
Inhaber und Hörakustikmeister Florian Lehmann
Steiniger Weg zum gemeinsamen Stream
Von Jan-Fabio La Malfa / Foto: OMNIdirekt
Vor einigen Jahren warb Florian Lehmann bereits dafür, dass Kunde und Akustiker an einem Strang ziehen sollten. Nun hat er ein kostenfreies Angebot für mehr Barrierefreiheit gestartet. Wir sprachen mit dem Kirchzartener Hörakustiker über seinen persönlichen Einsatz für die Auracast-Technologie im Dreisamtal, der auch deutlich macht: Technischer Fortschritt stellt sich im Alltag keineswegs automatisch ein.
Florian, das letzte Mal, als wir miteinander sprachen, meintest du, dass Kunden und Akustiker an einem Strang ziehen sollten. Nun habe ich gesehen, dass du in Sachen Auracast sehr aktiv bist. Was machst du da?
Ich habe das früh genutzt, um rund um Kirchzarten alle Kirchen kostenfrei mit Auracast-Sendern zu versehen.
Kostenfrei? Warum?
Ich möchte die Hürde für die Kirchen so niedrig wie möglich halten, da das Angebot sonst vielleicht nicht wahrgenommen wird. Ich habe mir einen Haustechniker gesucht, der mit mir zusammengearbeitet hat. Wir sind im Dreisamtal in jeder Kirche gewesen und haben die Anschlussmöglichkeiten überprüft. Bei alten Anlagen aus den 50er- bis 70er-Jahren ist es manchmal schwer, überhaupt einen akustischen Ausgang zu finden. Das mache ich nun seit zwei, drei Monaten peu à peu.
Was treibt dich an?
Wie du weißt, leben wir in Kirchzarten Integration aktiv. Unabhängig davon, dass wir über meine Zielgruppe sprechen, kann ich auf diese Weise jenen, die ein Hörsystem tragen müssen, eine Möglichkeit bieten, sie besser in das soziale Leben hineinzuholen. Deswegen dachte ich, ich fange mit den Kirchen an.
Im Dreisamtal befindet sich auch das BBZ Stegen, das du mit Roger und Auracast ausgestattet hast. Wie kam es dazu?
Über die Zeit läuft man sich hier zwangsläufig über den Weg. Entsprechend habe ich einen guten Draht zum BBZ aufgebaut. Irgendwann fragte mich ein junger Lehrer, ob er mir Fragen stellen kann. Da wusste ich, ich darf aktiv werden. Es gibt dort einen Techniker, der für die Technik in der Aula zuständig ist und nach Auracast fragte. Ich habe dem Lehrer signalisiert: Ich kümmere mich darum. So haben wir die Aula mit Auracast ausgestattet. Zudem führten wir einen Realitycheck durch: Welche BBZ-Schüler können jetzt schon Auracast nutzen? Das sind, wie du dir denken kannst, natürlich die wenigsten.
Ich ahne die Herausforderungen …
Genau. Da es eine Schule für Kinder mit Höreinschränkungen ist, muss man sich fragen, welche Hörsysteme sie tragen. Logischerweise sind es überwiegend Phonak-Hörgeräte. Da ich aber noch kein Phonak-Sky-Gerät gesehen habe, das Auracast standardmäßig an Bord hat, ist das leider eine Hürde. Aber irgendwann, so hoffe ich, wird sich das geben, und dann können die Kinder im BBZ Auracast voll auskosten. So lange müssen sie mit der Roger-Anbindung vorliebnehmen.
Du hast schon einige Räume ausgestattet. Was hat dich animiert, so viel Zeit und Geld zu investieren?
Wie heißt es so schön? Tu Gutes und sprich darüber, die Nachfrage kommt dann schon. In unserem Markt müssen wir gucken, wie wir Kunden ins Fachgeschäft bekommen, um sie gewinnbringend zu versorgen. Ein Punkt ist, die Situation in hallenden Räumen zu verbessern. Und wer ist in der Kirche? Eher unser Zielpublikum. Mein Ansinnen war daher: Wenn ich dort etwas investiere und so mittelfristig pro Kirche eine Versorgung zu mir schwappt, bin ich im Gewinn. Und derjenige spricht wieder darüber – eine kostenlose Werbung also.
Hast du schon Rückmeldungen erhalten? Wie kommt das Angebot an?
Gut, ich habe eine Zeitungsanzeige im Dreisamtäler schalten lassen, kombiniert mit einer Reportage über eine Wallfahrtskirche in Sankt Peter, in der jetzt ebenso Auracast läuft. Die verfügten zuvor über eine Roger-Anlage mit dem gleichen Problem: Nicht jeder konnte sie nutzen. Nun hat man in St. Peter ein Rundumpaket für alle Hörsystemträger.
Wenn wir über Kirchen reden, ist meist ein Pfarrer zuständig. Haben die Verantwortlichen und Kunden schon Berührungspunkte zu Auracast, oder wissen sie eher um die alte Induktionsspule?
Kundenrückmeldungen erhalte ich viele, und manche fragen auch mal nach der Induktionsspule. Meist stelle ich in der Folge aber fest, dass sie nicht mal wissen, ob in ihrer Kirche überhaupt eine verbaut ist. Selbst wenn, müssen sie erst den Pfarrer oder Mesner fragen, die beide selbst keine Ahnung haben. Häufig wissen diese nicht, ob die Spule aktiv ist oder in welcher Sitzreihe man sitzen muss, um Empfang zu haben. Daran scheitert es oft. Zudem denke ich, dass Pfarrer auch nicht nach Technik gefragt werden wollen. Es ist nicht deren Aufgabe und bedeutet für mich, dass wir Akustiker Ansprechpartner für die Lösung sein müssen. Bei Auracast sehe ich den riesigen Vorteil, dass man nicht in eine bestimmte Sitzreihe gehen muss. Ich habe darauf geachtet, dass man von jedem Platz aus Empfang hat.
Wie einfach ist das für den Kunden?
Absolut einfach. Dadurch, dass die meisten Kunden mit ihrer Versorgung gleichzeitig einen TV-Streamer erhalten, nutzen sie schon ihr Smartphone. Und weil bei der Demant-Gruppe und auch bei ReSound aktuell schon über eine Frequenz gesteuert wird, kennen die Menschen den Auswahlbutton für die Auracast-Sender aus dem TV-Sender-Menü.
Das heißt, es gibt überhaupt keine Berührungsängste?
Kundenseitig nicht. Zudem hat man auch nicht die Schmach. Es gibt ja auch die kleinen externen Mikrofone bei jedem Hersteller. Wie oft berate ich dazu und wie selten werden die genutzt? Wer will denn am Sonntagmorgen zum Pfarrer nach vorne gehen und sagen: Ich höre nicht, ich würde Ihnen gerne mein externes Mikrofon ankleben? Die Technik ist da, aber keiner nutzt sie. Kundenseitig gibt es bei Auracast keine Ängste.
Alles in allem kann man also sagen: eine Win-win-win-Situation. Wie kommt das Angebot bei den Gemeinden an, auch in Anbetracht der Tatsache, dass diese den rechtlichen Anspruch auf Barrierefreiheit erfüllen müssen?
Mein kostenfreies Angebot wird von den Gemeinden aufgrund von Sparmaßnahmen häufig nicht angenommen. Das widerspricht sich komplett. Ich biete eine kostenfreie Lösung an, aber trotzdem wird der Bedarf nicht erkannt. Wenn dort jemand sitzt, der keinen Kontakt zur Hörwelt hat, sieht er kein Problem, für das es eine Lösung braucht. Ich sehe da die klassische Beamtenmanie nach dem Motto: Kennen wir nicht, brauchen wir erst einmal nicht. Das hat bis dato zu wenig Resonanz geführt. Es ist schon manchmal ein steiniger Weg zum gemeinsamen Stream.
Abschließend gefragt: Möchtest du dein Angebot noch weiter ausbauen?
Mein Ziel ist es, alle öffentlichen Räume im Dreisamtal mit einer Anlage zu versehen. Dazu gehören Hochzeitslokalitäten, das Black Forest Studio, das für Fastnachtsveranstaltungen genutzt wird, und andere Orte. Für Auracast gibt es viele Einsatzzwecke. Wir stehen zwar noch am Anfang, aber die Entwicklung geht weiter. Ich möchte derjenige sein, der hier vor Ort von Anfang an der Auracast-Antreiber war.
Herr Lehmann, lieber Florian, vielen Dank für das Gespräch.
