Bettear: Hybride Technologie als Startschuss in die Zukunft von Auracast

Von Thomas Sünder / Fotos: Bettear, EUHA/Foto Rechtnitz

Das israelische Unternehmen Bettear wurde 2020 gegründet und stellt seitdem Systeme für das Audiostreaming auf Veranstaltungen zur Verfügung. Dabei wird das Thema Auracast immer wichtiger. Die EUHA-Messe 2025 stattete Bettear gleich mit vier Lösungen aus: für den Präsentationsbereich in der Messehalle, die Vorträge im ersten Stock, den Presserundgang und für barrierefreien Musikgenuss auf der Party am Donnerstag. Im Gespräch mit CMO Ariel Caner erfahren wir, welche Möglichkeiten für massenkompatibles Audiostreaming aktuell bestehen und wohin sich die Technologie entwickelt.

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Ariel Caner, Chief Marketing Officer bei Bettear in Tel Aviv

Herr Caner, welche Idee steht hinter Bettear?

Es ging von Anfang an darum, Audiostreaming für größere Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen. Zunächst waren das WiFi-Lösungen. Da die große Mehrheit der Hörgerätehersteller weltweit Hörsysteme mit Bluetooth-Konnektivität vertreibt, sind viele Träger ohnehin mit ihren Smartphones gekoppelt. Sie telefonieren, hören Musik auf Spotify oder schauen Filme auf YouTube. Durch WiFi können wir die Smartphones mit Audiostreams versorgen, die dann per Bluetooth auf die Hörsysteme übertragen werden. Das ist überall umsetzbar, egal ob im Kino oder im Konzertsaal. Das war damals unsere erste Produktlinie.

Wie darf man sich das vorstellen: Ist dabei eine Smartphone-App im Spiel?

Genau. Wir stellen einerseits die Server her, die analoge Audiosignale in digitale WiFi-Signale umwandeln. Hierzu können die User eine kostenlose App herunterladen, die wir in 18 Sprachen anbieten. Damit können die Träger von Hörgeräten oder auch von Hearables auf Veranstaltungen Audio mit geringer Latenz in hoher Qualität streamen.

Wie hat die Einführung von Auracast Ihren Ansatz beeinflusst?

Wir haben die Streaming-Technologie verändert und nutzen nun auch direktes Streaming auf die Endgeräte via Auracast. Einer der Vorteile ist, dass Auracast über bis zu einhundert Meter Entfernung Signale direkt übertragen kann. Das ist eine riesige Verbesserung der Reichweite gegenüber Bluetooth Low Energy und Bluetooth Classic. Der zweite wichtige Vorteil ist die geringe Latenz von weniger als 40 Millisekunden. Das ist für Sprachverstehen enorm wichtig. Und drittens bietet Auracast eine hohe Klangqualität. Deshalb haben wir uns entschieden, unsere neuen Gerätegeneration darauf aufzubauen.

Auracast ist noch nicht überall verbreitet. Wie adressieren Sie Kunden mit anderen technischen Anforderungen?

Wir verkaufen aktuell viele hybride Produkte. Das heißt, die Hardware kann parallel Auracast und WiFi aussenden. Damit können auch Menschen, die keine auracastfähigen Hörsysteme besitzen, Audio in guter Qualität empfangen. Und wer bereits in der glücklichen Situation ist, Hörsysteme mit Auracast zu tragen, kann ohne Umweg über das Smartphone direkt streamen. Wir vertreiben unsere Lösungen aktuell in mehr als sechzig Ländern. Dabei ist auch wichtig, dass wir auf die vorhandene Technologie der Telefonspule aufbauen. Das heißt, wo eine Induktionsschleife verlegt ist, kopieren wir das Signal und senden es parallel über unsere Auracast-Anlagen. Man kann in den so ausgestatteten Räumlichkeiten also parallel auf beides Zugreifen, je nachdem ob man Telefonspule oder Auracast nutzt.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Verbreitung von Auracast. Geht das schnell genug, oder ist da noch Luft nach oben?

Viele Hersteller wie Oticon, GN und Starkey bieten bereits Hörsysteme mit Auracast an. WSA hat für Anfang 2026 ein auracastfähiges Hörgerät angekündigt, ebenso ein japanischer Hersteller. Ich würde mir wünschen, dass die Verbreitung von Auracast insgesamt etwas schneller voranschreitet, aber es passiert schon einiges. Vor kurzem hat beispielsweise das NHS (National Health System) in England ein auracastfähiges Hörsystem ins Portfolio aufgenommen, das aufzahlungsfrei angeboten wird. Es wäre schön, wenn sich weitere nationale Gesundheitssysteme auf die Technologie einlassen. Wir sollten auch erwähnen, dass Cochlear aus Australien bereits Cochleaimplantate und Knochenleitungssysteme mit Auracast anbietet.

Wie kam es, dass Sie aktuell den EUHA-Kongress ausgestattet haben?

Wir haben die Veranstalter angesprochen und unseren Service kostenlos angeboten. Wir wollten zeigen, wie flexibel unsere Systeme eingesetzt werden können. Denn wir sind das innovativste Unternehmen in diesem Bereich. Wir haben beispielsweise eine Lösung für Studenten, um Sprache in Text umzuwandeln. Oder auch eine Lösung für speziell für Gerichtssäle. Wir entwickeln also spezielle Anwendungen und auf der EUHA wollten wir demonstrieren, welche breit gefächerten Möglichkeiten Auracast bietet. Damit wollten wir die Technologie insgesamt bekannter machen.

Welche Anwendungen haben Sie auf der EUHA implementiert?

Insgesamt kamen vier verschiedene Arten der Anwendung zum Einsatz. Zunächst haben wir den Presserundgang am ersten Tag mit tragbaren Geräten ausgestattet. Der Tourguide hat in unseren Sender gesprochen, und die Journalisten konnten via Auracast über Kopfhörer wahlweise auf Englisch oder Deutsch zuhören. Hier konnten wir zeigen, dass Auracast auch für den mobilen Einsatz bei Menschen sinnvoll ist, die keine Hörsysteme tragen. Es waren aber auch einige Journalisten mit Hörsystemen dabei, die direkt auf ihre Geräte gestreamt haben. Der zweite Anwendungsfall waren die Vortragsräume im ersten Stock. Alle Vorträge wurden simultanübersetzt. Auch hier konnte wahlweise auf Deutsch oder Englisch zugehört werden, was wir ebenfalls mit Kopfhörern und direktem Streaming auf Hörgeräte ermöglicht haben. Die dritte Anwendung war in der lauten Messehalle auf der Präsentationsfläche. Trotz der Umgebungsgeräusche konnten hier Vorträge gehalten werden, die Zuhörer in hoher Audioqualität über tragbare Kopfhörer oder Hörsysteme verfolgten. Auf der Party am Donnerstag haben wir die Musik der DJs über Auracast ausgestrahlt, so dass auch abseits der Tanzfläche Partystimmung herrschte. Auch hier konnte man sich unsere Kopfhörer leihen. Ich habe aber auch jemanden mit GN-Hörgeräten gesehen, der auf die gestreamte Musik abfeierte. Wir hoffen, dass unsere Anwendungen die Hörgerätehersteller inspirieren, ihr Portfolio weiter in Richtung Auracast zu entwickeln.

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Auf dem EUHA-Kongress 2025 in Nürnberg stellte bettear u. a. Sender und Empfänger für den Auracast-Stream beim Presserundgang zur Verfügung

Ihr Unternehmen hat seinen Sitz in Tel Aviv. Welchen Stellenwert hat die EUHA international?

Es war das erste Mal, dass ich an dem Event teilgenommen habe und ich bin beeindruckt. Es ist eine sehr fokussierte und qualitativ hochwertige Veranstaltung für die Hörakustikbranche. Das Event ist extrem wichtig, weil den Besuchern die aktuellen Technologien hautnah präsentiert werden. Aber auch, weil Hersteller von Zubehör mit den Hörgeräteherstellern in Kontakt kommen und ein Branchenaustausch stattfindet. Wir freuen uns jetzt schon auf die nächste EUHA in Hannover.

Glauben Sie, dass Auracast auch in Consumer Electronic Einzug halten wird?

Es gibt Gerüchte, dass Apple im kommenden Jahr Auracast in iPhones und AirPods inte-grieren könnte. Das würde der Industrie einen großen Schub in Richtung Auracast geben. Auch einige Hersteller von TV-Geräten verwenden in ihren High-Definition-Geräten schon Auracast, darunter Samsung, Hisense, LG und Xiaomi. Ich denke, diese Entwicklung wird weiter voranschreiten.

Herr Caner, vielen Dank für das Gespräch.