Junggründer Marco Faltus
IM NEUEN DRIVERS SEAT
Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt

Der Eingang Ecke Parkstraße mit der kurzen Fensterfront
Bequem vorlesen lassen:
Anfang Februar tauschte der ehemalige Sonova-Topmanager Marco Faltus das Konzern-Parkett gegen den eigenen Teppich aus. Mit der Eröffnung von HörMomente in Bad Kissingen schlägt der erfahrene Stratege für sich nun einen ganz neuen Weg ein. Wir schauten in der unterfränkischen Provinz mal nach.
Wer über die Westumgehung Bad Kissingen erreichen möchte, steuert unweigerlich auf ein Nadelöhr zu: Die Schönbornstraße, eine Einfallstraße im Stadtteil Garitz. Es ist die Lebensader für Pendler und Einheimische, die tägliche Route zwischen der Autobahn und dem historischen Zentrum einer kleinen UNESCO-Welterbestadt, die mit ihren knapp 25.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt des Regierungsbezirks Unterfranken ist.
Ein kalter Februarmorgen. An der Einbiegung zur Parkstraße 1, dort wo die ehemalige Marbach-Apotheke über Jahrzehnte die gesundheitliche Nahversorgung des Stadtteils sicherte, findet sich um 9 Uhr in der Früh kaum noch ein Parkplatz, denn nach über zwei Jahren Leerstand leuchtet die 20 Meter lange Schaufensterfront wieder auf. HörMomente feiert seine Eröffnung.
Grund für die wenigen freien Parkplätze: Das BNI-Netzwerk. Marco Faltus hat zur Eröffnung geladen, und die regionale Unternehmerlandschaft lässt es sich nicht nehmen, den »Neuen« willkommen zu heißen. Was sich fortan entwickelt, ist ein Kommen und Gehen von Kunden, Freunden, Branchenvertretern, ein Händeschütteln mit Bürgermeister und Pfarrer zwischen Espresso-Maschine und Anpasskabine. Und wer Marco Faltus an diesem Tag beobachtet, sieht keinen nervösen Gründer, sondern einen Profi, der seine Bühne wie gewohnt beherrscht. Doch der Schein der absoluten Sicherheit trügt ein wenig – oder besser gesagt: Er ist hart erarbeitet. Den Moment der Selbstzweifel, den wohl jeden Gründer einmal durchlebt, überkam natürlich auch ihn.
Doch wie kommt der Mann, der unter anderem als Senior Director Audiology bei Sonova die audiologische Marschrichtung für ganz Deutschland vorgab, dazu, plötzlich in der unterfränkischen Provinz den Anpassraum vorzuziehen? Und was erhofft sich der erfahrene Stratege in einer Stadt, die eigentlich schon über sieben Akustikbetriebe verfügt?
Die Antwort liegt in einer Mischung aus tiefer Verwurzelung, einem spontanen Impuls und jenem Charakterzug, der Faltus schon immer ausmachte: Der unbedingte Wille, für sich im Leben immer einen Schritt weiterzugehen, wie er am nächsten Morgen im Interview auch bestätigt: »Eines Tages fuhr ich hier vorbei und sah, dass der Laden frei ist. Da machte es Klick im Kopf. Ich habe hier sofort einen Akustikladen gesehen – eigentlich habe ich dann auch sofort den endgültigen Entschluss gefasst. Im Konzern machst du zwar viel Eigenes, aber am Ende machst du es eben doch für andere. Es ist nicht deins, es trägt nicht deine DNA. Ich aber bin an dem Punkt, an dem ich einen bleibenden Wert schaffen will, der den Leuten zeigt, dass hier vor Ort jemand wirklich für sie da ist.«
Rastlosigkeit als Motor
Um diesen Schritt zu verstehen, muss man zurück zu seinen Anfängen. Faltus lernte wie sein Vater Uhrmacher – ebenso ein Handwerk, das absolute Präzision auf engstem Raum erfordert. Doch als 20-Jähriger war ihm nach der Ausbildung Hammelburg irgendwann zu klein. Es war nicht die mangelnde Liebe zum elterlichen Betrieb, sondern der Hunger rauszuwollen, der ihn antrieb: »Ich war fertig mit der Lehre und habe mich gefragt: Willst du jetzt wirklich bis an dein Lebensende hier in Hammelburg Uhrmacher bleiben? Die Antwort war ein klares Nein. Ich wollte noch etwas anderes sehen. Innerhalb von zwei Wochen hatte ich eine Wohnung in Nürnberg und die Zusage für die Ausbildung zum Akustiker bei Geers in der Tasche.«
Diese Episode ist symptomatisch für Faltus’ Tun. Er gehört nicht zu denjenigen, die darauf warten, dass ihm Chancen angeboten werden; er ist es gewohnt, sich diese zu erarbeiten. Schon im zweiten Lehrjahr, als andere Azubis noch vermeintlich mit den Grundlagen der Otoplastik kämpften, suchte er den Kontakt zur Industrie. Auf einer Messe lernte er Fred Bock, den damaligen Technikchef von Phonak, kennen und konfrontierte ihn mit einer entwaffnenden Direktheit: »Was muss ich tun, um zu euch zu kommen?« Die Antwort war die Messlatte: »Besteh einfach die Prüfung.«
Dass er die Ausbildung nicht nur nebenbei absolvierte, sondern mit derselben Akribie verfolgte, die er heute am Anpassplatz von sich selbst abfordert, zeigt das Jahr 2004: Faltus nahm die Herausforderung an, lernte auf »Bundesliga-Niveau« und schloss seine Lehre nicht nur erfolgreich ab; er wurde Bundessieger seines Jahrgangs. Über seine Zeit in Lübeck und den Spirit der Branche sagt er heute: »Lübeck ist der Ort, der alle verbindet und an dem man sich entscheidet, dieser Familie beizutreten. Aber eigentlich beginnt es schon früher: Man lernt diesen Beruf, da man den Wunsch hat, Menschen, vor allem Senioren, zu helfen, wieder mehr am Leben teilzuhaben. Das erst schweißt uns als Branche zusammen. Wir haben alle diesen sozialen Kern, und genau das unterscheidet uns von irgendwelchen abgebrühten Finanzhaien.« Entsprechend löste Phonak damals noch vor der Gesellenprüfung sein Versprechen ein und ließ Marco Faltus seinen ersten Vertrag unterschreiben.

Marco Faltus entschied sich für die designstarke Reinhörstation alx., die Actric bei der opti 2026 erstmals auf einer Messe präsentierte
Im Driver’s Seat: Die Karriere als bewusster Entschluss
Was folgte, war eine elfjährige Reise durch die Hierarchien der Sonova-Gruppe, bei der Faltus nichts dem Zufall überließ. Er startete im technischen Support an der Hotline; dort, wo man die ungefilterte Realität der Akustiker draußen im Land täglich am Ohr hat. Doch für Faltus war die Hotline nur die Startbahn. In regelmäßigen Abständen suchte er das Gespräch mit der Geschäftsführung. Seine Devise: Wer vorankommen will, muss selbst lenken. »Ich habe oft von Kollegen gehört, sie hätten nie etwas angeboten bekommen. Aber man muss sich eben fragen: Hast du selbst mal nachgefragt? Wenn es um die Karriere geht, muss man doch irgendwie auch im Driver’s Seat sitzen und sagen: Da will ich hin, was muss ich dafür tun? Ich habe meine Chefs immer gefragt: Was fehlt mir noch, um das nächste Ziel zu erreichen?« Ein Mindset, das ihn über die Vertriebsaudiologie bis hin zur Leitung der Audiologie für ganz Deutschland führte.
Sein Traum, mehr als Unterfranken zu sehen, erfüllte sich. Faltus verantwortete Roadshows und technologische Markteinführungen. Es sei eine Zeit der »Extrameile« gewesen, die nur möglich gewesen sei, da er ein Team gehabt habe, mit dem er bis um drei Uhr morgens Erlebniswelten für Kunden aufbaute; nur um wenige Stunden später wieder hellwach die audiologische Marschrichtung zu präsentieren. »Wir hatten damals ein echtes Start-up-Feeling in einem fundierten Aktienkonzern. Wir waren bereit, alles zu geben, weil wir wussten, dass man nicht nur nehmen kann. Man muss auch bereit sein zu liefern«, erinnert sich Faltus.
Die Suche nach dem bleibenden Wert
So »extrem geil der Job« als Senior Director Audiology allerdings auch gewesen sei, irgendwann wuchs in ihm der Wunsch nach einer anderen Form der Verantwortung. Der strategische Blick in die Excel-Tabellen habe Faltus zufolge das »unmittelbare Feedback« eines glücklichen Hörgeräteträgers nicht ersetzen können. »Ich habe als Senior Director Audiology sehr stark strategisch gearbeitet. Aber im Kontakt zu vielen befreundeten Akustikern habe ich gemerkt, dass es eine Welt außerhalb der Konzernkarriere gibt – das echte Unternehmertum. Ich wollte etwas schaffen, das meine DNA trägt und für das ich ganz allein die Verantwortung trage.« Die Entscheidung für die Parkstraße in Garitz war schließlich das Ergebnis dieser inneren Entwicklung, gepaart mit jenem unterfränkischen Pragmatismus, der ihn nie verlassen hat. Als er an der leerstehenden Apotheke vorbeifuhr, sah er keine Ruine, sondern eine Chance. »Ich wollte einen bleibenden Wert schaffen, wo die Leute auch sehen, wer vor Ort ist. Das Konzept ist hier unumgänglich manifestiert: Wer zur Westumgehung will, fährt an mir vorbei. Ich habe hier 20 Meter Schaufensterfront – das ist Transparenz pur.«

Auf höchstem Level ausgestattet: Die Anpassräume bei HörMomente
Ein »Monument« mit Blick auf die gläserne Werkstatt
Entsprechend setzt Faltus in den Räumen der ehemaligen Apotheke nun das um, was er in der Industrie jahrelang predigte. Das Ladenkonzept bricht mit der sterilen Kühle vieler Filialen. Warme Lichtfarben, dunkle Decken und – als zentrales Herzstück – eine offene Werkstatt. Hier spürt man den Uhrmacher in ihm. Wenn ein Hörer streikt, soll er nicht im Hinterzimmer versteckt werden. »Wichtig war mir Offenheit und Wärme. Die offene Werkstatt ist für mich ein Beziehungs-Tool. Der Kunde kommt rein, ärgert sich womöglich über sein kaputtes Gerät, und ich nehme ihn gleich mit. Wir setzen uns hin, trinken einen wirklich guten Espresso, und ich bringe das Gerät vor seinen Augen wieder zum Laufen. Ziel ist es, sofort transparent zu handeln und zu kommunizieren. Das schafft ein ganz anderes Verständnis und Vertrauen«, so Faltus, der – sollte der Kunde mal wirklich warten müssen – dennoch einen gemütlichen Wartebereich in die Geschäftsfläche integrierte habe, um dem Kunden auch das Streaming praktisch vorführen zu können.
Ebenso unübersehbar ist der alx., eine designstarke Reinhörstation, die von Actric auf der opti 2026 erstmals präsentiert wurde. Marco Faltus, der den alx. auf der opti in München erstmals präsentierte, nennt diesen stolz sein »Monument«. Nachts ist es das einzige Lichtsignal, das in die Schönbornstraße strahlt. Für Faltus ist es das strategische Herzstück seiner Beratung. »Der alx. ist im Laden manifestiert. Er ist ein Monument, weil er Technologieunterschiede unumgänglich und innerhalb von 15 Minuten erlebbar macht. Mir ist nicht wichtig, dass jeder ein teures Gerät kauft. Mir ist wichtig, dass der Kunde den Unterschied zwischen einem Top-End-Gerät und einem sehr guten Kassengerät hören kann. Diese Transparenz in der Customer Journey ist mir heilig.«

Die Eröffnung: Ein stetiges Kommen und Gehen
Qualität ohne Kompromisse
Trotz des Starts als Einzelkämpfer macht Faltus bei der fachlichen Ausstattung keine Abstriche. Er setzt auf 3D-Ohrscans, hochwertige Labor-Otoplastiken und das Audiosus-Anpasskonzept. Die Frage, ob er durch die vielen Jahre in der Industrie raus aus der täglichen Anpassroutine sei, lässt er nicht gelten. »Know-how verlernt man nicht. Durch meine Zeit in der Industrie und meine Dozententätigkeit an der Meisterschule weiß ich genau, worauf es ankommt und wie man anpasst. Man muss aber zwischen reiner Routine und echtem Know-how unterscheiden. Ein guter Akustiker braucht beides – und ich habe mir mein Netzwerk aus Top-Leuten bewahrt, die ich jederzeit anrufen kann, wenn ich mal eine zweite Meinung brauche«, so Faltus, der sich sicher ist, schnell wieder die gewohnte Routine aufbauen zu können.
Folglich sei er in der gleichen Situation, wie jeder andere Junggründer. Es gelte nun, Erfahrungen zu sammeln und täglich Lösungen zu finden, über die man noch nie nachgedacht habe. Eine bodenständige Einstellung, die auch beim Umbau deutlich wird. Während der Monate vor der Eröffnung war er sich nicht zu schade, selbst Rigipsplatten zu schrauben und Klinkersteine zu kleben. Unterstützt von seinem Vater, Wolfgang Faltus, sparte er dort, wo Eigenleistung möglich war, um dort zu investieren, wo es dem Kunden nutzt – etwa in die Kaffeemaschine für 3.000 Euro. »Als Gründer hast du alles andere als Cashflow. Aber auch ich musste mit Banken sprechen und wohlüberlegt investieren. Der Espresso für den Kunden ist mir diesen Betrag wert, weil er für die Aufenthaltsqualität steht, die ich bieten will.«
Den Blick, um den Elefanten bezwingen
Faltus ist sich bewusst, dass er erst am Anfang einer langen Reise steht. Das Ziel ist klar: Er will nicht ewig allein hinter dem Tresen stehen. Der Aufbau eines Teams, das seine Philosophie teilt, steht ihm zufolge bereits auf der Agenda. Dabei profitiert er von seiner Führungserfahrung und seiner Ausbildung zum Kommunikationstrainer nach Schulz von Thun. »Früher musste man sich als Azubi anbiedern, heute müssen wir als Arbeitgeber einen Schritt weitergehen. Der Mitarbeiter ist im Grunde der Kunde des Chefs. Man muss Wertschätzung bieten und verstehen, was der Einzelne braucht, um ihn als Macher mitzunehmen.« Doch vorerst gilt es, die Basics im Geschäft zu festigen und die lokale Bekanntheit zu steigern.
Eine Herausforderung, der Faltus mit einer Mischung aus Respekt und Gelassenheit begegnet. Das habe er durch einen Satz seines ersten Geschäftsführers Wolfgang Benedik bereits früh gelernt: »Wie isst man einen Elefanten? Stück für Stück. Das ist jetzt auch mein Weg. Einen Biss nach dem anderen, Nerven bewahren und gucken, was passiert«, erinnert er sich zum Schluss. So gesehen scheint Marco Faltus schon jetzt glücklich mit seiner Entscheidung zu sein. Zwar hat er den Dienstwagen abgegeben, doch er sitzt nach wie vor im Driver’s Seat. Er hat nur sein Auto gewechselt, um wieder an der Basis zu sein.
