Beim GRÜNDERSTAR-Workshop in Kassel: Jessica Gutzmann aus Schwerin, Ina Gröger von der audifino GmbH aus Hannoversch Münden, Theresa Bargsten aus Horneburg (1. bis 3. von li.), Benedikt Over aus Koblenz sowie Denise Pierce und Fiona Lindenbach aus Schwarzach (1. bis 3. von re.) wurden als GRÜNDERSTARs 2026 geehrt

Best Practices für Gründerinnen und Gründer – Teil 2

Von Martin Schaarschmidt (IAS) / Fotos: Schaarschmidt, HÖRGUTzmann, Bargsten Hörakustik

Es war eine gelungene Premiere: 2026 suchte der Wettbewerb GRÜNDERSTAR erstmals herausragende Ideen von Hörakustikgründern. Teilnehmen konnten alle Start-ups aus dem deutschsprachigen Raum, die seit Oktober 2023 ihr erstes Fachgeschäft eröffnet hatten. Aus einem großen Bewerberfeld kürte die Expertenjury ganze elf GRÜNDERSTARs. Der Award will Neugründer fördern, die Gründerszene beleben, Best-Practice-Beispiele vorstellen und so auch andere Akustiker ermutigen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Initiator des Wettbewerbs ist der Individual Akustiker Service (IAS), führender Gründercoach der Branche. Die Preisübergabe erfolgte im Juni beim GRÜNDERSTAR-Workshop. Einblick in Veranstaltung und preisgekrönte Konzepte gibt unser zweiteiliger Artikel.

Dass es in der Hörakustik weiter Gründerinnen und Gründer gibt, ist ein Garant für den Fortbestand des individuellen Handwerks, für Qualität, Vielfalt, Vitalität«, sagt Gründercoach Jürgen Leisten vom IAS, jener Servicegemeinschaft, die pro Jahr 30 bis 40 Neugründungen begleitet. »Mit dem GRÜNDERSTAR wollen wir den Austausch unter jungen Unternehmern beleben und andere Akustiker ermutigen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Das ist generell wichtig, nicht nur innerhalb unserer Gemeinschaft. Der IAS tritt beim Wettbewerb daher auch bewusst in den Hintergrund.«

Dieser branchenübergreifende Ansatz kam schon beim ersten GRÜNDERSTAR gut an: Zu den Bewerbern zählten IAS-Mitglieder ebenso wie andere Gründer. Beim Voting der unabhängigen Jury spielte die Mitgliedschaft keine Rolle. Die ersten vier Plätze teilten sich zwei IAS-Mitgliedsbetriebe und zwei andere; sogar Platz 1 ging an ein »Nicht-Mitglied«.

Fußballverein und Feuerwehr – lokale Netzwerke strategisch nutzen

Ob Horneburg im Landkreis Stade oder Schwarzach im Odenwald, ob Koblenz am Rhein oder die mecklenburgische Landeshauptstadt Schwerin – die Teilnehmer des GRÜNDERSTAR-Workshops kamen aus unterschiedlichsten Regionen. Wie sich der eigene regionale Bezug für den Unternehmensauftritt nutzen lässt, war ein weiteres Thema der Runde, die von PR-Berater und Jury-Mitglied Martin Schaarschmidt geleitet wurde.

Platz 3 im GRÜNDERSTAR-Ranking belegt die Hörakustik Lindenbach & Pierce GbR aus Schwarzach. Beworben hatten sich Fiona Lindenbach und Denise Pierce mit einem regional verwurzelten Konzept im ländlichen Raum, das Handwerk, Gemeinschaft und moderne Hörakustik verbindet. »Unser Ort hat nur 2.000 Einwohner; drum herum gibt es viele kleine Orte, in denen wir ebenfalls Leute kennen«, so Fiona Lindenbach. »Wir sind beide in verschiedenen Vereinen tätig, etwa bei der Feuerwehr. Ich spiele Fußball und bin dort im Vereinsvorstand. Und ich habe früher Theater gespielt und bin im Theater-Verein. Es gibt Feste und Aktivitäten, bei denen wir Gutscheine verteilen; mit denen kommen die Leute dann zu uns.«

In Vereinen dabei zu sein, ihr lokales Netzwerk zu etablieren, das sei für ihr Unternehmen sehr wichtig, versichern die beiden: »Wir haben einen Kunden, der ist Vorsitzender beim Fußballverein und er kennt jeden«, so Fiona Lindenbach. »Er allein hat uns schon drei Kunden geschickt. Oder es gibt einen Verein, in dem man neben Fitness auch Physiotherapie und Reha bekommt. Der wird von einem früheren Gewichtheber geleitet. Persönlich kennen wir ihn gar nicht, nur seine Frau. Aber er erzählt den Leuten, dass wir toll sind. So empfohlen zu werden, macht wirklich Spaß. Manchmal ist es etwas irritierend. Leute kommen und sagen: ›Ich kenne dich.‹ Und man selbst kann nur fragen: ›Oh, wer bist du?‹ (lacht).«

Dass es ein großes Plus ist, als lokales Start-up gut vernetzt zu sein, bestätigt auch Gründercoach Jürgen Leisten: »Ein Netzwerk, das wir jedem Gründer empfehlen, ist der lokale Gewerbe- und Einzelhandelsverband. Der heißt vor Ort oft anders. Die Mitgliedschaft kostet vielleicht zehn Euro im Monat. So ein Verband ist die beste Möglichkeit, um sich mit anderen Einzelhändlern zu verknüpfen. Man ist Teil einer örtlichen Struktur, unterstützt und empfiehlt sich gegenseitig.«

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»Mein Laden verbindet Alt und Neu« – Startseite der Homepage von HÖRGUTzmann aus Schwerin

Ein cooles Video, ein Laden aus Alt und Neu und Engagement als CI-Akustikerin

Platz 2 der aktuellen GRÜNDERSTAR-Bestenliste geht an HÖRGUTzmann aus Schwerin. Die Vorstellung im Workshop startet mit einem Videoclip: Ein hämmernder Rap-Rhythmus, dazu der Blick in eine Tischlerwerkstatt. Ein Tischler schiebt einen Holzbalken über die Kreissäge. Es ist sehr laut. Doch dann erscheint Gründerin Jessica Gutzmann und wirft dem Tischler ein Etui mit Gehörschutz zu. Schon ist der Werkstattkrach angenehm gedämpft. Außerdem zeigt der Film, wie die Hörakustikmeisterin das Ohr des Tischlers mit ihrem Otoscan scannt …

»Sehr cool« finden die anderen Teilnehmer den Film: »Wie hast du das umgesetzt?« »Das war alles über drei Ecken«, so Jessica Gutzmann. »Die Firma, die die Tische für meinen Laden bauen sollte, hat mir vier Wochen vorher abgesagt. Also musste ich improvisieren. Zufällig lernte ich den Tischler kennen, der im Video zu sehen ist. Er meinte: ›Kein Problem, ich mach dir die Platten.‹ Und ich habe ihm gesagt: ›Dann bekommst du von mir Gehörschutz.‹ Darauf er: ›Wollen wir das nicht gleich im Video festhalten. Ich kenne da jemanden …‹«

Eigentlich glaubt Jessica Gutzmann nicht an Zufälle, sagt sie. Ihre Selbständigkeit, die vor zehn Monaten begann, war eigentlich nicht geplant: »Die ist irgendwie entstanden.« Jessica Gutzmann war erst in einem großen Konzern angestellt, dann in einem kleinen Familienbetrieb: »Zu dem bin ich jeden Tag 100 Kilometer gependelt. Darauf hatte ich keinen Bock mehr und suchte eine neue Stelle. Ich hatte einen tollen Chef. Dem sagte ich: ›In einem dreiviertel Jahr verabschiede ich mich.‹ Er hingegen meinte: ›Dann eröffne ich an Ihrem Standort einen neuen Laden für Sie.‹ Da hat es bei mir Klick gemacht: Wenn er für mich einen Laden eröffnen will, warum mache ich das nicht selbst?!«

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Ansprechende Fotos: Gründerin Jessica Gutzmann (re.) bei der Arbeit mit dem Otoscan …

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… und eine Kundin im Fachgeschäft von HÖRGUTzmann

Die anfangs erfolglose Suche nach einem Ladenlokal führte Jessica Gutzmann letztlich wiederum unverhofft ans Ziel: Die Gründerin hatte ihre Handynummer hinterlassen; ein halbes Jahr später der Anruf: »Wir hätten da was frei.« Der Laden, ein früherer Imbiss, war im katastrophalen Zustand. Doch das sah auch der Vermieter: »Frau Gutzmann, das muss sowieso alles neu gemacht werden. Sagen Sie uns, wie Sie es brauchen …« Hinzu kam das IAS-Gründercoaching. Das nutzte Jessica Gutzmann für den Start ins »Do-it-yourself« ebenso wie Fiona Lindenbach und Denise Pierce.

Antike Möbel, kräftige Farben, Wohnzimmerfeeling. »Mein Laden verbindet Alt und Neu«, hatte die Gründerin aus Schwerin in ihrer Bewerbung geschrieben. Und er ist ein Hingucker; sogar ein Klavier steht darin. »Das ist mehr Deko«, so Jessica Gutzmann. »Aber manchmal setzt sich ein Kunde ans Klavier und spielt etwas.« Sehen kann man Kunden und Geschäftsräume auf ansprechenden Fotos auf der Homepage. Die Fotos hat der Bekannte vom Video-Dreh gleich mitgemacht. Und er hat Jessica Gutzmann fotografiert: beim Fräsen einer Otoplastik und bei der Arbeit mit dem Otoscan. Den könne sie nur empfehlen, so die Gründerin, die ihr Geschäft gerade um eine zusätzliche Fläche erweitert und eine Mitarbeiterin eingestellt hat.

Noch etwas bei HÖRGUTzmann weckt Interesse: Das Unternehmen engagiert sich für Cochlea-Implantat-Versorgung. Warum diese Spezialisierung? »Ich liebe es, auch in diesem Bereich zu arbeiten«, so Jessica Gutzmann. »Aber um dort Fuß zu fassen, braucht man einen langen Atem. Bereits 2021 hatte ich die Weiterbildung zum CI-Akustiker absolviert. Bei meinem damaligen Arbeitgeber konnte ich mich dem Thema CI jedoch noch nicht so widmen. Nun finde ich langsam die Zeit. Ich habe einen ersten Kooperationsvertrag mit einem Hersteller und einen mit der CI-Klinik in Güstrow. Vor drei Wochen habe ich eine Kundin bei ihrer CI-Versorgung begleitet - sogar im OP. Wenn man das als Akustikerin macht, zeigt das auch den Klinikärzten, dass einem das Thema wichtig ist.«

Beratungserlebnisse mit dem SoundSelectTable und Kunden, die gute Erfahrungen teilen

»Zeit ist mein Wettbewerbsvorteil«, lautet ein Credo von Hörakustikmeisterin Theresa Bargsten aus Horneburg. »Während andere Zeit sparen, investiere ich sie – für ehrliche Beratung, Transparenz und Menschlichkeit.« Wie die Bargsten Hörakustik GmbH, die im Juni 2025 startete, diesen Anspruch mit Leben füllt, erfahren die Workshopteilnehmer gleichfalls aus einem Video:

»Hi, ich bin die Theresa«, begrüßt die Gründerin die Besucher von www.bargsten-hoerakustik.de. »Ich habe mich vor anderthalb Monaten selbständig gemacht. Ich bin Akustikmeisterin und sogar spezialisiert auf Kinder und Lärmarbeitsplätze. Was mich hier in Horneburg besonders macht, ist der SoundSelectTable. Hier hast du die Möglichkeit, in verschiedene Hörgeräte reinzuhören. Denn aus meiner 15-jährigen Berufserfahrung weiß ich, dass jeder Mensch das Hören ganz individuell verarbeitet.«

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»Hier hast du die Möglichkeit, in verschiedene Hörgeräte reinzuhören.« – Der SoundSelectTable hatte viele Juroren überzeugt

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Eigene Kunden sind viel glaubwürdiger als »08/15-Fotos« oder KI—Bilder - Theresa Bargsten (re.) mit einer guten Kundin

Der SoundSelectTable hatte viele Juroren überzeugt; sie wählten die junge Unternehmerin auf Platz 1 des aktuellen Wettbewerbs. »Wie hast du das umgesetzt«, wollen die Workshopteilnehmer wissen. »Es gibt einen Hersteller, der einen tollen Tisch anbietet, an dem man Hörgeräte erleben und vergleichen kann«, so Theresa Bargsten. »Allerdings ist der nur für die Produkte dieses Herstellers bestimmt. Ich durfte den Tisch sogar mal testen. Doch ich bin herstellerunabhängig und wollte deshalb eine Lösung haben, mit der man verschiedene Marken erleben kann.«

Also überlegte die Gründerin, wie diese Lösung zu bekommen sei – zum möglichst moderaten Preis: »Ich habe herumtelefoniert und stieß schließlich auf den Klangfinder, den ich sogar in einer personalisierten Ausführung bekam. Mit dem kann man tatsächlich verschiedene Hersteller erleben. Und er ist seitdem ein fester Bestandteil meiner Hörberatung. Jeder Kunde sucht sich seinen Lieblingsklang aus. Ich habe Lautsprecher platziert, über die ich Störgeräusche oder Musik abspielen kann. Der Kunde schaltet zwischen drei Systemen hin und her. Und er kann sie in verschiedenen Hörsituationen erleben. Die meisten Kunden wollen vergleichen. Ich empfehle ihnen vor allem, in verschiedene Preisklassen zu hören. Durch mein zusätzliches Testangebot habe ich auch die Laufzeit meiner Beratungen verkürzt.«

Die Funktionsweise ihres SoundSelectTables hat Theresa Bargsten schnell erklärt: »Der Klangfinder braucht eine Steckdose. Und er hat Kuppler, an die die Hörgeräte montiert werden. Der Kunde setzt einen Kopfhörer auf und hört den Raum über die angewählten Geräte. Die sind alle im First Fit eingestellt. Es wird breitbandig übertragen. Zudem gibt es Regler, an denen der Kunde die Lautstärke nachjustieren kann; bei manchen Herstellern muss man die Geräte etwas leiser regeln.«

Auch mit weiteren Ideen hat die Gründerin gute Erfahrungen gesammelt und sie teilt diese gern: Viel diskutiert wird beim Workshop ein Hörgeräte-Leasing, das Kunden von Bargsten Hörakustik gerne nutzen. Und auch Theresa Bargsten zeigt, wie man seine Kunden überzeugend in den eigenen Auftritt einbinden kann: »Für mich ist der Kontakt zu einer Akustikerin wie Theresa ganz, ganz wichtig«, versichert eine Kundin in einem weiteren Video-Clip. »Für mich ist wichtig, dass ich gut aufgehoben bin. Ich fahre fast eine Stunde hierher. Ich könnte auch zum Hörgeräte-Geschäft im Nachbarort gehen. Aber weil das hier so gut ist, fahre ich hierher.«

Kundinnen und Kunden, die sich im Fachgeschäft gut aufgehoben fühlen, über dieses sprechen lassen? Sowas ist glaubhaft und überzeugend, sind sich die Versammelten einig. Natürlich sei es wichtig, dass man das schriftliche Einverständnis seines Kunden hat, ehe man ihn in Foto oder Film veröffentlicht. Doch die eigenen Kunden seien viel glaubwürdiger als »08/15-Fotos« aus Bilddatenbanken oder KI-generierte Bilder. Und ob Bürgermeister oder Karnevalskönigin – jeder Ort hat seine eigene Prominenz, die lokal ebenso bekannt ist wie der berühmte Film- oder Sportstar. So einen lokalen »Kunden-Promi« für den eigenen Auftritt zu gewinnen, kann am eigenen Markt daher auch ebenso wirkungsvoll sein. Theresa Bargsten jedenfalls hat kürzlich einen ganzen Tag lang neue Videos mit Kunden produziert, die sie nun auf ihren Online-Kanälen teilen wird.

Nicht zuletzt sind die anwesenden Gründer fortan selbst Stars: GRÜNDERSTARS nämlich. Für die Kommunikation ihres Erfolgs erhält jeder von ihnen ein PR-Paket. Und wie man das vor Ort wirkungsvoll einsetzen kann, wird beim Workshop natürlich ebenfalls verraten.