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Führte durch die Oticon Pädakustik-Tour 2026: Jörg Ellesser

»Viele Praxis-Aspekte aufgegriffen« – Die Oticon Pädakustik-Tour 2026

Von Dennis Kraus & Thomas Sünder / Fotos: OMNIdirekt

Im Mai und Juni machte die Oticon Pädakustik-Tour 2026 in vier deutschen sowie in einer österreichischen Stadt halt. Statt dabei allein das neue Oticon Play SI ins Zentrum zu stellen, hatte der Hersteller den Fokus für das Programm weiter aufgezogen. Diatec stellte Messtechnik im Pädakustik-Kontext vor, Oticon Medical zeigte über das Hörsystem hinausgehende Lösungen. Mit Siegrid Meyer hatte man zudem auch externe Expertise eingeladen. Im Interview spricht Jörg Ellesser, Leiter Audiologie Süd und Pädakustik bei Oticon, über die Tour, das neue Oticon Play SI und die Pädakustik im Allgemeinen.

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»Sehr fundiertes Wissen über die Pädakustik« – Siegrid Meyer bereicherte die Tour mit ihrem Vortrag und vielen Tipps in ihrem Workshop

Herr Ellesser, Roadshows explizit zum Thema Pädakustik sehen wir eher selten. Nun waren Sie im Frühjahr mit der Oticon Pädakustik-Tour unterwegs. Was war der Anlass?

Der Anlass war die Produkteinführung der Oticon-Play-SI-Technologie. Audiologisch innovative Technologien ermöglichen schwerhörigen Kindern den Zugang zu allen prägenden und relevanten Klängen. Dazu setzen wir die patentierte 360°-Technoloige, die innovativste KI (DNN 2.0) und für die jugendlichen Schwerhörigen eine 4D-Sensor-Technologie ein. Unser übergeordneter Gedanke war allerdings, für das Programm auch möglichst viele Praxisaspekte aufzugreifen. Für mich persönlich ist die Kinderversorgung die Königsklasse in der Hörakustik, weil man hier über den Tellerrand hinausschauen muss. Man benötigt viel Praxisexpertise, ein hohes Maß an Empathie, Agilität sowie eine sehr aktive und gute interdisziplinäre Vernetzung. Zudem arbeitet man mit vielen Unbekannten. Deshalb war uns wichtig, dass wir die Inhalte der Roadshow nicht allein auf unsere neuen Produkte herunterbrechen, sondern auch Bezug auf die tägliche Praxis in der Pädakustik nehmen. Darum war auch Siegrid Meyer dabei, die ja über sehr fundiertes Wissen über die Pädakustik verfügt, aber eben auch Kollegen von Diatec und Oticon Medical. Darüber hinaus sollte die Tour den Austausch zwischen den Akustikern fördern, die in der Pädakustik aktiv sind.

Die Tour liegt nun einige Wochen zurück. Welche Bilanz ziehen Sie?

Das Feedback, das uns über die Feedback-Bögen sowie Gespräche erreicht hat, war durchweg positiv und spiegelte auch eine Dankbarkeit dafür, dass Oticon eine Pädakustik-Tour angeboten hat. Sehr geschätzt wurde, dass wir mit unserem Programm die Praxis besonders in den Vordergrund gestellt haben.

In Ihrem Eröffnungsvortrag haben Sie einen Satz gesagt, den ich seitdem nicht vergessen habe: »Pädakustik ist etwas für Idealisten.« Warum sehen Sie das so?

Der Alltag in der Pädakustik ist vielfältig, bunt und mehrdimensional. Ich selbst habe einige Jahre ein Kinderhörzentrum geleitet und täglich die Besonderheiten kennenlernen dürfen. Wenn man kleinste Kinder versorgt, damit sie sich möglichst barrierefrei durch ihr akustisches Leben bewegen können, spürt man eine besondere Verantwortung und Freude an der Aufgabe. Diese Form des Idealismus ist stark getrieben durch eine intensive intrinsische Motivation. Ökonomische Aspekte spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Es ist ein fachliches Privileg, sich um die Kleinsten unseres hörakustischen Arbeits- und Aufgabenfeldes zu kümmern.

Anlass der Tour war, wie Sie bereits sagten, das Oticon Play SI. Welche Neuheiten möchten Sie bei den neuen Päd-Hörsystemen hervorheben?

Vielleicht zuerst etwas Grundsätzliches zu unserer audiologischen DNA. Die wissenschaftliche Audiologie, unsere Philosophie, die wir einzigartig in der Erwachsenenversorgung verfolgen, spiegelt sich auch in unseren Hörsystemen und Konzepten für die Kinderversorgung wider. Das heißt, dass wir uns in der Produktentwicklung wissenschaftlich-audiologisch auf das konzentrieren, was die Natur vorgibt und wie das menschliche Gehirn beim Hören arbeitet. Daher bietet Oticon Play SI den 360-Grad-Zugang in jeder akustischen Konstellation, ob in Ruhe oder in komplexer Umgebung. Schwerhörige Kinder und Jugendliche benötigen einen hochdifferenzierten, vollständigen Zugang zu audiologischen Informationen. Zudem setzen wir für die Signalverarbeitung künstliche Intelligenz ein, so dass das Hörsystem in der Lage ist, Millionen von Zuständen in Echtzeit zu identifizieren und aufbereiten zu können. Dazu kommt schließlich die 4D-Sensorik, die die Kommunikationsabsicht unterstützt. So können wir dafür sorgen, dass nicht die Technik entscheidet, was man hört, sondern der Hörsystemnutzer entscheidet selbst, indem er sich der Schallquelle zuwendet, der er zuhören möchte. Ein wesentlicher Faktor in unserer audiologischen Überlegung ist, dass schwerhörige Kinder in jeder Klangsituation eine vollständige Klangumgebung wahrnehmen sollten. Das inzidente Hören und Lernen wird somit effektiv gefördert. Hörsysteme mit Ausstattungsmerkmalen wie adaptiven Richtmikrofonen, adaptiven Situationsautomatiken, starken Kompressionen und Lärmreduktionstechnologien limitieren die Fähigkeit zur maximalen Partizipation beim Hörprozess. Außerdem bietet Oticon Play SI eine Bandbreite von 80 bis 10 000 Hz bei sehr hoher Ein- und Ausgangsdynamik.

Empfehlen Sie, die Sensorik schon bei Kleinstkindern einzusetzen?

Nein. Wir empfehlen, die Sensortechnik erst dann zu aktivieren, wenn die kognitiven Fähigkeiten angelegt sind. Über den Daumen gepeilt wäre die Zielgruppe eher Jugendliche.

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Sie hatten es eben selbst gesagt: Auch in der Pädakustik verfolgt Oticon die BrainHearing-Philosophie. Was Sie eben über das Oticon Play SI sagten, klang, als würden Sie zum Beispiel über Oticon Intent sprechen …

Früher waren die Unterschiede zwischen den Geräten für Erwachsene und denen für Kinder sicherlich größer. Aber natürlich legen wir weiterhin sehr großen Wert darauf, dass die Geräte für die Pädakustik extrem stabil sind. Dazu kommen außerdem spezielle Kinderwinkel und weiteres Zubehör. Insgesamt aber ist es sicherlich so, dass sich der Aufbau und die Anwendung der Technologien immer weiter angenähert haben. Gerade so etwas wie der OpenSound Navigator ist etwas, wovon auch Kinder bei der Lokalisierungsfähigkeit, dem Sprach- und Informationszugang oder bei der Höranstrengung stark profitieren.

Geht es in der Pädakustik eigentlich auch immer mehr in Richtung RIC-System oder dominieren hier weiter HdO-Systeme?

Im Vordergrund stehen schon die HdO-Systeme, die mit Kinderwinkeln und spezifischen Otoplastiken angepasst werden. Was ich aber in der Praxis mehr und mehr sehe, ist, dass es mit dem Einsetzen der Pubertät eine Tendenz hin zu den kleineren, primär aus der Perspektive der Jugendlichen unauffälligeren Ex-Hörer-Geräten gibt.

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Informierte über viele Details rund um Oticon Play SI: Jens Mittelstädt

Das Oticon Play SI ist außerdem Auracast-fähig. Damit ist Oticon der erste Hersteller, der die neue Bluetooth-Technik auch in seinen Päd-Geräten anbietet. Für wichtig halten Sie das?

Das neue Bluetooth-Protokoll LE-Audio halten ich für wertvoll, und zwar für Normalhörende wie auch für schwerhörige Menschen. Durch die »Unterfunktion« via Auracast lässt sich ein sehr breitbandiges, dynamisches Stereosignal anbieten, ohne negative Einflussnahme von Feature-Settings. Für die Pädakustik ist das auch deshalb wegweisend, da hier die Möglichkeit besteht, Auracast unabhängig von einer bestehenden Signalübertragungsinfrastruktur herstellerübergreifend einzusetzen und direkt zu nutzen. Zusätzlich bestehen Optionen bei bereits installierten Anlagen, die Auracast-Funktion zu kombinieren. Davon können Kinder in Schuleinrichtungen und im Alltag sehr profitieren. Die Auracast-Technologie zeichnet sich durch eine simple Handhabe, einen kostengünstigen Erwerb und einen einfachen Service aus. Viele Einrichtungen wie Schulen und öffentliche Träger begrüßen die Anwendung und Nutzung dieser Technologie. Der Zugang zu dieser Technologie ist absolut niederschwellig.

Als weitere Neuheit des Oticon Play SI wird Google Fast Pair genannt. Worin liegt hier der Vorteil?

Google Fast Pair ist ein Protokoll von Google, das es ermöglicht, Android-Geräte mit dem entsprechenden Ausstattungsmerkmal einfach mit den Hörgeräten verbinden zu können. Man bringt die Hörsysteme in den Kopplungsmodus, das Smartphone erkennt die Hörsysteme und informiert über ein Pop-up zur Kopplung. Das simplifiziert und beschleunigt das Verbinden und das Wiederverbinden ungemein.

Welche Neuerung sollte man vom Oticon Play SI außerdem kennen?

Wenn ich die Hardware vor Augen habe, ist unsere MiniBTE-Variante sehr interessant, da es das einzige Hörsystem dieser Art ist, das zwei Leistungsklassen in einem Gerät anbietet. Als Akustikerin bzw. Akustiker kann man also auch bei asymmetrischen, volatilen oder progredienten Hörverlusten auf dieselbe Bauform zurückgreifen. Man würde dann in der Software zum Beispiel einmal die 85er-Matrix wählen und auf dem anderen Ohr bei einem stärkeren Hörverlust die 105er-Matrix. Darüber hinaus berücksichtigen wir für die Pädakustik immer bestimmte Standards wie die Anpassalgorithmen, die Arbeitsweise der Signalverarbeitung wird altersspezifisch nach Leitlinien vorberechnet. Es gibt in der Vorberechnung die Möglichkeit, spezifische Daten wie RECD-, REUG- oder auch BERA-spezifische Korrekturdaten zu nutzen. Bei der Hardware wird signifikant und nachhaltig auf die Robustheit, Stichwort IP68, und mechanische Stabilitätsfaktoren geachtet. Zur Funktionskontrolle gehören auch immer LEDs. Außerdem unterstützen wir in der Signalverarbeitung die sehr wichtige Lokalisierungsfähigkeit durch eine patentierte Technologie, die permanent die interauralen Pegeldifferenzen misst und berücksichtigt. Das zeigt in Studien und im Alltag eine sehr positive Wirkung. Eine zentrale Problematik in der Hörgeräteanpassung ist die Rückkopplungskontrolle. Dazu setzen wir eine spektral-temporale Modulation ein. Dadurch sind wir in der Lage, Rückkopplungen proaktiv zu verhindern und die Höhenverstärkung uneingeschränkt wirksam zu lassen. Das führt zu einem wichtigen audiologischen Mehrwert bei der Perzeption von hochfrequenter Information, dem Sprachverstehen und der Lokalisationsfähigkeit. Generell gilt für uns »mehr ist mehr«. Schwerhörige Kinder sollten ihren abwechslungsreichen, akustischen Alltag uneingeschränkt erleben dürfen – deshalb 360°-Verarbeitung und die modernste KI-Technologie das DNN 2.0 für mehr Details, bessere Klanggewichtung und Verbesserung des Sprachverstehens in der geräuschvollen Umgebung. Also eine 3-dimensionale KI. Das ist einmalig im Pädakustik-Bereich.

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Steffen Vater von Oticon Medical präsentierte über das klassische Hörsystem hinausgehende Lösungen auch in der Pädakustik

Wie weit geht die Unterstützung für die Pädakustik seitens Oticon über das Bereitstellen von Hörsystemen und so einer Roadshow hinaus?

Zunächst sind inzwischen die meisten unserer Trainer auch in puncto Pädakustik qualifiziert. Das wird bei Oticon bewusst gefördert, so dass man etwas besser versteht, welche Bedürfnisse es in der Pädakustik gibt. Im audiologischen Kundenservice sind auch in der Pädakustik versierte Kolleginnen und Kollegen ansprechbar. Zudem sind in unserer Genie-2-Fitting-Software spezifische Informationen zu den Technologien und flankierenden Aspekten hinterlegt. Wir offerieren Broschüren, Leitfäden und Beobachtungsdokumentationen für Angehörige und Pädagogen. Dazu kommen Online-Veranstaltungen. Darüber hinaus planen wir Pädakustik-Stammtische, bei denen wir besondere Akustikthemen ansprechen und die Pädakustiker zum Dialog und Austausch einladen. Das ist wichtig für erfahrene und unerfahrene Pädakustikerinnen und Pädakustiker.

Was würden Sie den Hörakustikerinnen und -akustikern sagen, um ihnen die Pädakustik schmackhaft zu machen? Sie hatten eben von der Ausstrahlung gesprochen, die von einem Fachgeschäft ausgehen kann, das auch Kinder versorgt …

Als Pädakustiker positioniert man sich als Experte, der die grundlegenden Aspekte kennt, lebt und über seinen Tellerrand hinausschaut. Das hat viel mit Wissen und Erfahrungen zu tun. Das zu erleben, kann einen Berufsalltag beleben und positiv gestalten. Auch tiefere Einblicke in die kindliche Audiologie und die Entwicklung des Menschen zu bekommen, war für mich ein treibender Aspekt, um mit viel Freude und Enthusiasmus den beruflichen und persönlichen Alltag zu erleben. Abgesehen davon macht es natürlich auch ungeheuer Spaß, mit Kindern zu arbeiten. Ich denke immer wieder an eine mehrtägige Aktivität im Jahr 2020 in einem Kinderhörzentrum in Kathmandu: Ich versorgte da zum Beispiel eine sechsjährige, hochgradig schwerhörige junge Dame. Zu sehen, wie sie zum ersten Mal auf ihren Namen reagiert hat, war ein hochemotionaler Moment. Auf der anderen Seite bin ich aber auch ein Mahner. Nach meiner Auffassung ist es sehr wichtig, dass man sich als Pädakustiker regelmäßig mit schwerhörigen Kindern in der Versorgung und Betreuung konfrontiert, sich, wenn möglich, immer weiterbildet und viele Erfahrungen sammelt. Ein oder zwei Mal im Monat mit Kindern, vor allem Kleinstkindern, zu arbeiten, wäre zu wenig, um einen guten Erfahrungsfundus aufzubauen. Hilfreich wäre dann, ein regionales Netzwerk zu initiieren. Grundlegend sollte man sich der Verantwortung bewusst sein, ein schwerhöriges Kind in den anspruchsvollen, hörenden Alltag zu begleiten.

Herr Ellesser, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.