V. l. n. r.: Enrico Gulisano, Dominic Zengerle, Jonas Singer, Alex Thal und Christoph Riederer

Das Auge hört mit: der alx.

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: ZR-Hörsysteme/actric

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Mit dem alx. hat das Kemptener Unternehmen ZR-Hörsysteme eine Beratungsstation entwickelt, die Design und audiologische Spitzenleistung vereint. Statt fremde Technik einfach zu kaufen, setzten die Geschäftsführer Dominic Zengerle und Christoph Riederer auf innovative Ideen aus den eigenen Reihen sowie auf ein regionales Handwerkernetz. Eine Rückkehr nach Kempten.

Wer den Residenzplatz in Kempten seit Kindertagen kennt, der freut sich. Man meint, es hat sich nichts verändert. Aber nirgendwo steht die Welt still. Auch hier nicht. Bereits am Abend vor dem Interviewtermin sehe ich ihn von weitem leuchten: den alx. Obwohl es bereits nach 22 Uhr ist, bin ich nicht der Einzige, der über den historischen Platz schlendert und an diesem Sommertabend den strahlenden alx. bemerkt. Ein älteres Paar bleibt vor dem ZR-Geschäft stehen. Nachdem ich mir kurze Zeit später den alx. selbst noch einmal etwas näher angeschaut habe, beschließe ich, mir noch ein wenig die Beine zu vertreten und ein paar andere Schaufenster in der Stadt anzugucken.

Der nächste Morgen beginnt zunächst mit einer Spurensuche. Da ich mit Alexander Thal keinen konkreten Ort für das Interview vereinbart habe, suche ich bewusst eine Straße weiter die Schwesterfirma von ZR-Hörsysteme auf und klingele bei actric, wo man sich auf die Fertigung individueller Otoplastiken sowie Gehörschutzlösungen fokussiert hat. In einer ziemlich produktiven Atmosphäre empfängt mich hier Enrico Gulisano. Als Innovationsmanager ist er bei ZR sozusagen das technische Gewissen und eine der treibenden Kräfte für die Umsetzung des alx.

Wie die anderen in der Verwaltung warten, gehen wir die wenigen Meter zurück in das Stammhaus von ZR-Hörsysteme. »Du weißt ja, wir wollen die Schnittstellen im Haus so klein wie möglich halten«, erklärt er, während wir den hellen, großzügigen Kundenbereich betreten. Dort sehe ich gleich Hörakustiker Rüdiger Abeling, wie er am alx. steht und Kunden berät. Es wirkt, als würde er seit Jahren auf diese Weise beraten.

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Der alx.: Nicht nur ein Möbelstück

Als wir die Verwaltung erreichen, empfängt uns die komplette Führungsriege von ZR-Hörsysteme: Die beiden Geschäftsführer Dominic Zengerle und Christoph Riederer, Jonas Singer, der als Leiter Hörakustik die direkte Brücke zur Kundenanpassung schlägt, sowie Alexander Thal, zuständig für Business Development sowie Ideengeber des alx.-Projekts. »Jetzt verstehst du vielleicht, warum jeder den alx. auch Alex nennt«, begrüßt mich Riederer in sehr lockerer Atmosphäre. »Wir halten uns heute bewusst vollkommen zurück. Denn eines ist sicher: die Geschichte kann dir am besten unser Alex erzählen«, ergänzt Zengerle. Schnell wird klar: Zengerle und Riederer führen das Unternehmen nicht von oben herab, sondern bieten ihren Mitarbeitern Freiraum, visionäre Konzepte im eigenen Haus zu testen und zur Marktreife zu führen.

Doch ehe ich das Interview eröffnen darf, wollen mir alle noch einmal den alx. auf der Beratungsfläche zeigen.

Als wir die Konstruktion, die eine beruhigende Wertigkeit sowie vermittelnde Wärme ausstrahlt, erreichen, stößt auch Rüdiger Abeling wieder hinzu. Nachdem er mir erklärt hat, mit welchen Gerätestufen der alx. ausgestattet ist, wie er in der Beratung vorgeht und worauf er dabei achtet, bestätigt auch er: »Ich bin wirklich viele Jahre im Beruf und war anfangs eher kritisch. Doch auch ich muss sagen, dass der alx. mir die Beratung deutlich erleichtert.« Die Grundstruktur des alx. besteht aus massivem, makellos verarbeitetem Eichenholz aus der Region, kombiniert mit anthrazit-schwarzen Akzenten, die dem Möbel eine moderne, fast schon architektonische Silhouette verleihen. Besonders auffällig ist dabei das, was fehlt: Es gibt keine lang herumhängenden Kabel, keine klobigen Plastikgehäuse, keine unübersichtlichen Tastenfelder und vor allem keine sperrigen Bildschirme, die den Blickkontakt zwischen Mensch und Berater stören würden. Der alx. fügt sich einfach harmonisch in die Raumarchitektur ein.

Auch beim ersten Anfassen überzeugt die Haptik. Die Oberflächen fühlen sich angenehm an. Die Nutzung hochwertiger Materialien sowie die Übersichtlichkeit und der Aufbau des alx. führten Singer zufolge zu positivem Kundenfeedback. »Der erste Eindruck entscheidet darüber, ob ein Kunde Vorurteile aufbaut oder sich entspannt auf das Gespräch einlässt. Denn wenn du einem Menschen, der ohnehin schon Hemmungen wegen seines nachlassenden Gehörs hat, ein technisches Monstrum vorsetzt, blockiert er mental. Der alx. soll sich anfühlen wie ein gutes Instrument oder ein schönes Möbelstück zu Hause. Es gab daher schon Situation, in denen Kunden fragten, ob man auch sein Bierchen hier abstellen darf.«

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Am Kemptener Residenzplatz schon von weitem zu sehen: der alx

In der alx.-Werkstatt

Nachdem der alx. im Verkaufsraum ausführlich begutachtet wurde, wollen wir einen Blick hinter die Kulissen werfen. Thal, Singer und Gulisano führen nach hinten in die alx.-Werkstatt, wo die Beratungsstation zusammengebaut wird. Neben Rohbauten der Eichensäulen, Steckverbindungen, Platinen und anderen Einzelteilen machen wir es uns gemütlich. »Das hier ist kein industrielles Fließbandprodukt, das aus Übersee stammt. Was wir regional beziehen können, das nutzen wir auch«, sagt Singer. Das Konzept »Made im Allgäu« sei daher keine Marketingfloskel, sondern gelebte regionale Wertschöpfung. Eine Traditionsschreinerei aus Betzigau fertige die massiven Eichenholz-Säulen, ein regionaler Elektronikdienstleister aus Durach bestücke die komplexen Platinen, andere Komponenten beziehe man in Leutkirch.

Intern gaben die Entwickler dem Innenleben rasch den Namen »Keks«: Eine robuste, zweiteilige Hülle, die die hochsensible technische »Sahne« im Inneren geschützt aufnimmt.

»Jede einzelne Säule wird von uns hier im Haus montiert, verkabelt, durchgemessen und auf Herz und Nieren geprüft. Wenn wir in der täglichen Beratungsroutine merken, dass eine Kleinigkeit am Handling optimiert werden kann, fließen diese Praxisdaten direkt hier an der Werkbank in die nächste Platinengeneration ein«, fügt Gulisano hinzu.

Um zu verstehen, woher dieser unbedingte Qualitätsanspruch stammt, frage ich nach der Vita von Alexander Thal. Durch den Vater bereits früh mit Hörsystemen in Kontakt gekommen, entschied er sich für ein Studium der Augenoptik und Hörakustik in Aalen. »Wir sind da natürlich früh mit dem Klangfinder in Kontakt gekommen. Groß Gedanken habe ich mir damals aber nicht gemacht. Das kam erst nach dem Studium, als ich in Valencia meine ersten praktischen Erfahrungen sammelte«, so Thal, der unter Prof. Steffen Kreikemeier seinen Abschluss machte und auf der EUHA 2016 seine Abschlussarbeit präsentierte.

In Spanien habe er zwar als Optiker gearbeitet, aber bereits da habe es ihn gestört, wenn überall Flyer, Ordner, Displays oder anderer Papierkram herumgelegen haben. Das habe sich auch nicht anders verhalten, als er Anfang 2017 in die Hörakustikbranche einstieg. »Unabhängig davon, dass ich etwas wollte, das einfach ins Auge sticht und den Kunden anzieht, gab es noch einen zweiten Grund: Eine der größte Herausforderungen, dem Kunden Technik zu erklären und gutes Hören erleben zu lassen. Mensch, wir haben richtig coole Technik. Und dann schafft man es am Ende nicht immer, hochwertig zu versorgen«, so Thal weiter.

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Alex Thal und Enrico Gulisano beim Einbau des ersten Pilot-alx. in Kempten

Obwohl Thal 2019 erst kurze Zeit bei ZR-Hörsysteme angestellt gewesen war, sei er wegen der Situation auf Dominic Zengerle und Christoph Riederer zugegangen und habe dort erstmals den Vorschlag unterbreitet, eine Station zu entwickeln, die einen A/B-Vergleich ermögliche. »Aber warum nicht einfach auf bestehende Lösungen zurückgreifen«, will ich wissen. »Ganz einfach, es gab keine Lösung, die unserer Idee entsprochen hat. Ich wollte etwas cooles, erlebbares, was Berührungsängste abbaut, Angehörige effizient einbindet und der Hörgeräteträger aktiv in die Beratung eingebunden wird«, erklärt Thal.

Doch auch nach dem Wechsel in die ZR-Verwaltung und dem Beginn im Business Development sei ein Jahr lang erst einmal nichts passiert. Corona und andere Geschehnisse hätten den Gedanken verblassen lassen. »Im April 2023 kam ich endlich dazu und bin mit meinen Gedanken zu Enrico gegangen. Ich habe ihm mehr oder weniger nur einen Karton hingelegt und gesagt: Mach was daraus.«

Gulisano schmunzelt rückblickend über diesen Moment. »Ich habe mir den Inhalt der Kiste angeschaut und war erst einmal extrem skeptisch«, gibt er zu. »Die Grundidee war stark, aber die akustische Umsetzung war ein Minenfeld. Die ersten Testreihen mit handelsüblichen Musikkopfhörern und flexiblen Gummiohren fielen bei den Messungen gnadenlos durch. Der Sound hatte nichts mit der Realität einer echten Versorgung zu tun.«

Nun begann monatelange akribische Entwicklungsarbeit. Um einem Kunden den echten Unterschied zwischen Einstiegs-, Mittel- und Premiumklasse von Hörgeräten im A/B-Vergleich zu demonstrieren, durfte beim Umschalten nicht das geringste Knacken entstehen. Überdies hätten Latenzen und Frequenzverzerrungen für Kopfschmerzen gesorgt. Da es auf dem Weltmarkt keine vorgefertigten Schaltungen gegeben habe, die vier Stereokanäle verlustfrei und audiologisch absolut sauber trennen konnten, entwickelten Thal, Gulisano und ein Elektroingenieur eine vollkommen neue Platine.

Das größte Rätsel blieb jedoch die Schallübertragung auf das Trommelfell. »Wie simuliert man eine Versorgung mit einer Otoplastik, auch mit einer Bohrung, wenn wir einen Kopfhörer haben? Das war natürlich viel Entwicklung, bis wir das so hingekriegt haben«, fügt Gulisano hinzu.

Die geniale Lösung habe man schließlich in der Musikindustrie gefunden. Das Team wählte nach unzähligen Testreihen professionelle Over-the-Ear-Kopfhörer, wie sie beispielsweise von Schlagzeugern genutzt werden. Diese Systeme bieten von Haus aus eine geschlossene Bauweise mit einer passiven Außengeräuschdämpfung. Alles in allem simuliert der alx. so eine 1.4-Millimeter Akustikbohrung.

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»Auf der opti konnten wir den alx. das erste Mal so richtig vorstellen. Als wir am Vorabend mit dem Aufbau fertig waren, haben wir einfach nur stolz auf unseren selbstgebauten Messestand geschaut und waren super gespannt, was die Messetage bringen«, so Alex Thal

Gewinn des German Design Award

Im Januar 2026 stellte actric den alx. das erste Mal auf der Opti in München einem großen Publikum vor. »Wir waren neugierig, wie unser Konzept und unser Produkt von der Fachwelt aufgenommen wird. Schließlich war von Anfang an die Idee, den alx. nicht nur für die ZR-Stores in unterschiedlichen Größen zu bauen, sondern damit auch ein Stück weit die Hörsystem-Beratung zu neu denken«, stellt Zengerle klar.

Mittlerweile gibt es den alx. in drei unterschiedlichen Ausführungen.

Mit dem alx. original erhalte man die Haupteinheit mit dem Tisch, eine kleine Säule mit dem Tablet für den Anwender bzw. für den Akustiker, um Sounds abzuspielen sowie noch eine große Säule als Ablagefläche. Beim alx. standard sowie alx. compact entfällt jeweils eine Säule. »Die Farbe der Säulen kann ganz individuell bestimmt werden. Die Tischoberflächen werden meistens aus massiver Eiche gefertigt«, erklärt Thal. Das Design des alx., welches mit dem Kemptener Unternehmen Staehlin entwickelt wurde, hat sogar den renommierten German Design Award 2026 gewonnen.

»Die hochwertige Verarbeitung des alx. hat ihren Preis, der sich aber im Arbeitsalltag schnell auszahlen kann. Etwa durch höhere Verkaufspreise, kürzere Anpasszeiten und eine effizientere Nutzung der vorhandenen Räume«, berichtet Thal. Gulisano fügt an: »Die vielfältige Erfahrung von den bisher installierten alx. fließt in die kontinuierliche Entwicklung ein. So ist zum Beispiel die alx.-App sowohl im GooglePlay Store wie auch im Apple AppStore verfügbar.«

Bleibt nur noch eine Sache, die ich von Thal, Gulisano und Singer wissen möchte: »Die Innenstadt hat sich ganz schön verändert. Ich meine, in diesem Gebäude, da war früher mal ein Herrenausstatter drin, oder?« »Ja, hier habe ich sogar meinen Anzug zum Schulabschluss gekauft. Konnte keiner mal ahnen, dass ich hier einmal täglich arbeiten werde«, antwortet Alexander Thal bei der Verabschiedung.