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»Ein im Vorfeld aufgeklärter Kunde senkt den Beratungsaufwand drastisch« – Hörakustikmeisterin Sarah Barsch

Greifbare, emotionale Informationen

Mit ihrer Plattform »Sarahs Ohr« erreicht Hörakustikmeisterin Sarah Barsch jeden Monat tausende Menschen mit alltagsnaher Aufklärung rund um Schwerhörigkeit und Hörsysteme. Wir erkundigten uns nach den Hintergründen.

Von Jan-Fabio La Malfa / Foto: OMNIdirekt

Frau Barsch, seit Februar 2025 gibt es die Plattform »Sarahs Ohr«. Welches konkrete Ziel verfolgen Sie?

Das Ziel ist es, Endkunden im Vorfeld digital so aufzuklären, dass sie gut vorbereitet das Fachgeschäft betreten. Meine Informationen auf meiner Homepage, Instagram und LinkedIn kommen mit Leichtigkeit, einer großen Portion Alltag und hier und da mit einem Augenzwinkern daher. Ich vereine dabei die Perspektive einer Hörakustikmeisterin mit 15 Jahren Berufserfahrung, die selbst mittel- bis hochgradig schwerhörig ist. Außerdem stamme ich aus einer schwerhörigen Familie. Da ich die verschiedenen Perspektiven also kenne, sehe ich hier eine klassische Win-win-Situation: Über meine Plattform verliert der Kunde die Berührungsängste, da ich komplexe Themen einfach erkläre – ganz ohne unverständliche medizinische Fachbegriffe. Der Hörakustiker wiederum kann seine Arbeit optimal, zeiteffizient und zielgerichtet ausführen, da Kunden das Geschäft betreten, die im Kopf bereits vorbereitet sind.

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Gibt es denn eine Kommunikationslücke zwischen der eingespielten Branchenkommunikation und den Endkunden? Es gibt doch schon viele Anlaufpunkte, zum Beispiel den Schwerhörigenbund …

Die Lücke ist meiner Meinung nach groß. Das merke ich durch die vielen Rückmeldungen. Natürlich sehe ich selbst, dass es tolle Menschen gibt, wie zum Beispiel Sarah Felden, die das auf ihrem Instagram-Kanal sehr stark für die CI-Träger macht und ebenso die persönliche Perspektive reinbringt. Hochgradig schwerhörige Menschen, vor allem mit Gebärden, machen auch sehr viel. Aber für Leute, die mittel- bis leichtgradig schwerhörig sind, gibt es kaum Sichtbarkeit. Selbstverständlich gibt es hervorragende Fachinformationen von Verbänden. Aber dieses Material kommt beim klassischen Ottonormalverbraucher nicht an. Die Hürden im Netz sind hierfür viel zu hoch und man muss wirklich Arbeit investieren, um an die richtigen Informationen ranzukommen. Zudem liegt ein fundamentales Problem im Fokus der aktuellen Branchenwerbung: Nahezu überall dominieren Botschaften, die fast ausschließlich mit Begriffen wie diskret oder unsichtbar werben. Es geht permanent darum, Defizite zu verstecken oder die Technik in den Vordergrund zu rücken. Das reale Leben mit einer Schwerhörigkeit wird dabei ausgeblendet. Das zementiert meiner Meinung nach das gesellschaftliche Tabu, anstatt es aufzubrechen.

»Ein im Vorfeld aufgeklärter Kunde senkt den Beratungsaufwand drastisch«

Mit welchem Wissensstand kommen aus Ihrer Sicht die Menschen denn aktuell zu einer Beratung in die Fachgeschäfte?

Die meisten Kunden betreten das Fachgeschäft im Grunde mit einem völlig weißen Blatt Papier. Vielleicht haben sie von einem Bekannten oder Verwandten mal etwas gehört. Worauf es ankommt, wissen sie aber nicht. Wenn einer von zehn Kunden wirklich gut vorinformiert ist, dann ist das bereits eine außergewöhnlich hohe Quote. Das ist meine Erfahrung. In den Köpfen geistern immer noch veraltete Vorurteile wie: Das ist nur was für alte Leute oder die Angst vor klobigen, fleischfarbenen Geräten. Zudem fehlt das Verständnis für die zeitliche Dringlichkeit einer Versorgung. Wir dürfen medizinisches Wissen nicht als starre Dozenten vermitteln, sondern müssen es in greifbare, emotionale Alltagsbilder übersetzen. Deswegen die Comics mit Einhorn Erna, dem wissenden Kai und mir als Sarah für die Alltagsgeschichten.

Welches konkrete Feedback kommt aus der Online-Community und welche Fragen bewegen die Betroffenen abseits von Produktkatalogen?

Das entscheidende Signal für die Hörakustikbranche ist: Die Menschen fragen in den Direktnachrichten so gut wie nie nach bestimmten Herstellern, Marken oder nach Technik. Diese reine Technikzentriertheit findet in den Köpfen der Endverbraucher in der Orientierungsphase überhaupt nicht statt. Die Fragen drehen sich fast ausschließlich um ganz pragmatische Alltagsthemen, Sorgen und die zwischenmenschliche Kommunikation. Das ist das, was mir die Leute schreiben. Sie wollen wissen, wie eine Anpassung Schritt für Schritt abläuft und an wen sie sich vor Ort vertrauensvoll wenden können.

Sie definieren die Versorgung im Fachgeschäft als echtes Teamwork. Welchen Vorteil hat der Akustiker von einem solchen partnerschaftlichen Modell?

Ein im Vorfeld aufgeklärter Kunde senkt den Beratungsaufwand drastisch. Man verliert im Fachgeschäft deutlich weniger wertvolle Zeit mit dem Abbau von Ängsten oder der mühsamen Korrektur völlig falscher Erwartungshaltungen. Viele Kunden glauben ja immer noch, sie setzen das Hörgerät ein und hören wieder wie ein junger Gott. Wenn diese Erwartungen durch gute digitale Vorab-Aufklärung geradegerückt werden, gewinnen die Akustiker im Laden wertvolle Arbeitszeit für die handwerklich hochwertige Anpassungsarbeit und die Feineinstellung. Das führt zu einer höheren Versorgungsqualität, weniger Abbrüchen und zu zufriedeneren Kunden. Die beste Technik nützt niemandem etwas, wenn sie am Ende aus Frust oder Scham in der Schublade landet.

Sind Sie noch als Hörakustikerin aktiv tätig?

Nein, ich habe die bewusste Entscheidung getroffen, nicht mehr im Fachgeschäft als Angestellte zu arbeiten. Mein Herz brennt lichterloh für die Hörakustik und das Handwerk. Aber ich habe in den letzten Jahren durch die Rückmeldungen der Betroffenen gemerkt, dass mein Platz jetzt in der Wissens- und Informationsvermittlung liegt. Hier kann ich meine verschiedenen Erfahrungen am besten nutzen und so helfen. Um dieses Vorhaben auf ein professionelles, zeitgemäßes Fundament zu stellen, habe ich zwei Weiterbildungen erfolgreich absolviert: zum einen zur Online-Redakteurin, zum anderen im Bereich KI-, Medien- und Contentgestaltung. Ich wollte unbedingt lernen, wie ich mein Fachwissen so verpacken kann, dass es die Betroffenen auf den digitalen Kanälen auch wirklich erreicht und fesselt.

Was haben Sie sich für die nahe Zukunft vorgenommen?

Über Social Media bin ich durch einen glücklichen Zufall mit Klaus Tielesch in Kontakt gekommen, nachdem ich einen Beitrag von ihm kommentiert hatte. Wir haben im Gespräch sofort gemerkt, wie perfekt unsere Ansichten, Visionen und Kompetenzen zueinander passen. Heute arbeite ich in seiner Agentur mit und darf meine doppelte Perspektive als Hörakustikmeisterin und Betroffene nun vollumfänglich bei den Akustik Pionieren einbringen. Nebenbei baue ich das Projekt »Sarahs Ohr« kontinuierlich weiter aus und professionalisiere die Strukturen. Der Bedarf im Markt ist riesig. Mittlerweile werde ich auch vermehrt als Referentin angefragt, wie etwa beim Deutschen Schwerhörigenbund oder Branchen-Podcasts mit Fielmann. Das Ziel für die Zukunft ist klar definiert: Es gilt, wertvolle Netzwerkarbeit zu leisten, verkrustete Vorurteile abzubauen und letztendlich gut informierte Kunden mit engagierten Akustikern zusammenzubringen. Unsere Branche besitzt ein enormes Potenzial – wir müssen es nur gemeinsam schaffen, das Thema Hören endlich mit Stolz, Offenheit und echtem Alltagsbezug in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

Frau Barsch, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.