Editorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Akzeptanz trifft auf Veränderung. Oder umgekehrt. Keine Veränderung ohne Akzeptanz? Ich habe es schon wieder vergessen, meine aber, dass es derzeit schon sehr spannende Tage sind. Man kann Veränderungen annehmen, hinnehmen, aber auch gestalten. Doch wer bestimmt eigentlich die Spielregeln dieses Wandels?
Die Versuchung ist groß, die Antwort in kühlen Sparplänen oder den seismischen Verschiebungen auf politischen Bühnen zu vermuten – in Rahmenbedingungen also, die uns zum reinen Hinnehmen verurteilen. Doch ich will heute brav sein. Schließlich steht vom 14. bis 16. Oktober der 70. EUHA-Kongress in Hannover an. Und dort gilt es in diesen Tagen, den Ton für die kommenden Monate selbst anzugeben.
Es gibt also erst einmal Wichtigeres zu berichten. Angefangen damit, dass ich mich kaum an so viele synchrone Plattform-Launches erinnern kann wie in diesen Wochen. Fast flächendeckend wird neue, fast autonom verstehende Technik aufgefahren. Ist das nicht schon einmal mehr als akzeptabel? Hier wird nicht mehr nur reagiert – hier wird gestaltet. Wer den Beweis dafür sucht, braucht in diesen Wochen nur einen Blick auf unser Titelbild zu richten. Wenn am 14. Oktober über tausend Fachgeschäfte synchron eine Kampagne mit einem neuen, unkonventionellen Markenbotschafter starten, ist das kein leises Anpassen. Man LEBT LAUT, und das allein ist schon ein unübersehbares Zeichen für einen unabhängigen Markt. Dahinter steht eine neue Plattform, die mit vier tiefen neuronalen Netzwerken arbeitet und damit herkömmliche, starre Filteransätze nach dem Motto »der Lauteste gewinnt« einfach hinwegfegt. Das ist gelebter Wandel.
Dazu passt das Plädoyer von Jochen Meuser in diesem Heft, der sich in neuer Funktion bei revoloud als Übersetzer zwischen Wissenschaft und Handwerk versteht und nun den Abschied von rein statistischen Berechnungen fordert, um das zutiefst individuelle Lautheitsempfinden des Menschen zur neuen Währung am Anpassplatz zu machen.
So oder so: Handwerk ist seit jeher mit Wandel verbunden, da sich der Mensch immer schon neuer Werkzeuge bedient hat, wenn diese aufkamen. Wieso sollte das heute anders sein? Wenn wir in diesem Heft auf die neuen digitalen Brücken zwischen Fachgeschäft und Labor blicken, wird genau das deutlich. Wir nutzen die Systeme, lassen uns aber nichts von ihnen diktieren. Denn wie Salvatore Falcone im Interview sagt, gilt am Ende des Tages: Keine KI dieser Welt kann das Fingerspitzengefühl, die Empathie und das Wissen um die Gewebebeschaffenheit am Ohr berechnen. Die Software liefert uns kein Korsett, sondern die Freiheit, das eigene Können präzise in die Fertigung zu transportieren. Es sind also lediglich Werkzeuge für eine Selbstbehauptung am Markt.
Denn wer am Ende die Spielregeln dieses Wandels bestimmt, entscheidet sich nicht an fernen Schreibtischen. Es entscheidet sich jeden Tag neu in Ihrem Anpassraum. Veränderungen nur zähneknirschend hinzunehmen, bedeutet daher, vor den Bedingungen anderer zu kapitulieren. Wer sie aber mit Stolz und dem eigenen Wissen annimmt und gestaltet, der definiert die Bedingungen der Akzeptanz selbst. In diesem Sinne: Packen wir die Koffer für Hannover. Nicht um uns die Zukunft von anderen erklären zu lassen, sondern um den Ton für sie anzugeben.
Jan-Fabio La Malfa

