort Feuer und Flamme und meinten direkt: ‚Mensch, das will ich bei mir im Geschäft auch unbedingt einsetzen!‘ Auf der diesjährigen EUHA werde ich am Donnerstag ab 10:00 Uhr in der Live Area einen Vortrag dazu halten. Also wer mich dort direkt persönlich treffen will, ist herzlich eingeladen.
Herr Gröbe, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
