97. Jahrestagung der DGHNO in Ulm: Hörgeräte und Cochlea-Implantate beim Kongress der HNO-Klinikärzte

Neueste Entwicklungen für besseres Hören – hier bei der Session »Indikationskriterien für Hörgeräte und Cochlea-Implantate« am Kongress-Donnerstag
Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt
Drei Tage mit hochkarätigem Vortragsprogramm zu chirurgischen Innovationen und zu Fokusthemen wie Ambulantisierung und Krankenhausreform, Qualitätssicherung, Robotik und Künstliche Intelligenz, dazu praxisorientierte Kurse, interaktive Formate und eine große Industrieausstellung – all das erwartete die rund 3.000 Fachbesucher der 97. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie Mitte Mai in Ulm. Beim Veranstaltungshöhepunkt der HNO-Medizin ging es natürlich auch um neueste Entwicklungen für besseres Hören – etwa um Fortschritte bei der Gentherapie von Hörverlust oder um neueste Innovationen der CI-Hersteller. Und auch Fragestellungen zur Hörgeräte-Versorgung haben wir im Vortragsprogramm gefunden.
Unser Fach lebt von chirurgischer Kompetenz und Innovation, so Tagungspräsident Professor Thomas Hoffmann im Vorfeld der Veranstaltung. Der Kongress zeige, wie sich Tradition und Fortschritt verbinden – von der Ambulantisierung bzw. der Vermeidung stationärer Klinik-Aufenthalte gerade bei kleineren und unkomplizierten Eingriffen bis hin zur Integration von Robotik und Künstlicher Intelligenz. KI unterstütze die Entscheidungsfindung, ob und wann eine chirurgische Maßnahme zielführend sei, etwa bei der Beurteilung der Bildgebung. KI könne ebenso bei der Erstellung von Prognosemodellen helfen. Zugleich müsse man sicherstellen, dass Innovationen wie KI und Robotik nicht zulasten der Versorgungsqualität gehen.
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Indikationskriterien, objektive Diagnostik und Anpassungen
Auch das Thema Hörgerät war in Ulm präsent. So bot die Session »Indikationskriterien für Hörgeräte und Cochlea-Implantate« am Kongress-Donnerstag gleich eine ganze Reihe spannender Themen: Professor Annette Limberger (Aalen) widmete sich der Hörgeräteindikation und deren Qualitätssicherung im Versorgungsprozess. Neben einer frühzeitigen Indikationsstellung sei es wichtig, vor dem Schritt Richtung CI die Hörgeräteversorgung objektiv zu überprüfen. Wichtige Bausteine seien die Sprachaudiometrie ohne und mit Störgeräusch, die In-situ-Messung vom Hörakustiker und die subjektive Zufriedenheit der Patienten. Ob Hörgerät oder CI – eine qualitativ hochwertige Anpassung sei nur gemeinsam möglich. In diesem Zusammenhang warb Professor Limberger für die Teilnahme am Projekt HearForFuture »Bundesweite Hörhilfeversorgung im Alter zukünftig sichern – Herausforderungen und Chancen erkennen und für die Versorgungsqualität nutzen«, einer Befragung von HNO-Ärzten zur Hörmittelversorgung.
Dr. Izet Baljié (Erfurt) informierte zum Stellenwert der objektiven Audiometrie in der Hörgeräteversorgung. Zentrale Frage seines Vortrags war, ob die Validierung der Hörgeräteversorgungen mittels objektiv-audiometrischer Verfahren nah an der Realität ist oder doch nur ein ferner Wunsch? Und Professor Stefan Zirn (Offenburg) widmete sich der Frage, wie man Hörgerät und CI bei einer bimodalen Versorgung aneinander anpasst. Ausgehend von einer Studie aus Offenburg und München konstatierte der Referent drei entscheidende Nichtübereinstimmungen (Mismatches) zwischen Hörgerät und CI: im Ort, in der Zeit und in der Lautstärke. Aktuell in einigen Anpassungen genutzt wird bereits ein zeitlicher Differenzausgleich durch Verzögerung des CI.
Welche Stimulation benötigt der Hörsinn für seine Funktion? Dieser Frage widmete sich Professor Marlies Knipper (Tübingen): Anders als angeborene Blindheit könne angeborene Taubheit zu massiven kognitiven Einschränkungen führen. Entscheidend sei hier auch die Geschwindigkeit, mit der gehört wird. Ohne Entwicklung der Hörschnelligkeit bleibe die Sprachentwicklung und damit die kognitive und soziale Lernfähigkeit aus. Eine schnelle auditorische Prozessierung am Stimulusbeginn sei die Voraussetzung für das Erlernen von Sprache sowie für die Fähigkeit, Aufmerksamkeit auf den Ton zu lenken und Emotionen in der Sprache zu erkennen. 90 Prozent des einzelnen Wortes werden in den ersten <73 ms bzw. am Stimulusbeginn erfasst. Unser Hörsinn brauche bereits mit Hörfunktionsbeginn, also vor der Geburt, niedrig spontan feuernde Hörfasern und nach Funktionsbeginn – also ab der Geburt bis ins dritte Lebensjahr – hoch spontan feuernde Hörfasern. Für optimales Sprachverstehen in Stille und Rauschen benötige der Hörsinn eine Stimulation >8 bis 16 KHz. Eine solche Stimulation erhöhe die elektrischen Aktivitäten in der Großhirnrinde und senke zugleich die Höranstrengung. Hördiagnostik sollte die Messung der Hörfähigkeit am Stimulusbeginn mit einbeziehen und Hörgeräte sollten auch eine Stimulation höherer Frequenzbereiche von 8 bis 12 bzw. 16 KHz bieten.

CI-Hersteller auf der begleitenden Industrie-Ausstellung: Der Kongressauftritt von Cochlear stand ganz im Zeichen des weltweit ersten smarten Cochlea-Implantats Nucleus Nexa
Gentherapie und Versorgungslücken bei Hörgerät und CI
Dr. Nicola Strenzke (Göttingen) informierte zur OTOF-Gentherapie. Seit Sommer 2023 erhielten in bislang sieben klinischen Studien weltweit mehr als 80 Patienten die neuartige Therapie. Dabei gab es keine Komplikationen; Ende April erfolgte eine erste Zulassung für den US-amerikanischen Markt. In sechs der sieben Studien gab es bei rund 90 Prozent der behandelten Ohren eine Hörverbesserung. Die »Best Performer« erreichten im Schnitt 90 Prozent Sprachverstehen in Ruhe und -2dB SNR im Störgeräusch. Die Gruppe der bislang behandelten Patienten sei sehr heterogen – neben vielen Babys und Kleinkindern auch ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Therapie sei jedoch schon jetzt eine bahnbrechende Erfolgsgeschichte: In Einzelfällen sei es heute möglich, Taubheit zu heilen. Die Erfolge der Gentherapie im Vergleich zur Cochlea-Implantation seien noch nicht abschließend beurteilbar. Im Vergleich zu Normalhörenden seien bei den Patienten Defizite in der Sprachdiskrimination in schwierigen Hörsituationen zu erwarten.
Unter dem Titel »Tücken und Versorgungslücken« warf Dr. Tabita Breitsprecher (Hamburg) einen kritischen Blick auf die Indikationskriterien für Hörgeräte und Cochlea-Implantate: Die Kosten für unbehandelten Hörverlust beliefen sich allein in Deutschland auf jährlich 39 Milliarden Euro, während die unmittelbaren Kosten für die Behandlung bei 1,3 Milliarden Euro lägen. Nach wie vor gäbe es eine deutliche Versorgungslücke, die Versorgung läge bei 35 Prozent. Mögliche Ursachen reichten von fehlenden Screening-Angeboten über Stigmatisierungen, »falsche« Erwartungen an die Technik bis hin zum schleichenden Fortschreiten von Hörverlusten und einem Aufschieben des Problems durch die Betroffenen. Die Referentin vermutete, dass die Möglichkeiten zur Erkennung von Schwerhörigkeit – etwa das Fehlen von Screening-Angeboten – nicht optimal sind, und dass die Indikationskriterien für Hörgerät und CI die »Hörrealität« schwerhöriger Menschen nicht ausreichend abbilden; hieraus könnten zusätzliche Versorgungslücken entstehen. Es gäbe jede Menge Raum für weitere Forschung und die Suche nach geeigneten Lösungen, um die bestehenden Lücken nach und nach zu schließen. Dies sei auch gesundheitsökonomisch relevant.

Auch die Selbsthilfe war beim Kongress vertreten: Am Stand der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft wurde u. a. das HörWiki (siehe hoer-wiki.tech) vorgestellt
CI-Hersteller und Selbsthilfe auf der begleitenden Industrie-Ausstellung
Neueste Entwicklungen aus dem Bereich der Hörimplantate gab es auch diesmal auf der kongressbegleitenden Industrie-Ausstellung. Im Fokus des Auftritts von Advanced Bionics stand die bimodale Hörversorgung aus Hörgerät Phonak Link und Marvel Cochlea-Implantat-Soundprozessor. Als Teil ein- und derselben Familie seien die beiden Lösungen füreinander gemacht. Linkes und rechtes System würden miteinander kommunizieren, Informationen intelligent austauschen und so die Qualität des Hörens verbessern. Ein »perfektes Duo« seien die beiden Systeme auch mit Blick auf Konnektivität: Die Kombination von Phonak und AB ermögliche einfaches Streaming von Telefonaten, TV oder Musik auf beide Ohren gleichzeitig – und das unabhängig davon, welches Smartphone genutzt wird. Es gäbe Kompatibilität zu allen Bluetooth-fähigen Apple und Android-Geräten. Da für beide Systeme eine Fitting-Software bereitsteht, können beide Seiten einfach und schnell angepasst werden. Ebenso ermögliche die gemeinsame Smartphone-App eine intuitive Steuerung beider Seiten. Nicht zuletzt würden die Systeme mit ihrem »100% FARB-MATCH« punkten: Angeboten wird eine breite Palette an voll aufeinander abgestimmten Gehäusefarben.
Welche Fortschritte bietet das weltweit erste smarte Cochlea-Implantat? Und welches klinische Potential ergibt sich daraus aktuell und in Zukunft? Antwort auf diese Fragen gab es bei Hersteller Cochlear, dessen Kongressauftritt ganz im Zeichen des Nucleus Nexa Implantats stand. Durch die Möglichkeit zum Upgrade der Implantat-Firmware können Träger des CI-Systems erstmals sowohl über ihren Soundprozessor als auch über ihr smartes Implantat Zugang zu neuen Technologien erhalten, sobald diese verfügbar sind. Da die MAPs im Implantat gespeichert werden, können die Nutzer jederzeit schnell wieder hören. Weiterer Vorteil beim Nucleus Nexa System ist sein dynamisches Energiemanagement. Daneben präsentierte Cochlear den frei vom Ohr zu tragenden CI-Soundprozessor Nucleus Kanso 3 Nexa (FvO) sowie den Hinter-dem-Ohr-Soundprozessor Nucleus 8 Nexa (HdO). Beide Lösungen sind die jeweils kleinsten und leichtesten wiederaufladbaren Cochlea-Implantat-Soundprozessoren. Und beide bieten die gleiche moderne Hörtechnologie. Nicht zuletzt stellte Cochlear in Ulm den digitalen Versorgungspfad Connected Care vor, der neue Chancen für die Cochlea-Implantat-Versorgung bereithält.

Beim Industriesymposium von Med-El - Ines Kasuch, bekannt von mehreren Social-Media-Kanälen, gab Einblick in ihr Leben mit einseitiger Taubheit (SSD)
Auch Med-El präsentierte sich im Rahmen der Ausstellung sowie zusätzlich mit einem Industriesymposium, auf dem Klinik-Experten aktuelle Studien vorstellten. Zu den gezeigten Lösungen gehörten der neue, noch kleinere Audioprozessor SONNET 3, verschiedene Mittelohrprothesen, die Otoplan-Software, die sich vielerorts bereits als diagnostischer Standard etabliert hätte, sowie die robotischen Assistenzsysteme OtoDrive und OtoArm, die den Chirurgen bei der Implantation unterstützen. Wiederholt Thema war das TICI – das total implantierbare Cochlea-Implantat, das vollständig unter der Kopfhaut seines Nutzers verschwindet und ihm rund um die Uhr Hören ermöglicht; hier ist die Zulassungsstudie jetzt abgeschlossen. Weitere Neuheit war zudem die ReDiApp, eine interaktive Hörtrainings-App für Hörsystemnutzer, die selbständige Hörtrainings für Anfänger und Fortgeschrittene anbietet – mit bereits erstellten Kursen oder mit Trainings, die der Anpasser erstellt. Zudem nutzte Med-El das Symposium, um einen Einblick in das Leben mit einseitiger Taubheit (SSD) zu geben: Im Live-Interview berichtete Ines Kasuch, bekannt von mehreren Social-Media-Kanälen, über ihre Erfahrungen.
Zu den Dialog-Angeboten des Kongresses zählten nicht zuletzt Auftritte von Organisationen der Selbsthilfe. Am Stand der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft wurde u. a. das HörWiki (siehe hoer-wiki.tech) vorgestellt – ein ständig wachsendes Online-Nachschlagewerk rund um Cochlea-Implantate, andere Hörsysteme und Hörtechnik. Die freie, unabhängige Wissensplattform leistet seit mehreren Jahren Aufklärungsarbeit rund ums CI und wird zum großen Teil ehrenamtlich betrieben; Spenden sind herzlich willkommen.
