Prof. Dr. Gregor Hohenberg schlägt eine Brücke aus der Forschung zur Hörakustik, um Demenz zu therapieren

Die Verbindung des Know-hows von kognitvem Training bei Demenz und dem positiven Effekt von Hörgeräten und Hörtraining: Prof.Dr. Gregor Hohenberg über die H3O-Studie

Von Thomas Sünder / Fotos: Hochschule Hamm-Lippstadt, Telemedizinzentrum Hamm

Die Hochschule Hamm-Lippstadt will eine Studie starten, die das Know-how von kognitivem Training bei Demenz mit den positiven Effekten von Hörgeräten und Hörtraining vereint. Wir sprechen mit dem Initiator Prof. Dr. Gregor Hohenberg, im Lehrgebiet IT, Medien- und Wissensmanagement.

Herr Prof. Dr. Hohenberg, wie sind Sie als Digitalisierungsexperte zum Thema Hören und Demenz gekommen?

Mein Hintergrund liegt in der Physik und Informatik. Während meiner Promotion in theoretischer Medizin kam ich dann mit der Audiologie in Kontakt. Ich habe in dieser Zeit eine digitale Plattform entwickelt, die quasi eine Brücke schlägt: Sie bringt dem Computer das Hören bei, simuliert aber gleichzeitig bekannte Hörstörungen, um diese Erkrankungen besser digital abbilden zu können. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war für mich: Wir hören nicht mit den Ohren, sondern wir verstehen mit dem Gehirn. Das war auch der Kern meiner Promotion, in der ich ein künstliches neuronales Netz entwickelt habe, um englische Vokale aus dem Störschall herauszuhören. Die zweite Phase hatte dann einen ganz persönlichen Hintergrund, weil ich in meinem privaten Umfeld mit Alzheimer-Demenz konfrontiert wurde. Ich habe mich gefragt, wie man den Betroffenen effektiv helfen kann. So entstand die Idee, digitale Trainingsmöglichkeiten zu entwickeln – inspiriert von der Ergotherapie, die bei Schlaganfallpatienten ja schon lange etabliert ist.

Wie haben Sie Ihre Idee zu einer digitalen Demenztherapie umgesetzt?

2014 wurden mehrere hochrangige Studien veröffentlicht, die zeigten: Neuroplastizität wirkt auch im alternden, bereits neurodegenerativ veränderten Gehirn und kann Betroffenen messbar helfen. Kurz darauf wurde die kognitive Stimulationstherapie für Menschen mit Demenz in die S3‑Leitlinie aufgenommen, was ich hoch spannend fand – gerade, weil wir aus dem Alltag kennen, dass man Hören lernen kann und Hirnleistungen formbar sind. Plötzlich wurde aus dieser Fähigkeit ein klar umrissenes Therapiekonzept, und für mich war sofort klar: Das muss digital werden. Also habe ich begonnen, die kognitive Stimulationstherapie zu digitalisieren – und bereits 2019 die digitale kognitive Stimulationstherapie eingeführt.

Wie funktioniert die kognitive Stimulationstherapie?

Die kognitive Stimulationstherapie basiert im Kern darauf, dass man in die soziale Beziehung zwischen Menschen investiert. Das klingt im ersten Moment vielleicht paradox. Wenn man von einer digitalen Therapie hört, erwartet man ja meistens eine klassische App. Und ja, absolut – wir haben auch eine App entwickelt. Aber eben eine ganz besondere: Es ist kein stumpfes Gehirnjogging, sondern eine Anwendung, welche die soziale Interaktion mit Angehörigen oder Pflegekräften stärkt. Die Idee dahinter war eine sinnvolle, positive und spielerische Zusammenarbeit. Auf die Frage, was wir da genau trainieren, gibt es im Grunde drei Antworten: Erstens trainieren wir logischerweise das Arbeitsgedächtnis, zweitens die Aufmerksamkeitsspanne und drittens die exekutiven Funktionen – also das planerische, organisierte Denken. Das lässt sich natürlich wunderbar spielerisch umsetzen, gerade am Tablet oder Computer. Wobei man sagen muss: Im Jahr 2019 stand da noch die große Frage im Raum, ob man mit dieser Patientengruppe überhaupt vernünftig digital arbeiten kann. Den Beweis mussten wir damals erst einmal erbringen – aber es hat hervorragend funktioniert.

Wofür steht der Name der Anwendung, H3-Training?

Das erste >H< steht für das Herz, also für positive Emotionen. Wir können diesen neuroplastischen Effekt im Gehirn nämlich nicht einfach wie beim Lernen im Kindesalter triggern, sondern wir brauchen dafür positive Emotionen – kurz gesagt: Es muss Spaß machen. Das zweite >H< steht für die Hand, und zwar im Sinne der sozialen Interaktion, von der ich eben gesprochen habe. Und erst dann kommt das dritte >H<, das Hirn. Denn am Ende des Tages machen wir hier natürlich ein echtes Hirnleistungstraining.

Wie darf ich mir so ein spielerisches Hirntraining vorstellen?

Ich mache mal ein ganz praktisches Beispiel: Man spielt gemeinsam Modelleisenbahn – ein Thema, das bei vielen Menschen sehr positiv besetzt ist. Im Spiel geht es darum, Gleise zu verlegen und die Züge an die richtigen Bahnhöfe zu leiten. Das Schöne ist, dass man das wunderbar zusammen machen kann. Man überlegt gemeinsam: >Mensch, wie lassen wir den Zug jetzt fahren?<, stellt auf dem Tablet die Weichen richtig ein und begleitet den Menschen mit Demenz Schritt für Schritt. Dabei gibt es keine Verlierer, sondern man sammelt gemeinsam Punkte. Beim nächsten Mal wählt man einfach einen neuen Kontext, eine andere Strecke oder einen neuen Bahnhof – das lässt sich digital natürlich perfekt umsetzen. Und das Beste ist: Wir konnten den Erfolg wissenschaftlich messen. Es steigert nicht nur den Spaß und die Lebensqualität, die sogenannte Quality of Life, sondern wir haben schwarz auf weiß gesehen: Donnerwetter, die kognitive Leistung verbessert sich dadurch tatsächlich noch einmal messbar.

Hohenberg_02-Kopie-2

Sabrina Maternus, Co-Therapeutin des Telemedizinzentrums Hamm, beim kognitiven Training mit einem Demenz-Betroffenen

Wie kommt nun für Ihre neue Studie das Thema Hören ins Spiel?

Dass Schwerhörigkeit ein signifikantes Demenzrisiko ist, galt 2018 auf meinen ersten Vorträgen fast noch als verrückt. Wenn mich damals Leute fragten, wie man sich vor Demenz schützen kann, und ich antwortete: >Sorgen Sie rechtzeitig für ein Hörgerät<, wurde ich ungläubig angeschaut. Inzwischen ist das wissenschaftlich weltweit anerkannt. Weil unversorgte Schwerhörigkeit für Demenzpatienten eine doppelte Last bedeutet, haben wir den Spieß umgedreht: Nach einer vernünftigen Hörgeräteversorgung lassen wir die Betroffenen nicht allein, sondern integrieren ein strukturiertes Hörtraining direkt in unsere digitale kognitive Stimulationstherapie. Aus diesem Hybridverfahren wurde so aus unserem >H3-Training< das neue >H3O-Konzept<: Herz für die Emotionen, Hand für die soziale Interaktion, Hirn für das kognitive Training – und das >O< steht nun für das begleitende Ohrtraining.

Erwarten Sie, dass das zusätzliche Hörtraining den Effekt des kognitiven Trainings verstärkt?

Ein Hörgerät erfüllt im Grunde eine doppelte Funktion – es sind zwei Seiten derselben Medaille. Auf der einen Seite ermöglicht es soziale Teilhabe und Interaktion, was seit jeher die Kernaufgabe der Hörakustik ist. Auf der anderen Seite geht es hier ganz zentral um kognitive Gesundheit. Aus der Demenzbegleitung heraus gewinnen wir damit eine vollkommen neue Perspektive: Für mich ist ein Hörgerät im Grunde ein Instrument zum Schutz des Gehirns. Denn um das Gehirn fit zu halten, braucht es den akustischen Impuls und das zwischenmenschliche Miteinander. Ohne gutes Hören bricht diese Logik der sozialen Interaktion weg, während eine gute Versorgung direkt die Hirngesundheit stärkt.

Wie kam es zur Kooperation mit einer Krankenkasse?

In der Forschung geht man ja meistens einen sehr langen Weg. Bei uns war es glücklicherweise so, dass relativ früh eine Krankenkasse auf unser Projekt aufmerksam wurde: die AOK Nordwest. Die Verantwortlichen haben sich unsere Arbeit vor Ort in Hamm angeschaut, mit Beteiligten gesprochen und sofort das Potenzial erkannt. Plötzlich stand das Angebot im Raum, uns aktiv zu unterstützen, weil die AOK NordWest das System langfristig in der Regelversorgung sieht. Für einen Forscher ist das eine besondere Wertschätzung. Die AOK hat damals die Rahmenbedingungen geschaffen und mir die richtigen Kontakte vermittelt. Ich habe diese Zusammenarbeit als sehr positiv erlebt. Es war sehr schön zu erleben, wie kompetent und engagiert das Team dort war. Getreu dem Motto: Dafür zahlen wir alle unsere Beiträge – und unser Ansatz bietet eben auch einen sozialen und gesundheitsökonomischen Mehrwert.

Hohenberg_03

Mai-Britt Haumersen engagiert sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der H3O-Studie

Wer soll die Studie durchführen und das Hörtraining langfristig umsetzen?

Das Angebot soll zukünftig exklusiv von Hörakustikern bereitgestellt und damit fest in der Hörakustik verortet werden. Theoretisch hatte man auch über die Ergotherapie nachgedacht, da Therapeuten bereits Erfahrung mit der klassischen kognitiven Stimulationstherapie haben. Aber unser >H3O<-Konzept ist eine innovative Erweiterung, die untrennbar mit der Hörakustik vernetzt ist. Ziel ist es, dass dieses Training als verbesserte Nachsorge direkt in den Hörstudios vom Akustiker durchgeführt wird.

Wie genau soll die Studie in Hörakustikfachgeschäften durchgeführt werden und wie wird das vergütet?

Das Hörtraining wird über ein Tablet durchgeführt, das wir zur Verfügung stellen. Natürlich werden die Hörakustiker von uns entsprechend geschult. Wenn man an der Studie teilnimmt, bedeutet das pro Proband einen Zeitaufwand von insgesamt 13 Stunden, verteilt über zwölf Wochen. Die eine Stunde extra ist für das Eingangs-Assessment reserviert, weil wir vor dem eigentlichen Trainingsstart die kognitive Leistung präzise messen müssen. Das ist im Grunde wie im Fitnessstudio: Bevor ein Trainer den Trainingsplan mit dem Kunden an den Geräten umsetzt, schaut er sich den Ist-Zustand genau an und macht ein paar Leistungstests. Nur so können wir das System optimal einstellen und den perfekten, individuellen Trainingsplan entwickeln. Vergütet wird nach den Stundensätzen von Ergotherapie, also etwa 65 Euro pro Stunde.

Wie werden die Probanden rekrutiert und wer kann teilnehmen?

Wir benötigen 690 Probanden und es werden allesamt Kunden der AOK Nordwest und der AOK Baden-Württemberg sein. Das heißt, alle Hörakustiker, die in den entsprechenden Regionen aktiv sind und Kunden dieser AOKs betreuen, sind herzlich eingeladen, an der Studie teilzunehmen. Wir sehen darin eine Erweiterung der Hörakustik in einen weiteren Gesundheitsbereich hinein, der dem Handwerk neue Türen öffnet.

Wann startet die Studie und wie lange wird sie dauern?

Die finale Entscheidung der AOK erwarten wir im November. Dann wird die Studie, inklusive Vorbereitung und Auswertung, über dreieinhalb Jahre laufen. Davon sind eineinhalb Jahre für die Betreuung der Probanden in den Hörakustikfachgeschäften vorgesehen. Diese Phase wird dann in einem Jahr starten. Wir hoffen, dass auch unter Ihren Lesern Hörakustiker sind, die sich uns anschließen und sich der Verbreitung von Demenz entgegenstellen.

Ist im Rahmen der Studie mit vielen Neuversorgungen unter den Probanden zu rechnen?

Die AOK hat sehr viele von Demenz Betroffene in ihrem Bestand, die bereits mit Hörsystemen versorgt sind. Bei diesen Personen können sich die Hörakustiker primär auf das Hörtraining konzentrieren. Aber natürlich dürften später perspektivisch immer mehr Neuversorgungen dazukommen, die dann gleich richtig in den Kontext von Demenz gesetzt werden. Es wird die Hörakustik in jedem Fall bereichern.

Herr Prof. Dr. Hohenberg, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Die H3O-Studie im Überblick

Der Name steht für Herz, Hand, Hirn und Hören

Thema: Evaluierung des Effekts von Hörtraining bei Demenzkranken mit Hörverlust

Anzahl der Probanden: 690

Zielgruppe: Kunden der AOKs Nordwest und Baden-Württemberg

Durchführung: Hörakustikfachbetriebe

Dauer: 3,5 Jahre, davon 1,5 Jahre für die Arbeit mit Probanden in Fachgeschäften

Aufwand: 13 Stunden pro Proband über 12 Wochen

Vergütung: ca. 65 € pro Stunde

Hörakustiker, die an der Studie mitwirken möchten, wenden sich an:

Geschäftsstelle Telemedizinzentrum Hamm

Frau Lara Bender (lara.bender@tmz-hamm.de)