DIGITALES MAGAZIN
052 | November 2025
24/30

Prof. Dr. Marlies Knipper im Interview

Von Thomas Sünder / Foto & Abbildungen: Knipper

»Nur die Hörakustik kann die Brücke zwischen Forschung und Praxis bauen«

Die promovierte Biologin Prof. Dr. Marlies Knipper doziert an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen, ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften und forscht seit mehr als zwei Jahrzehnten im Bereich Hören und Hörstörungen. Im Interview berichtet sie von interessanten Forschungsergebnissen, die weitreichende Möglichkeiten für die Hörakustik bieten. Was könnte das Handwerk tun, um von Schwerhörigkeit Betroffenen noch besser zu helfen? Wie könnten die Messemethoden im Fachgeschäft optimiert werden? Und welche Rolle sollte Hörtraining spielen?

Frau Dr. Knipper, laut den Krankenkassen liegt der Sprachbereich zwischen 500 und 4.000 Hertz. Nur wenn in diesem Bereich eine Beeinträchtigung vorliegt, gibt es einen Zuschuss zu Hörgeräten. Was halten Sie davon?

Führende Wissenschaftler sind sich einig, dass der Sprachbereich zwischen 500 Hertz und 6.000 Hertz liegt. Unsere Forschungsergebnisse zeigen aber darüber hinaus, dass noch höhere Frequenzen äußerst wichtig für das Sprachverstehen sind und keinesfalls vernachlässigt werden sollten.

In den meisten Hörakustikfachgeschäften wird nicht höher als bis 10.000 Hertz gemessen, selten bis 12.000 Hertz. Reicht das aus?

Wir haben ganz profunde Daten, die belegen, dass eigentlich bis 16.000 Hertz audiometriert werden sollte. Früher ging man davon aus, dass diese hohen Frequenzen allenfalls für die räumliche Ortung von Klängen wichtig sein könnten. Doch heute wissen wir, dass Menschen, die in diesen hohen Frequenzen schlecht hören, sogar Probleme beim Verstehen von Sprachanteilen unterhalb von 1.500 Hertz haben können. Vor allem bei der Übertragung akustischer Signale am Stimulusbeginn unter 100 Millisekunden, und das nicht nur im Hintergrundgeräusch, sondern auch in Ruhe.

Das ist überraschend. Wie ist es möglich, dass höhere Frequenzen die Wahrnehmung der tieferen beeinflussen?

Wir können den Zusammenhang mit Messungen per EEG in Kombination mit Sprachtests und audiometrischen Verfahren belegen, die explizit darauf ausgerichtet sind, akustische Übertragungsschwächen am Reizbeginn unter 100 Millisekunden zu erfassen. Heute wird im Klinikalltag typischerweise Hörleistung durch Reintonaudiometrie gemessen. Allerdings erfasst sie die Hörleistung erst 500 Millisekunden nach Signalbeginn. In unseren Studien zeigte sich anhand von Hirnstammaudiometrie und verfeinerten Messungen der Cochlea-Mechanik, dass das zentrale Antwortverhalten auf niedrigfrequente Stimuli im Gehirn von Menschen, die oberhalb von 10.000 Hertz schlecht hören, reduziert und verzögert in höheren Hirnregionen ankommt. Gerade die Übertragung am Stimulusbeginn ist verzögert. Betroffene können Silbenkontraste schlechter unterscheiden, die ausschließlich unterhalb von 1.500 Hertz über sogenannte ›Stimulus-getriebene Phasen Synchronisation‹ verarbeitet werden. Das heißt, selbst wenn das Audiogramm einer Person bis zehn Kilohertz unauffällig ist, kann ihr Sprachverstehen durch Hörschwellenverlust in den sogenannten ›extended high-frequency regions‹ oberhalb von 10 Kilohertz stark beeinträchtigt sein. Und zwar nicht nur in Störlärm, sondern auch in ruhiger Umgebung. Leider stehen diese hohen Frequenzen sowohl bei HNO-Ärzten als auch bei Hörakustikern nicht im Interessensfokus. Auch werden diese Frequenzbereiche bisher typischerweise noch nicht von Hörgeräten oder CIs übertragen. Es werden zurzeit im Klinikalltag auch keine Verfahren eingesetzt, die in der Lage sind Übertragungsschwächen am Reizbeginn zu erfassen.

Würden Sie dafür plädieren, Hörgeräte zu verwenden, die ein möglichst hohes Frequenzspektrum mit abdecken, also Premiumhörgeräte?

Wenn eine Hörmessung bis 16.000 Hertz eine signifikante Beeinträchtigung im Hochtonbereich zeigt, wäre es ideal, diesen Bereich zu verstärken. Ich hoffe, dass auch Krankenkassen anhand der aktuellen Forschungsergebnisse die Notwendigkeit eines breiteren Frequenzspektrums erkennen und ihre Zuschüsse entsprechend anpassen. Denn die Folgekosten einer unbehandelten, oder auch schlecht behandelten Hörbeeinträchtigung sind immens. Obwohl epidemiologische Studien prognostizieren, dass das Risiko einer Demenz bei unbehandeltem Hörverlust steigt, glauben wir nicht, dass es der Hörverlust per se ist, der den kognitiven Leistungsabfall begünstigt, sondern es könnte eine Übertragungsschwäche am Stimulusbeginn vorliegen.

Hängt der retrocochleäre Hörverlust, auch Synaptopathie oder Hidden Hearing Loss genannt, ebenfalls mit einer Beeinträchtigung der hohen Frequenzen zusammen?

Zunächst müssen wir unterscheiden, dass grob gesagt zwei verschiedene Arten von Hörfasern existieren. Die eine ist hoch-feuernd und hat eine niedrige Aktivierungsschwelle. Sie feuert daher in leiser Umgebung schon beim Fallen einer Stecknadel und ist sehr resistent für Lärm und Alter. Deshalb ist sie leider oft aus dem Blickfeld der HNO-Ärzte und Forschung verschwunden. Sie ist jedoch für Stress anfällig, wie tierexperimentelle Studien in unserem Labor zeigten. Die andere Nervenfaser ist diejenige, die für Amplitudenmodulation zuständig ist, also für Sprache und Rauschen. Sie wird durch Lärm und das Altern tatsächlich beeinträchtigt, und davon sind fast alle Menschen betroffen, oft auch schon Kinder. Dadurch gehen insbesondere Hörinformationen im Hintergrundgeräusch auf dem Weg vom Ohr ins Gehirn verloren. Es handelt sich bei diesen Fasern um Synapsen, die langsam feuern. Die gute Nachricht ist, dass bei deren Verlust noch hinreichend ›Feuerrate‹ durch die erwähnten hoch-feuernden Fasern erhalten bleibt. Dadurch kann unser Gehirn die Beeinträchtigung zentral kompensieren, wenn wir uns geistig fit halten. Leider können wir genau das offenbar nicht mehr so gut, wenn wir einen kritischen Verlust der hoch-feuernden Fasern erleiden. Dann kommt es zur besagten Übertragungsschwäche am Stimulusbeginn. Das ist besonders kritisch für Sprachverstehen in Ruhe, da das Verstehen von 90 Prozent des Wortes den ersten 73 Millisekunden geschieht. Unser Gehirn versucht diesen Verlust zentral durch höhere Höranstrengung auszugleichen. Das kostet Energie und könnte langfristig ein erhöhtes Risiko für Kognitionsstörungen erklären.

Selbst die besten Hörgeräte übertragen meistens nur bis 10.000 Hertz. Was können Hörakustiker also tun, um den Betroffenen zu helfen, müheloser zu verstehen?

Viele Studien weisen darauf hin, dass Hörtraining mit und ohne Kombination von kognitivem Training ganz explizit die schnelle auditorische Prozessierung verbessern kann. So wurde beispielsweise eine Verbesserung von Sprachverstehen bei Kindern mit Cochlea Implantaten und spezifischem Hörtraining gezeigt. Auch belegen Studien, dass mit gezieltem Hörtraining eine Hörgeräteanpassung zu einem besseren und schnellen Hörqualitätsgewinn führt. Natürlich wäre es wünschenswert, dass Hörgerätehersteller darüber hinaus versuchen, Geräte mit breiterer Frequenzübertragung herzustellen. Beispielsweise kann die Hörkontaktlinse von Vibrosonic bereits jetzt bis 12.500 Hertz übertragen.* Doch zurück zu den Hörakustikern: Hörtraining hilft nicht nur, Defizite auf der Hörbahn auszugleichen. Das Gehirn muss auch erst einmal lernen, die veränderte zeitliche Auflösung und Kompression von Hörgeräten zu verarbeiten. Hörtraining hilft, die Eingewöhnungszeit deutlich zu verkürzen. Davon profitieren dann letztlich die Träger mit einer schnelleren Alltagstauglichkeit ihrer Hörhilfen, und Hörakustiker durch kürzere Anpassungszeiten und Chancen ganz neuer möglicher Therapieansätze für bisher wenig zugängliche Hörerkrankungen.

Würden Sie also sagen, dass jede Hörversorgung von Hörtraining begleitet werden sollte?

Nur die Hörakustik kann die Brücke zwischen Forschung und Praxis bauen, um die bestmögliche Versorgung zu bieten. Dazu würde aus meiner Sicht gehören, dass die Diagnostik explizit die akustischen Übertragungseigenschaften am Reizbeginn erfasst. Dies könnte dann im Fachgeschäft mit Hörmessungen bis 16.000 Hertz und Hörtraining kombiniert werden. Ich bin tatsächlich der Meinung, dass jede Hörgeräteversorgung von Hörtraining begleitet werden sollte. Diejenigen Hörakustikbetriebe, die das Potenzial erkennen, helfen damit nicht nur ihren Kunden. Sie schaffen sich auch einen Vorteil auf einem Markt, der immer mehr von digitalen Lösungen und KI bestimmt wird. Ich würde mir wünschen, dass die Krankenkassen auch die Kosten für Hörtraining bei der Hörgeräteanpassung übernehmen, denn am Ende kommt das unserem gesamten Gesundheitssystem zugute.

Frau Knipper, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

* Anmerkung der Redaktion: Die Beschränkung auf 12.500 Hertz wird laut Aussagen des Herstellers Vibrosonic durch den Prozessor bedingt. Mit einem entsprechenden Prozessor wäre eine Übertragung bis 16.000 Hertz möglich. Siehe hierzu unseren Artikel zur Hörkontaktlinse in Ausgabe #50.