
Hörpunkt-Geschäftsführer Matthias Liepert sowie Hörakustikmeisterin Juliane Zinn
»Die Träger wollen im Alltag Komfort und absolute Sicherheit«
Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, MED-EL
Der neue MED-EL-Audioprozessor SONNET 3 setzt auf eine vollständig neue Lithium-Ionen-Akkugeneration. Ziel ist es, die klassische Zink-Luft-Batterie im Versorgungsalltag zunehmend zu ersetzen. Wie sich die neuen Klick-Akkus in der Praxis bewähren, berichten die Friedberger Hörakustikmeister Matthias Liepert und Juliane Zinn im Interview.

»Früher ging es um das bloße Verstehen von Sprache. Heute reden wir über nahtloses Design, Musikgenuss, kompromisslosen Tragekomfort beim Sport und ein Akkusystem, das sich völlig unsichtbar in den Alltag integriert«, so Juliane Zinn über den Sonnett 3
Herr Liepert, Frau Zinn, Sie betreuen hier im Friedberger Raum Hörsystemträger aller Art. Welche Rolle spielt der Standort für die hiesige CI-Community?
Zinn: Der Standort ist als überregional anzusehen, da die benachbarte Johannes-Vatter-Schule 1993 von Professor Diller als Rehaeinrichtung für frisch implantierte Kinder gegründet wurde. Dadurch hat sich hier für den hessischen Raum eine ganz eigene, eng vernetzte CI-Community gebildet. Seit 2009 decken wir als Hörpunkt direkt vor Ort die Technik ab. Unser Einzugsgebiet reicht heute weit über Frankfurt hinaus, teils haben wir auch Patienten aus Rheinland-Pfalz oder Berlin.
Unter CI-Akustikern heißt es immer, dass sich die langfristige Begleitung von CI-Trägern stark von der klassischen Hörakustik unterscheidet. Sehen Sie das auch so?
Liepert: Ja. Ich war vorher Filialleiter in einem traditionellen Hörakustikgeschäft. In der klassischen Akustik steht oft der Verkaufsaspekt im Vordergrund und auch die Kundenansprüche sind ganz andere, da sie altes und neues Hören miteinander vergleichen. Bei CI-Trägern erleben wir hingegen eine tiefe, ehrliche Dankbarkeit, da diese Menschen das Gefühl der absoluten Taubheit kennen.
Wie genau sieht Ihre Arbeit an dieser Schnittstelle nach dem ersten Klinikjahr aus?
Liepert: Das erste Jahr nach der Implantation nebst Ersteinstellung und primärer Reha verbleibt komplett in der Hand der Operationsklinik. Erst danach kommen wir ins Spiel. Die grobe Basis steht dann meistens schon fest. Wir lesen das Gerät aus, nehmen minimale Korrekturen vor und passen das System an. Die langfristige Feinanpassung im Alltag ist unser Werk. Wir fungieren quasi als Sensor. Wenn es aber medizinische oder technische Auffälligkeiten gibt, dürfen wir nicht weiterdrehen, sondern schicken die Leute sofort zurück in die Klinik.
Als ein solcher Sensor im Alltag bekommen Sie natürlich hautnah mit, welche praktischen Hürden die Patienten im täglichen Leben am meisten beschäftigen. Wenn wir auf ältere Gerätegenerationen blicken, dann war die Stromversorgung bisher so ein wunder Punkt.
Liepert: Definitiv. Die Stromversorgung war über Jahre hinweg ein unpraktischer Kompromiss. Das hängt neben der technischen Entwicklung auch damit zusammen, dass die Anforderungen der Nutzer im Laufe der Zeit drastisch gestiegen sind. Heute will jeder direktes, drahtloses Streaming nutzen. Das kostet Energie. Ein guter Akku darf den Träger im Alltag nicht einschränken, er muss die komplette Wachphase ohne Unterbrechung abdecken. Wenn wir die Schlafzeit abziehen, reden wir von mindestens 16, realistischerweise eher 20 Stunden Power unter Volllast. Frühere Generationen konnten das nicht leisten, waren unhandlich, brauchten spezielle Adapterhülsen und hielten oft nur wenige Stunden. Das ist mit dem neuen Lithium-Ionen-System des MED-EL SONNET 3 sehr gut gelöst.
Zinn: MED-EL beziffert die Lebensdauer der neuen Zellen auf über 1.000 Ladezyklen, was einer Lebensdauer von rund drei Jahren bei täglicher Nutzung entspricht. Ich nutze mein Akku-Set nun seit gut einem halben Jahr täglich. Ich streame viel und fordere die Stromversorgung extrem heraus. Bis heute kann ich nicht den geringsten Unterschied in der Laufzeit feststellen. Die Leistung ist absolut konstant. Vorzeitige Ausfälle oder Kapazitätseinbrüche habe ich bei dieser Generation bisher nicht erlebt.
MED-EL bietet zwei unterschiedliche Akku-Varianten. Wie unterscheiden sie sich?
Liepert: Auf der einen Seite haben wir den Akku Standard Pro. Dieses Modell weist eine Bauhöhe von 53 mm auf und erreicht eine maximale Laufzeit von bis zu 23 Stunden. Der Akku Micro Pro hat eine Bauhöhe von lediglich 41,7 mm. Er ist das ultrakompakte Modell, das auf eine Laufzeit von bis zu 12 Stunden ausgelegt ist. Ein kompletter Ladevorgang von 0 auf 100 Prozent dauert für beide Akku-Varianten einheitlich rund 3 Stunden.
Welche Option wird von den Patienten bevorzugt?
Liepert: Die überwiegende Mehrheit entscheidet sich ganz bewusst für den großen Akku Standard Pro. Die Träger wollen im Alltag schlicht Komfort und absolute Sicherheit. Sie wollen das Gerät morgens aufsetzen und sich bis zum Schlafengehen keine Gedanken mehr über einen Wechsel machen müssen. Selbst bei sehr hohen Einstellungen und permanentem Audiostreaming machen wir die Erfahrung, dass der Standard Pro die geforderten 16 bis 20 Stunden mühelos durchhält.
Wie wirkt sich dieser technologische Sprung auf Ihr akustisches Erleben aus?
Zinn: Der spürbarste Fortschritt liegt für mich in der adaptiven Störgeräuschunterdrückung, die es beim SONNET 1 in dieser Form nicht gab. Wenn ich heute im Alltag eine Mülltüte öffne, regelt der SONNET 3 das schrille, laute Rascheln sofort herunter. Insgesamt ist das Klangbild für mich auch viel klarer geworden. Vor allem das räumliche Hören und das präzise Lokalisieren von Geräuschen von hinten hat sich massiv verbessert. Auch das integrierte, direkte Streaming ist eine enorme Erleichterung. Es sind keine externen Zusatzgeräte mehr notwendig. Jetzt landen Telefonate oder Musik per Bluetooth direkt und glasklar in meine Ohren.
Gibt es beim täglichen Streaming auch Aspekte oder technische Einschränkungen, die man als Anwender im Blick behalten sollte?
Zinn: Jede Bluetooth-Übertragung benötigt eine möglichst barrierefreie Strecke. Wenn ich mein Smartphone in eine enganliegende, dicke Hosentasche stecke, kann es zu minimalen Signalunterbrechungen kommen. Liegt das Telefon auf dem Tisch, läuft die Übertragung absolut stabil. Ein weiterer Unterschied ist, dass der SONNET 3 kein echtes Hands-free-Telefonieren ermöglicht. Ich muss das Smartphone beim Sprechen also weiterhin so halten, dass das geräteeigene Mikrofon meine Stimme einfängt. Der Unterschied zu früher ist jedoch deutlich.
Wie gestaltet sich der Akkuwechsel im praktischen Alltag? Ist das System leicht handhabbar?
Zinn: Das Handling ist hervorragend. Beim SONNET 3 läuft das nach einem echten Plug-and-Play-Prinzip. Der Akku wird mit einem einzigen Handgriff per Klick-Mechanismus auf- oder abgezogen. Das Prinzip ist identisch mit dem klassischen Batteriefach, das die Leute seit Jahrzehnten kennen. Zudem ist die neue Ladestation komplett magnetisch und zieht den Akku automatisch in die richtige Position.
Haben Sie Verbesserungsvorschläge?
Zinn: Die Ladestation ist nach oben hin vollkommen offen gestaltet und bietet so weniger Schutz vor Staub. Mein großer Wunsch für die Zukunft wäre eine komplett schließbare Ladebox, die gleichzeitig als Powerbank fungiert. Das wäre genial, da man dann zwei Ersatzakkus geschützt in der Tasche transportieren und unterwegs aufladen könnte.

Hörakustikmeister und Geschäftsführer von Hörpunkt Matthias Liepert und Hörakustikmeisterin Juliane Zinn sowie Hörakustikerin Antonia Gröninger
Neben dem reinen Akkubetrieb bietet MED-EL auch eine optionale Standard-Batteriehülse, die mit Zink-Luft-Batterien eine Laufzeit von bis zu 60 Stunden erreicht. Warum sollte ein CI-Träger angesichts dieser enormen Laufzeit überhaupt noch auf die Akku-Variante zurückgreifen?
Liepert: Der Kunde kann sich zu Beginn für eine der beiden Energieversorgungsarten entscheiden. Einen Wechsel zu einem späteren Zeitpunkt muss er bei seiner Kasse beantragen. Und da hängt die Bewilligung von der jeweiligen Kasse und von den individuellen Gründen ab. Der eigentliche Vorteil der neuen Akkus im Alltag ist jedoch ein psychosozialer Aspekt, den uns ein Kunde mit dem Begriff der ‚himmlischen Ruhe‘ beschrieben hat.
Was genau meinen Sie damit?
Zinn: Bei einer klassischen Zink-Luft-Batterie, die alle paar Tage leer geht, signalisiert der Sprachprozessor das bevorstehende Ende durch ein regelmäßiges, akustisches Piepen. Das kann mitten im Alltag unheimlich störend sein, und man muss immer Ersatzbatterien parat haben. Da der neue Standard-Akku Pro jedoch mühelos über 20 Stunden Kapazität liefert und jede Nacht geladen wird, erreicht man im normalen Lebensrhythmus nie diesen kritischen Entladepunkt. Die ständige Sorge, plötzlich im akustischen Nichts zu stehen, entfällt also komplett.
Der SONNET 3 ist gemäß IP68-Standard auch wasserdicht. Welche praktischen Erfahrungen haben Ihre Kunden diesbezüglich im Alltag gesammelt?
Liepert: Diese Schutzklasse ist in Kombination mit dem geschlossenen Akku ebenfalls ein enormer Gewinn für die aktive Lebensgestaltung. Regen, Schweiß oder kurzes Untertauchen können dem Prozessor nichts anhaben. Wir haben zum Beispiel einen passionierten Handballspieler unter unseren Kunden. Mit seinen Zink-Luft-Batterien hatte er durch die extreme Schweißentwicklung beim Training regelmäßig Totalausfälle. Seit er auf den SONNET 3 mit dem Akkusystem umgestiegen ist, gehört dieses Problem der Vergangenheit an.
Gibt es trotz all dieser positiv bewerteten Aspekte auch spezifische Bereiche oder Zielgruppen, bei denen Sie den Einsatz des neuen Akku-Systems momentan nicht uneingeschränkt empfehlen würden?
Zinn: Ja, das betrifft die Pädversorgung, also die Versorgung von Kindern. In Schulen ist der tägliche Einsatz von Roger-FM-Anlagen üblich. An dieser Stelle stoßen die neuen MED-EL-Akkus aktuell an eine Grenze, da die genormten Roger-Empfängerhülsen aufgrund der veränderten Gehäusegeometrie schlichtweg nicht über das neue Akku-Teil des SONNET 3 passen. Für schulpflichtige Kinder bedeutet dies, dass sie im Unterricht weiterhin auf das klassische Batterieteil angewiesen sind. Wir hoffen sehr, dass MED-EL hier eine Lösung findet.
Wie blicken Sie auf die langfristige Entwicklung der SONNET-Technologie?
Zinn: Wenn ich mein eigenes Implantat betrachte, das nun schon seit über 20 Jahren absolut fehlerfrei hält, und das mit den heutigen Möglichkeiten des SONNET 3 vergleiche, sieht man erst, was für ein gewaltiger Weg hinter uns liegt. Früher ging es um das bloße Verstehen von Sprache. Heute reden wir über nahtloses Design, Musikgenuss, kompromisslosen Tragekomfort beim Sport und ein Akkusystem, das sich völlig unsichtbar in den Alltag integriert. Die Technik ist gewachsen, aber die Ansprüche der Community sind es auch.
Frau Zinn, Herr Liepert, vielen Dank für das Gespräch.
