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Abendvortrag inklusive Live-Schalte aus einer Forschungsstation in der Arktis – Henrik Mouritsen (Oldenburg), Professor für Neurosensorik, erforscht tierische Orientierungs-mechanismen

DGA-Tagung in Oldenburg – Jahreshighlight der Audiologen in der »Stadt des Hörens«

Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt

Oldenburg, die »Stadt des Hörens«, war Anfang März zum dritten Mal Veranstaltungsort für die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie. Unter dem Motto »Von der Präzisionsaudiologie zur Praxis« versammelten sich hunderte Audiologen und weitere Fachbesucher drei Tage lang im Hörsaalzentrum der Oldenburger Universität, wo sie ein umfangreiches Programm aus Tutorials und strukturierten Sitzungen, Vorträgen und Symposien erwartete; Messe und Poster-Ausstellung, Fachausschüsse und abendliche Networking-Events gehörten ebenfalls dazu. Hier nur einige Impressionen.

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Viele Angebote für CI-interessierte Fachbesucher bot auch die Fachausstellung, hier am Stand von Cochlear

Ein Highlight des ersten Veranstaltungstages war der Abendvortrag von Prof. Henrik Mouritsen (Oldenburg), auch wenn das Thema Hörsinn hier eher untergeordnet war - der Biologe und Professor für Neurosensorik erforscht tierische Orientierungsmechanismen: Sonne, Sterne oder Magnetfelder, welchen Kompass nutzen Vögel auf ihrem Weg ins Winterquartier? Im kurzweiligen Vortrag erfuhr man etwa, dass nachtaktive Singvögel über ein Molekül verfügen, das gemäß einem Radikalpaar-Mechanismus in vitro magnetisch empfindlich ist. Neueste Erkenntnisse über die extrem präzise Sensorik von Vögeln könnten weit über die Grenzen der Biologie hinaus von großer Bedeutung sein. Grenzüberschreitend zudem auch der Vortrag selbst: Die zahlreichen Fragen der Fachbesucher beantwortete der Referent nicht im Hörsaal, sondern per Live-Schalte aus einer Forschungsstation in der Arktis.

»Auch Hörgeräte-Anpassung und Hörakustiker-Handwerk waren auf der Tagung der DGA präsent.«

Forschungscommunity aus Wissenschaft und Handwerk

Auch Hörgeräte-Anpassung und Hörakustiker-Handwerk waren auf der Tagung präsent – etwa bei der strukturierten Sitzung »Wissenschaft und Handwerk Hand in Hand«, auf der sich die HörWerk Community vorstellte. Seit Anfang 2025 führt das HörWerk Expertise aus Hörforschung und Handwerk zusammen, will gemeinsame, neue Impulse in der Hörsystemversorgung setzen und die Umsetzung von praxisorientierten Projekten unterstützen – mit einer Fördersumme von insgesamt fünf Millionen Euro. Das stößt auf reichlich Resonanz: Aktuell zählt HörWerk bereits 315 Mitglieder, darunter 146 aus dem Handwerk. In drei Auswahlrunden wurden 20 Projektideen eingereicht, von denen bislang vier große und zwei kleinere die Förderung erhielten. Weitere Bewerbungen sind immer noch möglich.

In Oldenburg stellten sich fünf der Projekte vor. Das Projekt zur »Veränderung der binaural breitbandigen Lautheitssummation bei der Erstversorgung mit Hörgeräten« läuft bereits seit einiger Zeit; Aussagen zum Langzeitverlauf werden für die kommenden Monate erwartet. Ebenfalls vor einiger Zeit gestartet ist das Communityprojekt »OptiRaum: Sprachaudiometrie in Fachgeschäftsräumen im Vergleich zu Laborumgebungen«; im Ergebnis soll eine Leitlinie zur Durchführung von Sprachaudiometrie in Fachgeschäftsräumen entstehen, um so die Beurteilung der Hörfähigkeit und des Hörgerätenutzens zu optimieren, ebenso die Vergleichbarkeit von Messergebnissen zwischen Hörakustiker, HNO-Arzt und Klinik.

Weitere Projekte, die derzeit erst starten, widmen sich der »Optimierten Ankopplung in der Hörgeräteanpassung durch okklusionsminimierende, geschlossene Otoplastiken«, dem Thema »Hörakustik und AVWS-Expertise - für leichteren Zugang zu medizinischer Diagnostik sowie pädagogischer und therapeutischer Unterstützung« sowie dem »Einfluss optimierter Lautheitswahrnehmung auf das Sprachverstehen im Störschall«. Die beiden letztgenannten Projekte wurden von Michael Willenberg (Leipzig) und Sven Winkler (Wittlich) vorgestellt - also von den jeweiligen Projektpartnern aus dem Hörakustik-Handwerk.

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Neueste Erkenntnisse zur CI-Versorgung bot auch die Poster-Ausstellung (links) / Informierte über das erste smarte Cochlea-Implantat (CI): das Cochlear Symposium (rechts)

Neueste Entwicklungen bei Cochlea-Implantaten

Vielfältige Neuigkeiten gab es auch mit Blick auf Cochlea-Implantate. So informierte CI-Hersteller Cochlear über das weltweit erste smarte Cochlea-Implantat (CI) Nucleus Nexa sowie die neuen CI-Soundprozessoren Nucleus Kanso 3 und Nucleus 8. Als weltweit erstes smartes Cochlea-Implantat bietet Nucleus Nexa die Möglichkeit zum Upgrade der Implantat-Firmware. Was das für den Alltag der CI-Versorgung ermöglicht, und was es in Zukunft noch ermöglichen könnte, erfuhren die Fachbesucher bei einem Cochlear Symposium. Hier erläuterte Robert Pera, Leitender Ingenieur bei Cochlear, die Motive für die Entwicklung des neuen Ansatzes. Dr. Horst Hessel, Research Manager von Cochlear Deutschland, bot einen Überblick über die bereits verfügbaren, neuen Features des Implantats: das Ablegen der MAP des Patienten im Implantat, ein kontinuierliches Monitoring sowie dynamisches Energiemanagement. Für die Zukunft nannte der Referent weitere erwartbare, nachvollziehbare klinische Vorteile einer neuen bzw. verbesserten CI-Funktion und er erläuterte diese exemplarisch.

News auch bei Hersteller MED-EL, der gleichfalls mit einem Symposium präsent war. Hier informierte Erik Schebsdat, Advanced Clinical Scientist von MED-EL Deutschland, über das neue SONNET Akkusystem PRO - mit Batterielaufzeit von bis zu 23 Stunden, einfachster Handhabung und kompaktem Design sowie einer Ladestation mit USB-C. Vorgestellt wurde auch die Technologiepartnerschaft mit Hörsystem-Hersteller Starkey; erster Schritt: die Einführung der DualSync Technology für bimodales Streamen mit Apple iOS. Der Referent präsentierte das herstellereigene, ganzheitliche Konzept der CI-Versorgung. Zudem hat MED-EL die Zulassungsstudie für sein Totally Implantable Cochlear Implant (TICI) nun abgeschlossen; die Lösung sei jetzt beim TÜV eingereicht. Peter Nopp, Director of Research Signal Processing bei MED-EL, informierte zum CI-Design für binaurales Hören bei einseitiger Taubheit (SSD).

Darüber hinaus fanden CI-interessierte Fachbesucher viele weitere Angebote und Neuheiten. INNOFORCE informierte über den aktuellen Stand des deutschen CI-Registers, schon heute das weltweit größte Register für Cochlea-Implantate. Auf der begleitenden Fachausstellung waren mit Advanced Bionics und Oticon Medical auch zwei weitere Anbieter implantierbarer Hörlösungen zu finden. Und am Stand der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft (DCIG) wurde das HörWiki (siehe hoer-wiki.tech) vorgestellt – ein ständig wachsendes Online-Nachschlagewerk rund um Cochlea-Implantate, andere Hörsysteme und Hörtechnik.