Editorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
ich weiß, was Sie denken: Nicht schon wieder diese Veränderungsfloskel. Aber was soll ich machen, wenn das Thema in jedem wichtigen Beitrag irgendwie mitschwingt? Es war nie geplant, so lang und eindringlich darauf herumzureiten. Doch wat mut, dat mut. Der Markt wartet schließlich nicht, bis das Handwerk seine Berührungsängste ablegt. Die tektonischen Verschiebungen – von rasanter Filialkonsolidierung über veränderte Kundenansprüche bis zum alltäglich zu spürenden Veränderungsdruck – fordern eine Antwort.
Dass diese Antwort den Mut zu einer realistischen Beschreibung der Situation voraussetzt, davon zeugt auch unsere Titelgeschichte. Mit der Entscheidung für das Interview mit Peter Möckel und Christoph Stinn beschreitet die OMNIdirekt im Übrigen Neuland. Bisher ist es uns immer gelungen, uns bei der Wahl unserer Titelhelden nicht zu wiederholen. Nach mehr als fünf Jahren brechen wir nun erstmals mit dieser Tradition.
Dass die Entscheidung kein kreatives Recycling ist, dürfte beim Lesen (oder Hören) des Interviews deutlich werden, blicken die beiden darin doch nicht nur auf ihre 13-jährige Reise mit audiosus zurück – vom zunächst noch belächelten Branchen-Rebellen zur etablierten Premium-Marke. Möckel und Stinn analysieren auch das aktuelle Wohlstandsdilemma des Fachhandels und zeigen, warum der radikale Umbau der eigenen Strukturen genau jetzt stattfinden muss – »solange das heutige Geschäft den Wandel von morgen noch problemlos finanziert«.
Dass dieser Umbau kein theoretisches Lippenbekenntnis sein muss, zeigen noch zwei weitere Beiträge in dieser Ausgabe, die dem Fachkräftemangel, der mittlerweile nicht mehr bevorsteht, sondern handfeste Züge annimmt, ihren Veränderungswillen entgegensetzen. Hörakustikmeister Mario Tapella etwa will mit dem KI-Agentensystem t’ella AI das Dogma aufbrechen, dass Digitalisierung die Beratung entmenschlicht. Seine digitale Eingangstür lagert Routineprozesse so konsequent aus, dass »locker 30 Minuten pro Ersttermin gespart werden«, wie er sagt – Zeit, die direkt in die hochempathische Meisterstunde fließt. Das Ergebnis spreche für sich: 75 Prozent der Erstkunden verließen das Geschäft schon nach dem ersten Termin mit einem Testgerät.
Weil aber jedes System nur so gut ist wie die Mannschaft, die es trägt, braucht es neben künstlicher auch menschliche Intelligenz. Ein Beispiel hierfür wäre Klaas Knaack. Der norddeutsche Unternehmer betreibt nämlich nicht nur drei Fachgeschäfte. Dass es die überhaupt gibt, ist auch so etwas wie die erfolgreiche Probe aufs Exempel für seine zweite Unternehmung: die Next Personalentwicklung. Mit der bietet Knaack an, kleinere, mittelständische Betriebe mithilfe cleverer Mitarbeiterführung dabei zu unterstützen, zukunftsfit zu werden. Sein Credo: Je größer die Schnittmenge zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, desto stabiler das Unternehmen.
Lassen Sie uns also aufhören, den Wandel nur zögerlich zu verwalten. Es gilt, diesen intelligent und selbstbewusst zu gestalten.
Jan-Fabio La Malfa
