Aus der Forschung auf den Markt: revoloud für die Hörakustik
Von Thomas Sünder / Fotos: OMNIdirekt

Market Development Manager Meuser: »Den Markt für ein innovatives Verfahren aus der Forschung weiterentwickeln«
Jochen Meuser blickt auf eine langjährige Karriere in der Hörakustik mit unterschiedlichen Führungs- und Vertriebsfunktionen bei Otometrics, Beltone, Unitron, GN Hearing, Audio Service und zuletzt als Sales Manager bei Cochlear zurück. In diesem Jahr hat er sich dem Hörzentrum Oldenburg angeschlossen, um die lautheitsbasierte Anpasslösung revoloud breit im Markt zu platzieren. Im Interview erklärt er, was ihn daran überzeugt und wie ein Produkt aus der Forschung in den Vertrieb überführt werden kann.
Herr Meuser, was hat Sie nach Ihren vielen beruflichen Stationen in der Hörakustik dazu bewegt, die Aufgabe des Market Development Manager für revoloud im Hörzentrum Oldenburg zu übernehmen?
Was mich besonders gereizt hat, war die Verbindung von Forschung und Wissenschaft mit der praktischen Hörakustik. Nach vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen unserer Branche habe ich mir sehr bewusst die Frage gestellt: Was treibt mich eigentlich noch an und wo kann ich mit meiner Erfahrung wirklich etwas bewegen? Bei revoloud habe ich genau diese Möglichkeit gesehen: eine wissenschaftlich entwickelte Methode aus Oldenburg dabei zu unterstützen, ihren Weg noch stärker in die praktische Hörgeräteversorgung zu finden.
Wann ist Ihnen erstmals klar geworden, dass lautheitsbasierte Anpassmethoden einen Mehrwert haben?
Ich schätze schon seit langem Hörakustiker, die auf einem hohen Qualitätsniveau arbeiten, und pflege mit vielen von ihnen einen intensiven Austausch. Dabei habe ich in den vergangenen Jahren zunehmend erlebt, dass gerade diese Kompetenzakustiker neben den klassischen Anpassverfahren auch lautheitsbasierte Methoden einsetzen. Das hat mein Interesse an diesem Thema geweckt. Bei revoloud fand ich dann besonders spannend, dass der Ansatz noch einen Schritt weitergeht. Es geht nicht nur darum, Lautheiten relativ zueinander zu beurteilen, sondern darum, das individuelle Lautheitsempfinden des Hörgeräteträgers zu erfassen und mit dem Lautheitsempfinden Normalhörender zu vergleichen. Das Ziel ist letztlich, die Hörgeräte so einzustellen, dass die Lautheitswahrnehmung möglichst weitgehend normalisiert wird.
Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Hörzentrum Oldenburg zustande?
Vor etwa einem Jahr habe ich mitbekommen, dass revoloud auf den Markt gekommen ist. Als ich mich intensiver damit beschäftigt und das Potenzial dieses Validierungsverfahrens erkannt habe, bin ich selbst auf das Hörzentrum Oldenburg zugegangen. Daraus entstand die Idee, meine langjährige Markt- und Vertriebserfahrung und mein Netzwerk in der Hörakustik mit der wissenschaftlichen Kompetenz des Hörzentrums zusammenzubringen. Ich kenne durch meine unterschiedlichen Tätigkeiten sehr viele Facetten der Branche und auch sehr unterschiedliche Kundengruppen – von besonders qualitätsorientierten Kompetenzakustikern bis hin zu größeren Strukturen. Genau diese Erfahrung kann ich jetzt beim Aufbau des Marktes für revoloud einbringen.
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Das bedeutet, Sie haben eine Initiativbewerbung gestartet?
Ja. Wenn man so will, ist meine heutige Position tatsächlich aus dieser Initiative heraus entstanden. Ich habe einen Businessplan entwickelt und gemeinsam mit dem Hörzentrum überlegt, welche Strukturen notwendig sind, um revoloud noch breiter in den Markt zu bringen. Selbst die Bezeichnung Market Development Manager ist dabei entstanden. Der Titel passt für mich sehr gut, denn genau darum geht es: einen Markt für ein innovatives Verfahren aus der Forschung weiterzuentwickeln. Dabei sehe ich mich vor allem als Übersetzer zwischen Wissenschaft und Handwerk. Ich möchte wissenschaftliche Erkenntnisse so in die Praxis transportieren, dass der Hörakustiker ihren konkreten Nutzen in der täglichen Anpassung erlebt.
Was fasziniert Sie an einem lautheitsbasierten Anpassverfahren wie revoloud?
Bei einer Hörgeräteanpassung gibt es verschiedene Ebenen der Qualitätssicherung. Ein wesentliches Kriterium ist natürlich das Sprachverstehen. Gleichzeitig liefern uns die Anpassformeln der Hersteller auf Basis der audiometrischen Daten eine sehr gute Ausgangsbasis für den First Fit. Mit einer Perzentilanalyse können wir anschließend überprüfen, was mit dem Hörgerät tatsächlich am Trommelfell ankommt. Aber es gibt noch eine weitere Dimension: Wie empfindet der Mensch selbst das, was bei ihm ankommt? Genau hier setzt revoloud an. Wir erfassen im Freifeld mit natürlichen Alltagsgeräuschen, wie der Hörgeräteträger unterschiedliche Frequenz- und Pegelbereiche tatsächlich in ihrer Lautheit wahrnimmt. Und für mich ist der entscheidende Punkt: Diese individuelle Wahrnehmung wird mit der Lautheitswahrnehmung Normalhörender verglichen. Damit bekommen wir eine zusätzliche Information für die Feinanpassung. Das Ziel ist, die Hörgeräte so einzustellen, dass die Lautheitswahrnehmung des Kunden möglichst weitgehend der eines Normalhörenden entspricht.
Wo sehen Sie hierbei Ihren Hebel an der Schnittstelle zwischen Forschung und dem Alltag im Hörakustikfachgeschäft?
Ganz klar in der Praktikabilität. Eine wissenschaftlich noch so interessante Methode wird sich im Hörakustikfachgeschäft nur durchsetzen, wenn sie sich sinnvoll in den täglichen Anpassprozess integrieren lässt und der Nutzen für den Akustiker und seinen Kunden unmittelbar erkennbar ist. Genau das finde ich bei revoloud spannend. Die Messung lässt sich in etwa sechs bis sieben Minuten durchführen und liefert dem Hörakustiker eine zusätzliche, sehr konkrete Information für die Feinanpassung. Aus unseren bisherigen Rückmeldungen erleben wir, dass diese zusätzliche Validierung helfen kann, die Einstellung frühzeitig gezielter auf das individuelle Lautheitsempfinden des Kunden abzustimmen. Und darin sehe ich auch meine Aufgabe: wissenschaftliche Erkenntnisse so in die Praxis zu übersetzen, dass daraus kein zusätzlicher Selbstzweck entsteht, sondern ein Werkzeug, das dem Hörakustiker in seinem täglichen Anpassprozess einen konkreten Mehrwert bietet.

Es gibt noch eine weitere Dimension: Wie empfindet der Mensch selbst das, was bei ihm ankommt?
Und wie wird das System an die Raumakustik angepasst?
Für die Installation und Kalibrierung stellen wir dem Hörakustiker einen Pegelmesser mit Stativ und Halter zur Verfügung. Damit wird das jeweilige Set-up vor Ort kalibriert. Auch die Produktschulung führen wir online durch. Dadurch können wir revoloud mit relativ geringem Aufwand in sehr unterschiedliche bestehende Anpassumgebungen integrieren.
In wie vielen Fachbetrieben wird revoloud mittlerweile angewendet?
Aktuell wird revoloud bereits in rund 350 Betriebsstätten eingesetzt. Besonders positiv finde ich die Rückmeldungen aus der Praxis. Viele Anwender berichten mir, dass revoloud inzwischen zu einem festen Bestandteil ihres Anpassprozesses geworden ist und sie die zusätzliche Information über die individuelle Lautheitswahrnehmung ihrer Kunden sehr schätzen. Für ein noch vergleichsweise junges Verfahren ist das natürlich eine sehr erfreuliche Entwicklung.
Das Hörzentrum Oldenburg hat sich der Forschung verschrieben. Nun kommt von dort ein kommerzielles Produkt. Inwieweit kann man da noch von unabhängiger Forschung sprechen?
Das sehe ich nicht als Widerspruch. Im Gegenteil: Für mich ist es erfolgreicher Wissenstransfer, wenn aus unabhängiger Forschung eine Lösung entsteht, die anschließend ihren Weg in die praktische Hörgeräteversorgung findet. Entscheidend ist, dass der wissenschaftliche Anspruch und die Unabhängigkeit der Forschung erhalten bleiben. Gleichzeitig ist das Hörzentrum Oldenburg als gGmbH gemeinnützig ausgerichtet. Erträge werden nicht an Gesellschafter ausgeschüttet, sondern für die gemeinnützigen Aufgaben der Gesellschaft eingesetzt und können damit auch zukünftige Forschung und Entwicklung unterstützen. Für mich sind unabhängige Forschung und erfolgreicher Wissenstransfer deshalb kein Widerspruch. Forschung entfaltet einen besonderen Wert, wenn ihre Erkenntnisse am Ende auch bei den Menschen in der Versorgung ankommen.

»revoloud ist grundsätzlich für jeden Hörakustiker interessant, der die Qualität seiner Hörgeräteanpassung weiter verbessern möchte«
Fokussiert sich revoloud auf den deutschsprachigen Raum?
Unser Fokus liegt aktuell ganz klar auf dem deutschen Markt. Gleichzeitig sehen wir natürlich, dass der Ansatz von revoloud auch international interessant sein kann. Eine erste Lizenz wird bereits in den USA eingesetzt. Ein Vorteil von revoloud ist dabei, dass wir mit natürlichen Alltagsgeräuschen arbeiten und damit weniger sprachabhängig sind als Verfahren, die beispielsweise mit Sprachmaterial arbeiten. Die Software selbst ist bereits mehrsprachig angelegt. Trotzdem wollen wir die Internationalisierung bewusst Schritt für Schritt angehen. Zunächst möchten wir revoloud im deutschsprachigen Markt weiter etablieren und parallel Erfahrungen in ersten internationalen Märkten sammeln.
Der deutsche Markt ist ja auch nicht gerade klein und da kommen Sie sicher viel herum. Lässt sich das gut mit Ihrem Privatleben vereinen?
In der Regel bin ich einen Tag pro Woche in Oldenburg und an mehreren Tagen im Markt unterwegs. Dabei versuche ich, die verschiedenen Regionen Deutschlands systematisch zu erschließen und vor allem den persönlichen Austausch mit den Hörakustikern zu suchen. Und genau das macht mir tatsächlich großen Spaß. Ich bin gerne unterwegs, lerne gerne neue Menschen und unterschiedliche Betriebe kennen. Dabei erlebe ich immer wieder, mit wie viel Leidenschaft viele Hörakustiker ihren Beruf ausüben und wie intensiv sie sich mit der bestmöglichen Versorgung ihrer Kunden beschäftigen. Dieser direkte Kontakt zum Fachhandel hat mir in meinen letzten Tätigkeiten teilweise gefehlt. Umso mehr genieße ich es heute, wieder unmittelbar mit den Hörakustikern im Austausch zu sein – und gleichzeitig etwas Neues aus der Forschung in die Praxis zu bringen. Genau diese Kombination macht die Aufgabe für mich besonders spannend.
Herr Meuser, vielen Dank für das Gespräch.
