AUFSTIEG UND FALL EINES ÜBERFLIEGERS
PETER DAETZ
Von Rainer Hüls / Fotos: Archiv Hüls
Peter Daetz, Geschäftsführer der Siemens Audiologische Technik GmbH von 1983 bis 1998, starb fast unbeachtet in einem Seniorenstift in Erlangen im Alter von 93 Jahren. Kaum ein anderer Manager in unserer Branche war so umstritten und hatte ein so bewegtes Leben wie er.

»Ich erwarte von Ihnen ein devotes Verhalten!« – Impressario Daetz
Zwei Geschäftsführer von deutschen Herstellerniederlassungen ragen aus der Historie besonders heraus: Der eine war der Geschäftsführer der Siemens Audiologische Technik GmbH (SAT) Kurt Erich Döll (1921-2005), der wegen seiner Fairness gegenüber Konkurrenten und Verbänden beliebte Vorsitzende der »Fachabteilung Hörgeräte und Audiometer« im Zentralverband der Hörgeräteindustrie (ZVHI). Er hatte diese Position von 1969 bis 1982 inne und wurde am Ende mit der »Alexander Graham Bell Medaille« der Fördergemeinschaft Gutes Hören (FGH) geehrt.
Der andere herausragende, aber viel kritisierte Manager war Peter Daetz (1930-2023). Er hätte 1983 Nachfolger von Kurt-Erich Döll werden können, verpatzte aber seine Bewerbung im ZVHI mit der Weigerung, sich einer Wahl zu stellen. Das sei nicht nötig, behauptete er, denn es wäre doch ganz selbstverständlich, dass Siemens als Marktführer den Vorsitz beanspruchen könne. Aber erstens war er noch ein Neuling in der Branche und im ZVHI, und zweitens gönnten die anderen Firmen ihrem mächtigen Konkurrenten den Imagevorteil des Marktführers nicht. Gewählt wurde statt Daetz am Ende Ingo Döscher von der Firma Philips.
1988 hatte Daetz etwas mehr Erfolg damit gehabt, sich nach vorne zu drängeln. Als sich eine Delegation der FGH auf den Weg nach Washington machen wollte, um US-Präsident Ronald Reagan (1911-2004) die »Alexander Graham Bell Medaille« für dessen öffentliches Bekenntnis zu seinen Hörgeräten zu überreichen, waren eigentlich nur Volker Geers als Repräsentant der FGH und Kurt Iffland als Vorsitzender der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker (biha) für den Besuch bei Reagan als notwendig erachtet worden. Doch Daetz wollte ebenfalls an der Reise teilnehmen, konnte aber wiederum nicht allein mit Größe und Bedeutung des Siemens-Konzerns punkten, dafür aber mit dem Argument, dass Siemens die Im-Ohr-Geräte des Präsidenten hergestellt hatte. Dass die SAT sogar eine Niederlassung in New Jersey/USA errichtet und dort einhundert Arbeitsplätze für Amerikaner geschaffen hatte, kam bei dem Präsidenten natürlich gut an. Darüber hinaus fanden auch die Informationen der Gäste über die kontinuierlichen Public Relations der hörakustischen Fachverbände in Deutschland ihren Beifall, war doch gerade er derjenige Präsident, der sich stets mit Nachdruck für mehr Öffentlichkeitsarbeit mit Blick auf die Hörgeräteversorgung eingesetzt hatte.
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Der 28. September 1988 bleibt ein großer Tag in der Geschichte der deutschen Hörakustik, weil es ihr gelungen war, einen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika mit Hörgeräten zu versorgen und ihm daraufhin persönlich eine Medaille zu überreichen. Auch Peter Daetz war dabei gewesen, nachdem die Herren Geers und Iffland seinem Drängen nachgegeben hatten. Der einzige Wermutstropfen für die drei Besucher war, dass das Gespräch mit Reagan und die Übergabe der Medaille stehend im Flur vor dem Arbeitszimmer des Präsidenten stattfinden mussten und nicht im Oval Office. Das hatte das Protokoll nicht zugelassen.
Als Geschäftsführer der SAT verlor Commander Daetz mit dem Aufstieg im Konzern indes den Sinn für Realitäten und gab Unsummen für seine ehrgeizigen Pläne aus. 150 Millionen Schweizer Franken kostete die Übernahme der Rexton International AG in Zürich, weil er sich von der Behauptung des Schweizer Unternehmers Paul Bommer blenden ließ, sein Unternehmen sei »der größte Hörgerätehersteller der Welt«. In Wirklichkeit war das Unternehmen ziemlich veraltet und entwickelte sich bald zu einem Fass ohne Boden. Aber Daetz war fest davon überzeugt, dass die Siemens AG genug Geld vorhalten würde, um ihm jedes Vorhaben zu finanzieren.
Doch 1990, bei seinem nächsten ehrgeizigen Projekt, dem »Festival des Hörens« kamen bei den Konzern-Chefs Zweifel auf. Daetz‘ Idee war, mit einem großen Straßenfest in Erlangen bundesweit die Öffentlichkeit für das Thema Hören zu sensibilisieren. Erlangen lag zwar nicht im Zentrum Deutschlands, aber das Spektakel würde gerade dort die Aufmerksamkeit der Siemens-Vorstände auf sich ziehen, was vermutlich auch Daetz‘ Hintergedanke war. Obwohl er mit 60 Jahren das bei Siemens übliche Rentenalter schon überschritten hatte, wollte er in der Hierarchie des Konzerns noch weiter aufsteigen, was allerdings nicht der Personalpolitik des Hauses entsprach. Aber wie zum Trost spendierten die Vorstände Daetz zum Schluss seiner Karriere das Festival, das er ganz allein nach seinem Geschmack gestalten durfte, koste es, was es wolle. Das war jedoch, wie sich bald zeigte, keine gute Idee.
Daetz hatte die große Fete mit »nur« 600.000 DM veranschlagt. Daraus wurden schließlich 1,8 Millionen. Aber trotz der Verdreifachung der Kosten wurde sie wenigstens teilweise ein Erfolg. 60.000 Besucher und 90 bekannte Journalisten waren gekommen, ebenso Bundesministerin Rita Süßmuth und Ronald Reagans Ohrenarzt John House. Zwei Millionen Deutsche verfolgten die Show an den Bildschirmen, was ohne Zweifel ein toller Erfolg war. Einen Flop gab es allerdings auch. Als exotischer Höhepunkt wurde ein Sinfonieorchester aus Sibirien herbeigeschafft, das mit seiner ausschließlich experimentellen Musik das Verständnis für das Hören bei den Menschen schärfen sollte, dem Publikum aber gehörig auf die Nerven ging.

»Dynamisch, wie er war, wollte er sich seinen Lebenstraum erfüllen« – das Daetz Museum in Lichtenstein im Kreis Zwickau
Bald darauf schien der SAT das Geld auszugehen und es gab Monate, in denen die Gehälter der Mitarbeiter in der neu gegründeten Rexton GmbH in Norderstedt gefährdet waren. Auch sonst hatte Daetz kein Glück mit der Niederlassung gehabt. Gerade als es dort endlich aufwärts ging, bekam das kleine Team die behördliche Anweisung, das Büro unverzüglich zu verlassen. Der Grund war, dass ein Handwerker in den Wänden Asbest entdeckt hatte. Alles musste sofort stehen- und liegengelassen werden, Büromöbel, Akten, Hörgeräte, Werkzeuge und Computer. Nichts durfte mehr angefasst werden und alle mussten nach Hause gehen. Gleichzeitig wurde von Erlangen verlangt, dass das Geschäft weitergeführt werden sollte. Man solle sich wegen des Asbests »nicht so anstellen«. Es war eine großartige Leistung des kleinen Teams, dass nach nur einem Umzugstag ein komplett neues Büro mit Werkstatt in Rothenbaum zur Verfügung stand. Doch das war vergebens, denn der Betriebsleiter kündigte seinen Arbeitsvertrag mit der Rexton GmbH, die daraufhin an den Hörakustiker Rainer Trunt in Münster verkauft und dort für einige Monate weitergeführt wurde.
Daetz gab stets zu viel Geld aus. Aber nicht alles war eine Fehlinvestition. Drei Millionen Dollar wurden in sein Vorhaben investiert, in New Jersey/USA, ein Gebäude zu errichten, in dem Custom-Made-Geräte für den US-Markt hergestellt werden sollten. Das hochgesteckte Ziel war, Starkey als Marktführer für Im-Ohr-Geräte in den USA abzulösen. Das gelang zwar nie, aber die Niederlassung in Piscataway wurde weitergeführt. Es kam sogar noch eine Niederlassung für Rexton in Minneapolis hinzu.
Nachdem der ehrgeizige Überflieger Daetz im Siemens-Imperium nicht mehr weiterkam, wollte er gleich nach der Deutschen Einheit seine westlichen Management-Erfahrungen als selbständiger Unternehmensberater in den neuen Bundesländern einbringen. Auf seiner Suche nach einem geeigneten Objekt entdeckte er 1991 in Sachsen das Städtchen Flöha. Das hatte nur 20.000 Einwohner, mit fallender Tendenz, und bot nur noch wenige Arbeitsplätze. Die einzige Fabrik drohte in Konkurs zu gehen und brauchte dringend Hilfe. Kein Problem für den tatkräftigen Daetz! Er besorgte Fördergelder direkt bei Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, organisierte das Unternehmen neu und rettete so 6.000 Arbeitsplätze. Außerdem organisierte er Lehrgänge über Marktwirtschaft, die von der »Fortbildungszentrum Mittelsachsen GmbH« (WFZ) bezahlt und durchgeführt wurden, was ebenfalls seine Idee gewesen war. Flöha dankte ihm für sein Engagement und verlieh ihm die Ehrenbürgerschaft.
Dynamisch wie er war, wollte er sich nun seinen Lebenstraum erfüllen. Das war ein Projekt, das seiner Sammelleidenschaft entsprang und hauptsächlich die internationale Holzschnitzkunst umfasste. 1998 gründete er dafür eine Stiftung, die das weltweit erste Museum dieser Art bauen und betreiben sollte. Sein Investment war ein Großteil seines Privatvermögens und seine Sammlung, die aus 500 wertvollen Holz-Skulpturen aus 30 exotischen Ländern bestand. Das Vorhaben war keine Träumerei. Das Museum entstand tatsächlich, und zwar in der romantisch gelegenen Kleinstadt Lichtenstein im Kreis Zwickau. Bei allem, was er tat, wurde er ermutigt und begleitet von der leidenschaftlichen Teilnahme seiner Frau Marlene. Gebaut und untergebracht wurde das Museum dicht am Schlosspalais des sächsischen Fürsten von Schönberg-Waldenburg – ganz nach seinem Geschmack und Selbstbewusstsein.

Festival des Hörens 1990 in Erlangen
Im Laufe der folgenden Monate gab es jedoch immer mehr Meinungsverschiedenheiten zwischen Daetz und der Stadt Lichtenstein. Die fühlte sich von dem dominanten Kapitalisten bevormundet und wollte im Museum ganz andere Kunstwerke ausstellen als solche aus Afrika. Das erboste das Ehepaar Daetz und es kam bis 2020 zu mehreren gegenseitigen Klagen vor Gericht. Die Stadt Lichtenstein kündigte zudem den Vertrag mit der Stiftung wegen sinkender Besucherzahlen und Einnahmen des Museums. Der schlaue Daetz hatte indessen in den Vertrag – nachträglich und sehr zum Verdruss der Stadt – einen Passus einfügen können, der besagte, dass eventuelle Verluste von der Stadt getragen werden müssten. Die Stadt gewann vor Gericht zwar nicht wie gewünscht, konnte aber eine zwangsweise Räumung des Museums erreichen. Weil Daetz nicht wusste, wohin nun mit den Schätzen, wurden sie im Keller des Palais gebunkert und drohten dort zu verrotten.
Das zutiefst enttäuschte Ehepaar Daetz zog sich schließlich nach Erlangen zurück. Geblieben ist ihnen die Ehrenbürgerschaft von Flöha, der Sächsische Verdienstorden sowie das Bundesverdienstkreuz. Das Schild an der Autobahn A 4 mit dem Hinweis »Ausfahrt zum Daetz-Zentrum« ist später abmontiert worden.
Sein Führungsstil und seine Erfolge wurden sicher auch von seiner Geltungssucht getrieben. Er hatte 17 Jahre in Asien für Siemens gearbeitet und dort die Unterwürfigkeit der Untergebenen kennengelernt. Mit der jungen Generation in Deutschland konnte er dagegen nichts anfangen, im Gegenteil, deren Laxheit reizte ihn zu barschen Anweisungen wie »Ich erwarte von Ihnen ein devotes Verhalten!« Seine Körpergröße, sein autoritäres Auftreten sowie Druck und Drohungen verschafften ihm dazu den nötigen Respekt. Selbst dem robusten Geschäftsführer der Rexton AG in Zürich, Hans Weckherlin, von Beruf ein Starkstrom-Ingenieur, fehlten die nötigen Volt und Watt, um sich gegen Daetz zur Wehr zu setzen. Er wanderte frustriert mit seiner thailändischen Ehefrau nach Singapur aus und machte sich dort als Consultant selbständig. Alfons Lang, Daetz rechte Hand und nur von geringer Körpergröße, erging es nicht besser. Er erlitt einen Infarkt und wurde nur halb so alt wie sein Chef.
Bei aller Kritik an Daetz Führungsstil ist nach seinem Tod in der Sächsischen Presse und selbst in Lichtenstein mit Anteilnahme berichtet worden. Er hatte eben auch menschliche Züge. So hatte er wohl eine gute Ehe geführt, gestützt von seiner treuen Frau Marlene, die zeitlebens seine Ambitionen teilte. Vielleicht war es Vorsehung, dass beide 1930 geboren wurden und immer zusammenblieben, beide 93 Jahre alt wurden und beide im Herbst 2023 starben.
Quellen: Erinnerungen des Autors, die Websites der Freien Presse Sachsen und der Städte Lichtenstein und Flöha. Der Autor war vier Jahre Leiter der Rexton GmbH in Norderstedt und in dieser Zeit direkt Peter Daetz und Hans Weckherlin unterstellt. Er hatte in dieser Zeit auch Sitz und Stimme in der »Fachabteilung für Hörgeräte und Audiometer« im ZVHI, zuvor auch für Starkey. In die Branche kam er 1978 für Oticon.
