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Am Zürichsee: Voxeliq-3D-Mitgründer Bogdan Avramenko und sein Kompagnon Salvatore Falcone, Geschäftsführer der Otoprint GmbH

»Das kann keine KI der Welt Berechnen«

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Otoplastiken und Gehörschutz werden längst digital gefertigt – doch zwischen Beratung, Bestellung und Labor bestehen weiterhin zahlreiche Medienbrüche. Das Schweizer Start-up Voxeliq 3D will diese Lücken schließen. Wir sprachen mit Otoprint-Gründer und Hörgeräteakustikmeister Salvatore Falcone und Voxeliq-3D-Mitgründer Bogdan Avramenko über zwei neue Softwarelösungen für Akustiker und Labore.

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, Voxeliq 3D

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Das Akustiker Board ist ein Beratungs-,Visualisierungs- und Bestelltool für den Hörakustiker

Herr Falcone, Sie präsentieren Voxeliq 3D auf dem EUHA-Kongress. Welches Problem wollten Sie ursprünglich lösen?

Falcone: Der Ausgangspunkt war unser eigener Laboralltag. Ein Auftrag besteht längst nicht mehr nur aus Scan und Bestellformular. Dazu kommen Bilder, Notizen, E-Mails, Telefonate, Korrekturen, frühere Aufträge oder Reklamationen. Diese Informationen treffen über verschiedene Kanäle und zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein. Dadurch entstehen Medienbrüche, Rückfragen und Fehlerquellen. Unser Ziel war deshalb, Informationen vom Anpassplatz bis ins Labor in einem strukturierten digitalen Prozess zusammenzuführen. Daraus entstanden zwei eigenständige, kombinierbare Lösungen: Akustiker Board und Lab Board.

Was unterscheidet die beiden Boards?

Falcone: Das Akustiker Board ist ein Beratungs-, Visualisierungs- und Bestelltool für den Hörakustiker. Das Lab Board bildet dagegen den Laborprozess ab: Es erfasst Aufträge zentral, bündelt alle Informationen und steuert den Workflow. Beide funktionieren unabhängig. Der größte Mehrwert entsteht aber, wenn der Akustiker über das Akustiker Board bestellt und das Labor den Auftrag direkt im Lab Board empfängt. Dann bleiben Auftrag, Daten und Kommunikation durchgängig in einem System.

Was macht das Akustiker Board zu mehr als einem digitalen Bestellformular?

Avramenko: Ein zentraler Bestandteil ist unser interaktiver Produktkonfigurator. Der Akustiker kann dem Endkunden bereits während der Beratung zeigen, wie die spätere Otoplastik oder der Gehörschutz am Ohr aussehen kann. Bauformen, Materialien, Farben und selbst unterschiedliche Glitzeroptionen lassen sich direkt am Ohr visualisieren und vergleichen; auf Wunsch können auch die eigenen Endkundenpreise eingeblendet werden. Die Auswahl kommuniziert mit dem Bestellformular, sodass Änderungen unmittelbar in die Bestellung einfließen. Beratung und Auftragserfassung sind damit nicht mehr zwei getrennte Vorgänge.

Welche technischen und individuellen Punkte lassen sich schon vor der Bestellung prüfen?

Falcone: Der Akustiker kann den digitalen Ohrabdruck hochladen, einen Hörer im Scan positionieren und prüfen, ob die gewünschte Baugröße an der vorgesehenen Stelle Platz hat. Gleichzeitig sieht er den Kunden und damit Informationen, die ein Labor im Scan allein nicht beurteilen kann: Gewebebeschaffenheit, empfindliche Bereiche oder die konkrete Versorgungssituation. Er kann markieren beziehungsweise vorbereiten, wo Material reduziert oder aufgetragen werden soll. Als Hörgeräteakustikmeister ist mir wichtig, dass genau dieses Wissen strukturiert beim Labor ankommt.

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Eine Information soll im Vorfeld einmal sauber erfasst werden und danach dort verfügbar sein, wo sie benötigt wird – es löst nicht das Modelling ab

Kann der Akustiker den Scan dafür selbst bearbeiten?

Avramenko: Ja. Wir haben bewusst keine klassische CAD-Software nachgebaut, sondern wenige, gezielte Werkzeuge zur Scan-Optimierung entwickelt. Kleine Fehler oder Unregelmäßigkeiten am Abdruck lassen sich korrigieren und Bereiche gezielt anpassen. Dafür braucht es weder Modelliererfahrung noch eine Space-Maus. Der Akustiker soll sein Fachwissen einbringen können, ohne selbst zum CAD-Modellierer werden zu müssen.

Das Akustiker Board soll also auch Reklamationen früher im Prozess vermeiden?

Falcone: Genau. Der Endkunde sieht bereits vor der Bestellung, was ihn optisch und technisch erwartet, und der Akustiker kann individuelle Wünsche eindeutig festhalten. Gleichzeitig lassen sich bestimmte technische Punkte vorab prüfen. So wollen wir Missverständnisse, unnötige Rückfragen und vermeidbare Remakes möglichst an der Pike angehen. Jede Rückfrage oder Neuanfertigung verlängert die Durchlaufzeit. Unser Ansatz ist deshalb, möglichst viele Unklarheiten zu beseitigen, bevor der Auftrag überhaupt im Labor ankommt.

Was passiert, wenn das bestellte Labor das Lab Board noch nicht nutzt?

Avramenko: Auch dann bleibt der Nutzen erhalten. Optimierte Scans und Bestelldaten können exportiert werden. Zusätzlich kann das Labor ein visuelles Beiblatt erhalten, auf dem individuelle Vorgaben eindeutig dargestellt sind – beispielsweise Farbanordnungen oder die Position eines Strasssteins. Das reduziert Interpretationsspielraum. Nutzt das Labor ebenfalls das Lab Board, werden Auftrag, Scans, Produktauswahl, Bilder, Kommentare und Kommunikation direkt digital übertragen und bleiben eindeutig zugeordnet.

»Es gibt Informationen, die keine KI der Welt allein aus einem Scan berechnen kann.«

Und was übernimmt das Lab Board danach im Labor?

Falcone: Es ist die zentrale Arbeitsoberfläche für den Auftrag. Von Eingang und Erfassung über Modellierung und Produktion bis Endkontrolle und Versand können die Schritte digital abgebildet und nachvollzogen werden. Das Labor sieht, wo ein Auftrag steht, was noch fehlt und welche Informationen dazugehören. Dadurch reduzieren wir administrative Arbeit und schaffen Übersicht über die gesamte Produktion.

Sie verbinden das Lab Board auch mit bestehender Modellierungssoftware. Was bringt das?

Avramenko: Unser Grundgedanke ist: Eine Information soll einmal sauber erfasst werden und danach dort verfügbar sein, wo sie benötigt wird. Das Lab Board kann Auftragsdaten an Systeme wie H3D oder Secret Ear Designer übergeben. Je nach Workflow werden Scan, Produktauswahl, Template, Farbe, Gravur oder weitere definierte Parameter übernommen. Das spart repetitive Eingaben und reduziert Übertragungsfehler.

Müssen Akustiker und Labor zwingend beide Voxeliq 3D einsetzen?

Avramenko: Nein. Beide Boards sind modular und unabhängig nutzbar. Ein Akustiker kann das Akustiker Board für Beratung, Konfiguration und Bestellung einsetzen, auch wenn sein Labor nicht angebunden ist. Ein Labor kann wiederum das Lab Board intern nutzen, ohne dass seine Kunden bereits über das Akustiker Board bestellen. Die direkte Verbindung ist jedoch der konsequenteste Workflow, weil der Medienbruch zwischen Beratung, Bestellung und Labor entfällt.

Wie flexibel ist das Lab Board für unterschiedliche Labore?

Avramenko: Bewusst sehr flexibel. Labore unterscheiden sich bei Produkten, Prozessschritten, Modellierungssoftware und internen Abläufen. Deshalb ist das System modular aufgebaut und Schnittstellen können an den jeweiligen Workflow angepasst werden. Wir integrieren derzeit die ersten Kunden. Unser Ziel ist nicht, einen starren Prozess vorzuschreiben, sondern bestehende Abläufe digital abzubilden und dort zu automatisieren, wo es sinnvoll ist.

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»Beide Boards sind modular und unabhängig nutzbar«, so Avramenko

Wo automatisiert Voxeliq 3D – und wo bleibt der Mensch entscheidend?

Falcone: Wir automatisieren vor allem repetitive und administrative Arbeit. Fachwissen wollen wir nicht ersetzen, sondern besser nutzbar machen. Der Akustiker kennt den Kunden und die Situation am Ohr; das Labor kennt Fertigung, Materialien und Modellierungsstandards. Voxeliq 3D verbindet diese Informationen und sorgt dafür, dass sie im Prozess verfügbar bleiben. Genau diese Verbindung aus Beratung, Fachwissen, durchgängigen Daten und Automatisierung ist für uns der Kern.

Wenn heute immer mehr Prozesse automatisiert und auch Otoplastiken zunehmend KI-gestützt modelliert werden: Warum braucht es dann überhaupt noch das Fachwissen des Akustikers?

Falcone: Weil es Informationen gibt, die keine KI der Welt allein aus einem Scan berechnen kann. Der digitale Ohrabdruck bildet die Geometrie des Ohres ab – aber nicht die gesamte Situation am Kunden. Der Akustiker sieht und beurteilt beispielsweise die Beschaffenheit des Gewebes, erkennt empfindliche Bereiche und kennt die individuellen Anforderungen der jeweiligen Versorgung. Genau hier setzt Voxeliq 3D an. Unsere Software ist keine KI-Lösung und trifft auch keine automatisierten fachlichen Entscheidungen für den Akustiker. Sie schafft vielmehr die Möglichkeit, dieses Wissen bereits am Anpassplatz strukturiert digital zu erfassen und gemeinsam mit dem Auftrag an das Labor zu übergeben. Im Labor automatisieren wir anschließend vor allem administrative und repetitive Prozessschritte. Wir wollen das Fachwissen des Akustikers also nicht durch künstliche Intelligenz ersetzen, sondern dafür sorgen, dass dieses Wissen im digitalen Workflow überhaupt verfügbar ist und bis in die Fertigung erhalten bleibt.

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Akustiker können den digitalen Ohrabdruck hochladen, einen Hörer im Scan positionieren und prüfen, ob die gewünschte Baugröße an der vorgesehenen Stelle Platz hat

Ist das vielleicht auch der Punkt, an dem sich Ihr Ansatz von einer reinen Automatisierungslösung unterscheidet?

Falcone: Ja. Für uns ist Digitalisierung nicht gleichbedeutend damit, möglichst viele Entscheidungen dem Menschen abzunehmen. Im Gegenteil: Wir wollen dort automatisieren, wo heute Zeit durch wiederkehrende Eingaben, Informationssuche oder Medienbrüche verloren geht. Die fachliche Entscheidung soll aber dort getroffen werden, wo auch das entsprechende Wissen vorhanden ist. Beim Akustiker ist das die individuelle Situation des Kunden, im Labor sind es Fertigung und Modellierung. Wenn diese Informationen strukturiert zusammenkommen, kann Automatisierung ihre Stärke viel besser ausspielen.

Wie gehen Sie mit Datenschutz und Datensicherheit um?

Falcone: Datenschutz und Informationssicherheit sind zentrale Anforderungen, weil sensible auftragsbezogene Daten verarbeitet werden können. Wir berücksichtigen das konsequent in unserer Architektur, unseren Verträgen und technischen Prozessen – mit geregelter Datenverarbeitung, abgesicherten Serverstrukturen und externer IT-Security-Unterstützung. Unser Anspruch ist es, ein hohes professionelles Sicherheitsniveau sicherzustellen, dieses kontinuierlich weiterzuentwickeln und sämtliche geltenden Anforderungen an Datenschutz und Informationssicherheit einzuhalten.

Wo steht Voxeliq 3D heute und was zeigen Sie auf dem EUHA-Kongress?

Falcone: Auf dem EUHA-Kongress zeigen wir unsere erste Release-Version mit den Kernfunktionen von Akustiker Board und Lab Board – vom Produktkonfigurator und der interaktiven Bestellung bis zum digitalen Laborworkflow. Dahinter liegt mehr als ein Jahr Entwicklungsarbeit mit mehreren internen Versionen und Tests im realen Laborumfeld. Weitere Funktionen befinden sich bereits in Entwicklung und werden nach dem Launch schrittweise über Updates folgen.

Wie kann man Voxeliq 3D auf der Messe kennenlernen?

Falcone: Voxeliq 3D ist aus der praktischen Arbeit bei Otoprint entstanden und wird als eigenständiges Unternehmen aufgebaut. Unser Markt ist von Beginn an international ausgerichtet, insbesondere auf Labore und Hörakustiker in Europa. Vom 14. bis 16. Oktober 2026 sind wir auf der EUHA-Industrieausstellung in Hannover als Co-Aussteller bei pro3dure medical GmbH am Stand 139 vertreten. Für Labore bieten wir gerne feste Gesprächstermine an; das Akustiker Board zeigen wir während der Messe laufend in Live-Demos.

Herr Falcone, Herr Avramenko, vielen Dank für das Gespräch.

Bogdan Avramenko absolvierte seinen Master in Medizintechnik an der ETH Zürich mit Fokus auf die Schnittstelle zwischen digitaler Fertigung und klinischer Anwendung. Praktisch mit 3D-Software aufgewachsen, bringt er über zehn Jahre Erfahrung in Software Engineering, 3D-Modellierung und Computergrafik mit. Heute entwickelt er Desktop-Anwendungen und automatisierte Pipelines für medizinische 3D-Workflows. Seine Begeisterung fürs Programmieren begann allerdings deutlich früher: Bereits mit elf Jahren entwickelte er seine ersten eigenen Computerspiele. Bei Voxeliq 3D verantwortet er die technische Entwicklung und Softwarearchitektur.

Wie das Schweizer Start-up Voxeliq 3D Medienbrüche bei Bestellungen im Labor vermeiden möchte