
Steht seit mehr als fünf Jahrzehnten auf der Bühne: Schauspielerin Hellena Büttner-Bause (75)
»Auf der Bühne brauche ich kein Hörgerät«
Von Martin Schaarschmidt (HörPartner) Fotos: Schaarschmidt, Dietrich Dettmann
Mehr als fünf Jahrzehnte steht Hellena Büttner-Bause (75) auf der Bühne. Sie war freischaffende Schauspielerin in der DDR und spielt seit 25 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Peter Bause (84) mit großem Erfolg in Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Uns erzählte sie, was sie immer noch an ihrem Beruf reizt – und auch, was ihr die gute Betreuung ihrer Hörakustikerin bedeutet.

»Inzwischen ist mein Mann 84, ich bin 75 und wir arbeiten immer noch« – Hellena Büttner-Bause (li.) und Peter Bause (2. v. li.) bei einer Aufführung von »Biedermann und die Brandstifter« von Max Frisch (Foto: Dietrich Dettmann)
Frau Büttner-Bause, man kennt Sie auch aus TV-Produktionen wie »Polizeiruf 110«, »Unser Lehrer Doktor Specht« oder »Alma schafft alle«. Aber vor allem kennt man Sie vom Theater. Sie gehören zu einer Schauspielerfamilie – in fünfter Generation?
Das ist richtig. Vater, Mutter, Großvater, Ur- und Ururgroßvater – alle standen als Schauspieler oder Sänger auf der Bühne. Das lässt sich bis ins Jahr 1746 zurückverfolgen. Es gibt viele Namen und Geschichten. Ich habe zum Beispiel ein Schreiben, in dem Richard Strauss meinem Großvater erlaubt, einer Probe fernzubleiben. Mein Urgroßvater war 1864 Intendant am Thalia-Theater in Hamburg. Dann stehst du dort auf der Bühne und rechnest nach, wie lange das jetzt her ist … Ich selbst wurde an der Schauspielschule in Rostock ausgebildet. In der DDR nahm man nur so viele Schüler auf, wie man brauchte; allen wurde Arbeit vermittelt. Man kam in ein Ensemble und war eigentlich unkündbar. Für Künstler ist das eine große soziale Absicherung. Doch es hatte den Nachteil, dass viele Ensemble voll waren und keine Jungen aufnehmen konnten. Als junger Schauspieler will man sich ja ausprobieren …
Deshalb waren Sie dann viele Jahre freischaffend?
Ja, das war eine schöne Zeit. Man konnte sich auf seine Arbeit konzentrieren, offen, beweglich und kritisch bleiben. Man war nicht so abhängig. Aber in der DDR war so ein Status eigentlich nicht erwünscht. »Warum gehen Sie denn nicht richtig arbeiten …?« Es schien etwas asozial. Doch da stand ich drüber. Ich habe dann viel für Fernsehen, DEFA und Synchronisation gearbeitet. Damit konnte ich ganz gut rumwirtschaften – bis zur Wende. Dann ging es ganz komisch weiter. Es war, als ob so eine Walze über uns DDR-Schauspieler hinwegrollte. Wir kannten uns ja alle. Man hatte immer viel Rücksicht genommen. Doch die Produktionen nach der Wende waren ganz anders. Es gab immer diese Konfrontationen. Man musste sich ständig behaupten: »Hier stehe ich. Ich sehe das so und ich mache das so …« Das ging mir echt auf den Keks, bis ich mir sagte: »Das brauche ich nicht.« Und vor allem kam dann das Angebot, wieder so richtig Theater zu machen.
Sie spielen seit 25 Jahren gemeinsam mit Ihrem Mann beim größten deutschen Tournee-Theater?
Ja, und mit Stücken, die wir beide auswählen können. Wir spielen viel Brecht, Falladas »Jeder stirbt für sich allein«, »Biedermann und die Brandstifter«. Wir haben viele schöne Rollen gespielt und hatten viele Erlebnisse, über die man sich einfach freut.
Spielen Sie da immer nur zu zweit?
Nein, das sind richtige Inszenierungen, wobei alle oft mehrere Rollen spielen. Beim »Kaukasischen Kreidekreis« waren wir zum Beispiel neun, das Stück hat 38 Rollen. Jeder spielt also vier bis sechs; das ist für Schauspieler hoch interessant. Zudem tragen fast alle Masken. Am Ende des Abends ist das Publikum begeistert, wenn da nur neun auf der Bühne stehen und ihre Masken abnehmen. Inzwischen ist mein Mann 84, ich bin 75 und wir arbeiten immer noch. Wir touren durch Westdeutschland, Österreich, die Schweiz. Dort gibt es etwa 250 Veranstalter, die sich darum bemühen, so ein Stück zu kaufen.
In Ostdeutschland spielen Sie nicht?
Nur ganz selten, weil die Theater dort noch feste Ensembles haben. In Westdeutschland wurden Anfang der 1970er Jahre viele Theater geschlossen. Es gab keine Schauspieler mehr, nur noch die Gebäude. Deshalb bildeten sich Tournee-Unternehmen, die diese Häuser seitdem bespielen. Eine Inszenierung zieht von einem Ort zum nächsten. Im Schnitt wird ein Stück 50- bis 60-mal gespielt. Wir hatten etwa mit dem »Kreidekreis« oder der »Dreigroschenoper« mehr als 200 Aufführungen – alles innerhalb von zwei Jahren. Ein straffes Programm. Man ist knapp 200 Tage im Jahr unterwegs, immer in anderen Hotels. Auf diese Art habe ich mir damals Westdeutschland wunderbar erobern können: Man schaut auch hinter die Kulissen, sieht, dass es oft nur ums Geld geht. Aber ich habe auch viel gelernt. Man sagt sich: »Das bringt mich weiter.« Oder: »Das nutzt mir nichts, lass mich damit in Frieden!« Menschen begegnen einander und Menschen sind nicht gleich. Das ist ja keine Frage von Osten und Westen. Mancher sagt vielleicht, das war alles ungerecht. Aber ich sage: »Ich habe diese Situation genutzt und mich total verändert.«
Was hält Sie nach so vielen Jahren immer noch auf der Bühne?
Dass ich die Menschen emotional ergreifen kann. Wenn eine Figur für die Zuschauer begreifbar und nachfühlbar wird. Auf der Bühne spreche ich ja immer jemand anderes. Aber ich muss es so erzählen, dass die Leute glauben, dass ich es bin. Gelingt dir das, kommst du in so einen Einklang mit denen, die da unten sitzen. Dann hören sie dir tatsächlich zu. Da wollen dann 800 Menschen auf einmal ganz gespannt wissen, was du sagst. Und du weißt ganz genau: Wenn ich das jetzt so sage, kommt der Punkt, an dem sie schluchzen oder sich räuspern, weil ihnen die Emotionen hochkommen. Ist dir das gelungen, kannst du dich zurückziehen und sie wieder aus diesem Bann entlassen. Das ist eine Verführung – im positiven Sinne. Und wohin ich die Leute führe, das ist meine Verantwortung als Schauspieler. Es kann auch zur Konfrontation kommen, bei der sozusagen nur eine Seite gewinnt – die unten oder die oben. Dann ist das zwar sozusagen auch noch ein Erlebnis; aber mein Theater ist es nicht.
Sie wollen mit dem Publikum gewinnen?
»Arturo Ui« von Brecht beginnt mit der Szene mit dem Karfiol, also dem Blumenkohl, für den die Leute kein Geld mehr haben. Das ist ein Sinnbild für die 1930er Jahre. Aber Zuschauer fragten uns, ob das ein neues Stück ist. Sie hatten das auf ihre heutige Situation bezogen. Wenn so etwas gelingt – dass sich die Leute damit identifizieren, dann sind das Abende, an denen ich mir sage: »Deswegen will ich das machen. Ich muss das zeigen.« Sonst brauche ich es nicht zu machen. Ich habe Inszenierungen gesehen, in denen gar nichts passierte. Dann denkt man: »Mein Gott, da ist so viel anderes drin!« In »Physiker« spiele ich die Leiterin der Irrenanstalt. Die hat am Schluss einen großen Monolog, in dem sie sich als die einzige Verrückte entpuppt. Die drei Insassen, drei Physiker, haben sich nur in der Anstalt versteckt, weil sie nicht wollen, dass ihr Wissen von irgendeinem Staat missbraucht wird. Sie aber will dieses Wissen verkaufen; und man begreift, die Welt ist in den Händen einer Irrsinnigen. Wenn man den ganzen Zirkus heute erlebt – Herrn Trump, irgendwelche autoritären Machthaber, die Frage nach der Demokratie, dann ist dieses Stück hoch aktuell.
Hatte Theater in der DDR einen größeren Stellenwert als heute?
Sagen wir so: Wir hatten eine Diktatur. Und wenn wir auf der Bühne Menschen gezeigt und Dinge vorgeführt haben, wenn man zwischen den Zeilen lesen konnte, war das natürlich spannend. Aber ich wünsche mir keine Diktatur zurück, damit es wieder so was Spannendes gibt. Heute kannst du denken und sagen, was du willst. Dafür gibt es andere Herausforderungen. Im Augenblick sind wir mit »Biedermann und die Brandstifter« auf Tournee. Das hatten wir in Stuttgart rausgebracht und dann ein Vierteljahr dort jeden Abend gespielt. Leider sind nach Corona viele Zuschauer weggeblieben. Das ist auch ein Alterungsprozess.
Sie tragen seit sieben Jahren Hörgeräte. Wann haben Sie gemerkt, dass Ihr Gehör nachlässt?
Das habe ich nicht gemerkt. Schon mein Vater hatte mit Anfang 60 ein Hörgerät. Das war noch in der DDR. Aber es war ihm zu anstrengend. Bei meiner Mutter war das schon ganz anders. Sie bekam ihre Geräte nach der Wende. Ich meinte: »Mutti, wenn du die kaufst, hast du einen Mercedes im Ohr.« Diese Vorstellung gefiel ihr, und sie hat die Geräte fleißig benutzt. Dann wurde meine Schwester schwerhörig (lacht). Da hieß es: »Elli, hörst du denn nicht …?« Und ich dachte für mich: Das habe ich jetzt auch nicht gehört … Den Kindern war der Fernsehapparat zu laut. Mein Mann und ich baten uns gegenseitig: »Kannst du das noch mal wiederholen?« Ich erlebte auch einen Regisseur, der schwerhörig war – das war furchtbar. Ich sagte mir: »Das machst du anders.« Als ich auf Tournee war, bot ein Hörakustiker kostenlose Hörtests an. Dann war ich beim Ohrenarzt und danach hier bei den HörPartnern.
Sie haben das also nicht auf die lange Bank geschoben?
Nein, ich stand dem Ganzen dann positiv gegenüber. Ich kann mit den Geräten am Leben teilnehmen. Darüber bin ich froh und dafür bin ich dankbar. Ist man in einer großen Gruppe und einer räumlichen Lautstärke, dann filtert mein neues Hörgerät das schön raus. Wobei es schon eine Veränderung ist, wenn du Hörgeräte drin hast. Man nimmt die Situationen viel intensiver auf sich bezogen wahr. Das fand ich ganz interessant. Aber es ist auch schön, dass ich entscheiden kann, ob ich hören muss. Erst hatte ich Hörgeräte, die für ein Vierteljahr im Ohr bleiben. Aber die habe ich nur drei, vier Tage ausgehalten. Mich atmen zu hören, nicht mal beim Einschlafen Ruhe zu finden – das ging für mich nicht. Ich hätte erst trainieren müssen, das alles nicht mehr zu hören. Das schaffte mein Kopf nicht. Deshalb habe ich mich für normale Hörgeräte entschieden. Mir hat gefallen, dass man sie nicht sieht. Das war mir schon wichtig. Wobei sich die Einstellung zu Hörgeräten auch verändert. Heute haben ja viele einen Knopf im Ohr.

»Ich habe das Vertrauen, sie kann das« – Hellena Büttner-Bause (re.) mit Hörakustikmeisterin Christine Rothe (li.) von den HörPartnern in Berlin-Biesdorf
Wann sind Ihnen die Geräte besonders wichtig?
Natürlich in Situationen, in denen wir uns alle unterhalten; etwa, wenn meine Kinder da sind. Oder dass ich Geräusche höre. Wenn in der Küche was runterfällt oder wenn der Hund bellt. Da ist es ganz wesentlich, dass ich an allem wieder teilnehmen kann. Dass man sich nicht ausschließt und zurückzieht. Aber ich kann mich auch zurückziehen, wenn ich das will. Auch das finde ich wichtig.
Sie tragen die Geräte nicht den ganzen Tag?
Das kommt darauf an. Arbeite ich mit der Heckenschere, dann nehme ich sie raus. Ebenso, wenn ich körperlich aktiv bin. Da fürchte ich, dass ich sie verliere. Aber wenn ich am Leben teilnehmen will, hilft es schon sehr. Und mein neues Gerät ist mit einem Ohrabdruck gemacht worden. Das war ein bisschen teurer, ist aber sehr gut. Es ist einfach harmonischer, das im Ohr zu haben. Ich habe keine Angst mehr, es zu verlieren.
Was ist mit dem zu lauten Fernseher?
Wissen Sie, meine Kolleginnen im Fernsehen sprechen bis auf wenige Ausnahmen alle sehr schlecht. Es ist modern, dass Schauspieler so eine Art Selbstfindungsprozess zeigen. Deshalb brummeln sie vor sich hin, und das soll man sich anderthalb Stunden lang anhören … Das ist sehr unangenehm. Früher hatten wir Tonmenschen, die sagten: »Du bist nicht zu verstehen.« Scheinbar gibt es die heute nicht mehr. Neulich sah ich einen Film mit Inge Meisel, die ja auch viel Theater gespielt hat – immer diesen Typ kleine Frau. Der Film war schauspielerisch hoch interessant und sie war so deutlich zu verstehen, dass mir gar nicht in den Sinn gekommen wäre, dass ich die Hörgeräte brauche. Aber beim Frühstücksfernsehen … So eine quakende weibliche Stimme mit Kölner Dialekt. Das tut mir mit und ohne Hörgerät weh. Es belästigt mich, und dann kann ich es auch lassen. Bei wichtigen Dingen im Fernsehen bin ich natürlich dankbar, dass ich die Geräte habe.
Und auf der Bühne?
Da spielen sie keine Rolle. Wenn ich singe oder spreche, nehme ich mich ohne Hörgerät anders wahr. Es ist vertrauter und damit verlässlicher. Ich würde es nicht schaffen, mich über ein Hörgerät im Gesang oder in der Sprache zu finden. Das ist, als wäre ein Gartenzaun dazwischen. Auf der Bühne brauche ich auch keine Geräte. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit. So war das bei mir schon immer.
Sie werden von den HörPartnern in Berlin-Biesdorf betreut. Wie erleben Sie die Arbeit Ihrer Hörakustikerin?
Ich habe eine große Bewunderung dafür, dass sie sich für diesen Beruf entschieden hat und das tagtäglich macht. Ich finde das großartig. Wie sie und ihre Kolleginnen damit umgehen, das ist sehr schön. Da geht ja jemand in dich hinein. Sie hat ein Interesse an dir. Und dieses Hineingehen verbindet sie mit der Technik, von der ich nichts verstehe und bei der ich nur gespannt wie eine Katze zuhöre, weil ich es gar nicht fasse. Aber ich habe das Vertrauen, sie kann das. Also, da fühle ich mich gut aufgehoben. Die Betreuung hier ist ausgezeichnet. Das finde ich auch wichtig. Es geht nicht, wenn beim Akustiker nur das kommerzielle Interesse ist. Wichtig ist, dass man ein vertrauensvolles Gespräch führen kann. Hat man den Eindruck, dass der Mensch gegenüber auf dich eingeht, und dass er sein Handwerk kann, dann ist das okay. Wenn nicht, sollte man gehen. Ich brauche schon das Gefühl, dass ich alles erklärt bekomme und es tatsächlich auf mich abgestimmt ist. Mit dem Erklären ist das immer so eine Sache. Man meint, man hat alles verstanden. Zu Hause stellst du fest, dass du überhaupt nicht verstanden oder auch vergessen hast. Da suche ich die Schuld dann auch bei mir.
Sie könnten doch wiederkommen und es sich noch einmal erklären lassen.
Ja, aber ich bin nicht so ein Mensch, der das macht. Das liegt nur an mir.
Das geht vermutlich vielen so?
Ja. Wer will denn auch doof sein – oder krank. Und bei Ärzten habe ich immer den Eindruck, man stört – schon, weil man überhaupt zu ihnen kommt. Sie haben nie Zeit. Da könnte ich Erlebnisse erzählen … Aber das ist hier im Geschäft ganz anders.
Frau Büttner-Bause, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!
