Ilker Karaman, Hörakustikmeister und Inhaber von LuxOhr Hörakustik
Integrität ist ein Marathon, Compliance nur ein Sprint
Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: LuxOhr / OMNIdirekt
»Alles selbst aufgebaut« – Ladeninnenansicht des LuxOhr-Fachgeschäfts
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Hinter jedem Geschäft steckt eine Geschichte. In diesem Fall könnte man schreiben: Hörakustikmeister macht sich über Nacht selbstständig, eröffnet 2021 sein erstes Geschäft Wand an Wand zu seinem alten Arbeitgeber und das halbe Filialteam geht mit. Aber ist damit alles erzählt? Gewiss nicht. Ein Besuch bei Ilker Karamans LuxOhr Hörakustik in Limburgerhof.
Jedes Unternehmen wünscht sich stabile Rahmenbedingungen – sowohl innerhalb als auch außerhalb des Betriebs. Ob im Hinblick auf Rechtssicherheit, Inflation und Infrastruktur (externe Faktoren) oder in Bezug auf Prozessstabilität, finanzielle Solidität sowie Unternehmenskultur (interne Faktoren). Volatilität und Unsicherheit will jede Unternehmung vermeiden.
Dass die VUCA-Welt ein sehr schwierig zu greifendes Phänomen ist, dürfte durch einige Beiträge in der OMNIdirekt deutlich geworden sein (siehe ab Ausgabe #31). Doch während oft versucht wird, die äußere Instabilität durch rein organisatorische Maßnahmen zu bändigen, bleibt die Frage nach dem moralischen und strukturellen Kern oft unbeantwortet. Wäre dies nicht der Fall, wären Unternehmen nicht dazu geneigt, im Dauertakt Compliance-Regelungen aufstellen zu müssen.
An genau diesem Punkt setzt die Geschichte des Hörakustikmeisters Ilker Karaman an. Wäre sich der alte Arbeitgeber seiner Betriebsintegrität bewusst gewesen, hätte der Großfilialist womöglich drei über Jahrzehnte gebundene Mitarbeiter, die sich mit ihrem Unternehmen stets identifizierten, nie verloren. Und doch arbeitet das Team heute am gleichen Flecken wie gewohnt weiter. Wie geht das?
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Der logische Weg in die Hörakustik
»Ganz so einfache Antworten kriegst du heute von mir nicht«, warnt Karaman, als ich Anfang Januar in seinem Geschäft LuxOhr eintreffe. Kennengelernt hatte ich den Inhaber, der sich auch als Aufsichtsratsmitglied bei der HÖREX engagiert, während eines Stadtrundgangs in Prag, als die Genossenschaft ihren Geburtstag feierte. Während ich noch staune, dass sich das Geschäft Wand an Wand zum alten Arbeitgeber befindet, eröffnet Karaman, der selbst seit Kindertagen Hörsysteme trägt, das Gespräch: »Freut mich, dass du nach Frankfurt nun auch den Weg nach Limburgerhof gefunden hast. Mir ist klar, dass dir ein solches Geschäft gut bekannt sein dürfte. Nichts Spezielles, aber alles selbst aufgebaut.« Nachdem ich ihm bestätige, dass ich dreimal gucken musste, um den Geschäftseingang zu finden, entgegne ich: »Um ehrlich zu sein, nein. Nur aus Italien. Wand an Wand? Erstaunlich.« Karaman lächelt.
Nach kurzer Begrüßung der beiden Hörberaterinnen Sonja Urban und Nicole Ofer-Yildiz ziehen wir uns in den Anpassraum zurück. »Die haben hier nebenan aber ganz ordentlich in das Geschäft investiert«, stelle ich zu Beginn des Gesprächs fest. »Möglich«, entgegnet Karaman, »ehrlich gesagt, guck ich nicht darauf. Wichtig ist, dass sich Kunden auch wirklich versorgen lassen wollen. Ich bin daher einfach nur froh, dass Menschen unserem eingespielten Team das Vertrauen aussprechen.«
Sicherlich sei man in der Gründungsphase von Neuversorgungen abhängig. Auch wenn man mit Bestandskunden erstmal kaum weiteren Umsatz generieren könne, habe ihn das seit Gründung im April 2021 nicht gestört. Das sei für ihn – wolle man dem Kunden den Unterschied zu Großfilialisten glaubwürdig darstellen – eine Selbstverständlichkeit. Sonst wäre es nicht so leicht gewesen, so etwas wie Mundpropaganda zu erzeugen. »Für den Kunden ist doch das Wesentliche, ob er einen Hörnutzen verspürt. Wenn ein HNO-Arzt bei einem Kunden noch einmal seine Messungen vornimmt und diesem von unabhängiger Seite aus bestätigt: ›Jawohl, das ist ein toll eingestelltes Produkt, das du da gerade gekauft hast‹, erst dann schafft das doch beim Kunden mehr Vertrauen. Das verleiht mir einen gewissen Kick, wenngleich man am Anfang nichts damit verdient.«
Externe Verwerfungen – genauso wie übrigens eine Hörminderung – könne er nicht beeinflussen. Was er allerdings bestärken könne, sei das Verhältnis zu Mitarbeitern, Kunden, Ärzten sowie zu sich selbst. »Wenn man wie ich aus ganz einfachen Verhältnissen stammt, dann lernt man, einen Weg gehen zu wollen. Das hat mit Respekt zu tun und hat mich letztlich in die Selbstständigkeit gebracht«, so Karaman, der zuvor über 19 Jahre bei ein und demselben Großfilialisten gearbeitet hatte. Denn geplant war die Selbstständigkeit nie.
Wie er denn überhaupt in die Branche gekommen sei, will ich an der Stelle wissen. »Eigentlich war damals ein Maschinenbaustudium in Mannheim angedacht. Aber ich hatte nicht die Praxiserfahrung der Kommilitonen. Also schwenkt man um und macht das, was logisch ist. Akustik«, antwortet Karaman, der seine ersten Hörgeräte 1984 bei Hörgeräte Kilian in Heidelberg erhielt.
LuxOhr befindet sich in demselben Gebäude wie das Fachgeschäft des ehemaligen Arbeitgebers von Ilker Karaman
Langer Karriereweg bei einem Filialisten
So bricht er 2002 sein Studium ab und schaut sich nach einer Ausbildungsstelle um. Bei mindestens vier Betrieben sei er vorstellig geworden. Den Entschluss, einen Ausbildungsvertrag zu unterschreiben, habe er allerdings erst in dem Moment gefasst, als er sich von den Fähigkeiten des Meisters selbst überzeugt hatte. »Ich habe mich damals für einen Handwerksmeister entschieden, nicht für den Betrieb selbst, obwohl ich auch andere Angebote vorliegen hatte. Da waren auch Einzelkämpfer dabei, die mir sogar Lübeck bezahlt hätten. Und ich hätte nur mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln müssen,« erzählt Karaman. Denn unabhängig aller Vorteile sei ihm von Beginn an wichtig gewesen, möglichst viel Wissen mitzunehmen. Und wo ein großes Unternehmen, da viele Meister.
Entsprechend sei auch die Ausbildung gelaufen. Kurz nach dem Gesellenbrief bot ihm sein alter Arbeitgeber die Möglichkeit, den Meister dranzuhängen. Das habe er nicht nur dankend angenommen – alles andere hätte für ihn sowieso keinen Sinn ergeben –, sondern er habe dem Unternehmen auch etwas zurückgeben wollen. »Allein in meiner Lehrzeit habe ich die Filiale dreimal gewechselt, auch aus Eigeninitiative. Einfach, um einen Schritt weiterzukommen. Schließlich ist jeder Akustiker anders – ob nun beim Filialisten oder auch nicht«, so Karaman.
Mit seinem Meisterabschluss stieg Karaman unmittelbar zum Filialleiter auf. Nach einiger Zeit bot ihm sein Arbeitgeber 2007 die Möglichkeit, eine Filiale in Kaiserslautern komplett neu aufzubauen. Auch wenn mit der Aufgabe durch die 90km Entfernung zum Heimatort persönliche Entbehrungen verbunden gewesen waren, habe er die Aufgabe dankbar angenommen – und gelöst. Der ehemalige Inhaber habe sich sogar bedankt. »Er sagte mir, es wäre die erfolgreichste Filialeröffnung der Unternehmensgeschichte gewesen. Es war eine schöne Bestätigung, durch die man auch das erste Selbstvertrauen gewinnt. Denn mit dem Meisterbrief ist man nicht automatisch ein Meister. Man wächst in diese Position hinein«, sagt Karaman.
Nach einem weiteren Filialwechsel 2010 nach Wiesloch bekam er ein paar Jahre später mit, dass im rheinland-pfälzischen Limburgerhof eine neue Filialleitung gesucht wird. 2017 bewarb er sich – und wurde genommen. Vieles wurde leichter. Nähe zur Familie und Freunden, ein eingespieltes Team. Ebenso schätzte er den Respekt, dem ihn sein Arbeitgeber in all den Jahren ausgesprochen hatte. Schließlich durfte er sich innerhalb des Unternehmens intensiv in Sachen Ausbildung einbringen. Gewiss 15 Azubis habe er selbst ausgebildet; überdies um die 1.000 bis 1.500 Azubis in der Weiterbildung betreut. »Das war eine tolle Zeit, die mir persönlich viel gebracht hat, weil man aus jedem sozialen Kontakt etwas mitnehmen kann. Ich erfahre viel über einen jungen Menschen – über seine Sichtweise, seine Denkweise und seinen Blick auf die Welt. Das kann auch für meine Realität und mein Denken gut sein und mich auch irgendwo beeinflussen«, so Karaman. Das ganze Leben bestehe aus einem Austausch. Deswegen sei man im Leben Geber, aber auch Nehmer. Voneinander lernen bedeute zuhören. »Man sagt ja immer, man kann nicht nicht hören.«
Ilker Karaman trägt selbst seit seiner Kindheit Hörgeräte
Über Nacht zur Selbstständigkeit entschlossen
Ein Geben und Nehmen, das irgendwann ins Stottern geriet, und es folgte die klassische Zäsur im Changemanagement. Wenn der persönliche Invest und das Involvement des Einzelnen nicht mehr gespiegelt werden, gerät die Betriebsintegrität ins Wanken. »Wenn ich dir gegenüber sehr respektvoll bin, erwarte ich nicht unbedingt das gleiche Niveau an Respekt. Aber ich erwarte Respekt, wenngleich jeder sein eigenes Verständnis von Gegenseitigkeit hat.« Insofern gebe es Karaman zufolge immer eine gewisse Toleranzschwelle, aber: »Ist die überschritten, fängt der Kopf zu arbeiten an.«
Während sich viele Arbeitnehmer in solchen Phasen der Entfremdung jahrelang mit dem Gedanken an eine Veränderung quälen, vollzog sich der Bruch bei Karaman mit einer Radikalität, die fast schon einen Gegenentwurf zur zögerlichen VUCA-Welt darstellt. »Ich habe eine Nacht schlecht geschlafen und am nächsten Tag eine Entscheidung getroffen. Das war’s.« Nach 19 Jahren im selben Unternehmen dauerte es exakt 24 Stunden, um die eigene Komfortzone zu verlassen. Ohne Plan B in der Tasche und ohne das Netz einer bereits fertigen Geschäftsidee kündigte er.
Zur Hilfe kam ihm auch der Zufall. Mitten in der Geschäftszeit rief ihn ein Headhunter an, der für ein neugeplantes Geschäft in Limburgerhof einen Filialleiter suchte. »Da dachte ich plötzlich: Nö, wenn, dann mache ich das selbst.«
Der Übergang vom Angestellten zum Unternehmer vollzog sich schließlich ebenso als radikaler Kaltstart. Am 31. März schloss Karaman zum letzten Mal die Tür des Geschäfts seines alten Arbeitgebers ab, am 1. April 2021 schloss er direkt daneben als Inhaber von LuxOhr eine neue Tür auf. Ohne den Rückhalt einer Konzerninfrastruktur, aber dafür mit dem unbedingten Willen zur Selbstbehauptung und der Unterstützung seiner Genossenschaft. »Das war das Erste, was ich gemacht habe. Bei der HÖREX anrufen. Da ich ja von vielen Dingen null Ahnung hatte, war es extrem schön zu erfahren, wie Unternehmer oder wie Selbstständige ticken. Das war eine große Hilfe«, blickt Karaman zurück, der während der Ausbildungszeit einmal gehört hatte, dass es die HÖREX gibt.
In einer Mischung aus Improvisationstalent, fachlicher Akribie und mit einem kleinen Budget ausgestattet, bereitete er abends nach Geschäftsschluss seinen Laden in Eigenleistung vor – inklusive tagelanger Schallpegelmessungen in Eigenregie. »Man setzt Kapital ein, hat aber noch keine Erfahrung im Ladenbau. Eine Zeit, in der man keinen Anker mehr hat«, erinnert er sich.
Die Absurdität der Phase gipfelte mit Anlieferung der schalldichten Spezialtüren. Weil der Lieferant bei Anlieferung nur den alten Arbeitgeber fand, klopfte er während der Geschäftszeit bei den ehemaligen Kollegen an. Karaman, der noch in der Kündigungsfrist steckte und gerade Kunden beriet, musste die schwere Tür unter den Augen der Kollegen »um den Block« in seine neuen, noch geheimen Räume schleppen.
Auch dass es überhaupt zu diesen Räumen kam, gleicht einem Husarenstück. Während ein Wettbewerber bereits über einen Makler die Hand auf die Immobilie gelegt hatte, nutzte Karaman sein lokales Netzwerk. Er kontaktierte den Vormieter – einen Tätowierer – sicherte sich per Handschlag das Nachmieterrecht, noch bevor die Gemeinde die Konzession erteilt hatte – und das inmitten der Pandemiezeit. Zu dieser Risikobereitschaft sagt er heute: »Als Selbständiger muss man positiv sein und Chancen sehen. Man verlässt die Komfortzone. Dafür braucht man natürlich schon eine gewisse Selbstreflexion, das ist richtig. Aber Selbstständige sind von Natur aus risikobereiter, sonst wären sie nach dem Pareto-Prinzip nicht selbstständig«, sagt Karaman abschließend.
So gesehen ist Ilker Karaman, betrachtet man dies mit Changemanagement-Augen, das lebendige Beispiel für den »Marathon der Integrität«. Er ist sich selbst treu geblieben, auch als es unbequem wurde. Betriebsintegrität ist daher kein Zustand, sondern eine Resonanz, die man täglich erzeugen muss. Man kann sie nicht wie Compliance befehlen.
