Rainer Hüls ist tot – Abschied von einem Elder Statesman der Branche
Von Dennis Kraus / Foto: Elfriede Liebenow
Am 17. Januar verstarb Rainer Hüls. Mit ihm geht eine in der Hörakustik vielseitig tätige Persönlichkeit, mit der auch die drei OMNIdirekt-Gründer Benjamin Jäger, Jan-Fabio La Malfa und Dennis Kraus vieles verbinden. Ein Nachruf.
Auch wenn es sich in den letzten Wochen abgezeichnet hatte – die Nachricht von seinem Tod kam dann doch ganz plötzlich. Keine zwei Monate vor seinem 79. Geburtstag am 12. März verstarb Rainer Hüls nach kurzer, schwerer Krankheit in einer Hamburger Klinik. Für uns drei Gründer der OMNIdirekt ist das ein Moment innezuhalten und uns zu erinnern, war es doch eben Rainer Hüls, der für uns den ersten Berührungspunkt mit der Hörakustikbranche dargestellt hat. Als sein Sohn Niko 2006 Benjamin Jäger und 2009 mich zum Innocentia Verlag holte, Hüls‘ damaligem Unternehmen, konnte er bereits auf rund drei Dekaden in der Branche zurückblicken.
Hüls‘ Einstieg in die Hörakustik datiert auf 1978. Nicht mehr glücklich in seinem Job als Vertriebler bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft, war der Diplom-Volkswirt auf eine Stellenanzeige von Oticon gestoßen – »Außendienstmitarbeiter gesucht«. Hüls bewarb sich, stellte sich vor und bekam den Job. Statt um Heintje- und Heino-Platten ging es für ihn fortan um das Verkaufen von Hörgeräten. »Da musste ich mich nicht mehr schämen, ein Verkäufer zu sein«, schrieb er im Frühjahr 2025 in einem Artikel in der OMNIdirekt, in dem er auf seine Anfänge in der Branche zurückblickte. »Ich verstand sofort, dass diese Geräte ein seriöses Angebot an alle Hörgeräteakustiker und für alle Schwerhörigen von großem Nutzen waren.« Später bekam er außerdem den Posten des sogenannten Werbeleiters und machte Marketing. Schnell fühlte er sich wohl in der Branche. »Nicht aller Anfang ist schwer« hatte er dem Artikel überschrieben.
Bevor er in den 1980er-Jahren Leiter der Rexton GmbH wurde, war Rainer Hüls außerdem eine Zeit lang für Starkey tätig. Herstellerseitig bekam er also einiges in der Branche mit – und musste dafür nie aus seiner Heimatstadt Hamburg wegziehen.
Nach seiner Zeit bei Rexton machte er sich als Unternehmensberater selbstständig. Zudem wurde er Anfang der 1990er-Jahre unter Kurt Osterwald Autor für die Zeitschrift Hörakustik, in der er Interviews und Fachartikel veröffentlichte. Für den Heidelberger Median Verlag verfasste er außerdem das 1999 erschienene Buch »Die Geschichte der Hörakustik«, mit dem er sein Interesse für Historisches, seine Arbeit in der Branche sowie seine Leidenschaft für das Schreiben verband. Das Buch gilt heute als Standardwerk zur Hörakustik-Historie in Deutschland. Parallel setzte er sich für die Verbesserung des Hörgeräte-Designs ein, rief den Design-Preis »Ton Art« ins Leben und veröffentlichte den Hörgeräteratgeber »Schon gehört?«.
Als 1999 der Pariser Verlag CPI auf ihn zukam und ihn fragte, ob er die Erstellung der deutschen Ausgabe der internationalen Hörakustikfachzeitschrift Audio Infos übernehmen würde, sagte er zu. Er gründete den Innocentia Verlag Rainer Hüls e. K. und wurde selbst zum Unternehmer. Der Name ist übrigens eine Anlehnung an den Innocentia Park in Hamburg Harvestehude, in dessen Nähe Hüls eine Zeit lang gelebt hatte. Zur Verstärkung engagierte er, neben anderen, die Hörgeräteakustikerin Ida Müller (später Müller-Sarmiento), ab Mitte der 00er-Jahre begann außerdem sein Sohn Niko, sich einzubringen. Und schließlich stießen Benjamin Jäger, Hüls‘ Großneffe Jan-Fabio La Malfa und ich dazu.
Rainer ließ uns damals einfach machen. »Handeln und verantworten«, hatte er uns als Devise mit auf den Weg gegeben. Also probierten wir uns aus.
Inzwischen produzierte der Innocentia Verlag für die Vereinigung der Hörgeräteindustrie e. V. auch die Zeitschrift Otology, die das Ziel verfolgte, HNO-Ärzte über Hörgeräte und die Qualität der Versorgung durch die Hörgeräteakustiker aufzuklären. Zugeschanzt bekommen hatte Rainer Hüls den Auftrag vom damaligen VHI-Vorsitzenden und Widex-Geschäftsführer Gerhard Hillig, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis pflegte.
Ende der 00er Jahre veröffentlichte Rainer Hüls ein weiteres Hörakustik-Geschichtsbuch. In »Die Hand am Ohr – eine kleine Geschichte der Hörhilfen« blickte er so akribisch wie unterhaltsam auf die Historie der Hörhilfen zurück. Neben der Informationsrecherche vollbrachte er hier außerdem das Kunststück, viele sehenswerte Fotos für die Veröffentlichung zusammenzutragen. Und noch davor brachte er das Buch »Hamburg auf dem Weg zur Weltstadt« heraus, für das er unter anderem Klaus von Dohnany, Alexander Otto oder Hadi Teherani als Autoren gewinnen konnte.
In unseren Gesprächen berichtete mir Rainer Hüls gern und ausgiebig von der Branche, vorzugsweise während wir mit dem Auto zu Terminen fuhren. Gut in Erinnerung sind mir in dem Zusammenhang die vielen gemeinsamen Fahrten zu den Kongressen. Nicht immer ging es während der vielen Stunden nach Nürnberg oder in den knapp zwei Stunden nach Hannover um die Branche. Genauso gut konnte er über Musik, Filme, Filmmusik, Literatur aber auch Politik und Geschichte sprechen. Dabei kam auch immer wieder überraschendes zutage. Einmal erzählte er von einer Studie zur Stadtentwicklung, die er angefertigt und dem damaligen Hamburger Bürgermeister, ich glaube, es war Henning Voscherau, vorgelegt hatte. Dazu kamen viele Anekdoten aus seiner Zeit bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft aber auch über einen Besuch beim Starkey-Gründer Bill Austin in dessen Haus in Palm Springs oder bei Helmut Schmidt, den er zu einer Hörgeräteversorgung überzeugen konnte. Auch lustig konnte es mit ihm werden. Einmal, wir waren irgendwo auf der A7 zwischen Hannover und Hamburg, imitierte er so gekonnt Karl Lagerfeld, dass ich mich vor Lachen kaum halten konnte.
Zudem hatte er den »Hear for Life«-Award initiiert, mit dem er verschiedene herausragende Persönlichkeiten der Branche auszeichnete. Als der BVHI sich in den 10er-Jahren aus dem Projekt Otology zurückzog, führten die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker und die Europäische Union der Hörgeräteakustiker das Magazin mit dem Innocentia Verlag fort.
In der Zwischenzeit hatte er außerdem ein weiteres Buch veröffentlicht: »Hearing Stories«, ein Interview-Buch mit Gesprächen über das Hören in jeglichem Sinne, das er gemeinsam mit Martin Schaarschmidt verfasst hatte.
In der zweiten Hälfte der 10er-Jahre begann Rainer Hüls, sich allmählich aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen. Dafür waren nun Niko, Benjamin und ich da. Darüber hinaus unterstützte Jan-Fabio La Malfa die Redaktion. Hüls‘ Leidenschaft für die Branche, insbesondere für ihre Historie, ließ ihn allerdings nicht los. So kam es, dass er im Auftrag der biha ihr Jubiläumsbuch »50 Jahre Bundesinnung der Hörgeräteakustiker« produzierte. Einmal mehr durchforstete er dafür die Archive und erforschte die Geschichte der Branche. Er hatte seinen Spaß daran. Hatte er etwas Spannendes gefunden, rief er mich an und berichtete begeistert von seinem Fund.
Aber auch abseits der Branche betätigte er sich als Autor. In seinem Buch »Frühling aus der Asche« verwob er persönlich Erlebtes mit der allgemeinen Zeitgeschichte im Nachkriegshamburg zu einer großen Erzählung.
Auch als Benjamin, Jan-Fabio und ich 2021 OMNIdirekt gründeten, riss unser Kontakt nicht ab. Und so bereicherte er unser Magazin nicht nur mit einigen spannenden wie informativen Stücken zur Branchenhistorie (einen letzten Artikel veröffentlichen wir in der nächsten Ausgabe). Auch blieb er für uns ansprechbar, hatten wir mal eine Frage. Zugegeben war es in den letzten Monaten seltener geworden, dass wir telefonierten. Die Gewissheit aber, dass ich ihn nun nicht mehr anrufen kann, wenn ich eine Frage habe, die er sehr wahrscheinlich hätte beantworten können, oder um einfach nur ein wenig zu plaudern, als säßen wir wieder im Auto auf dem Weg zum Kongress oder irgendeinem anderen Termin, macht mich traurig. Ich, wir werden ihn vermissen.
