
EUHA-Präsidentin Beate Gromke und Torsten Saile, Mitglied im EUHA-Expertenkreis Hörakustik
»Mit der Leitlinie setzen wir ein klares Statement«
70 Jahre hat es gedauert, bis die EUHA eine dezidierte Leitlinie für das absolute Kerngeschäft vorgelegt hat: die Hörsystemanpassung. Warum brauchte es diesen Schritt gerade jetzt? Ein Gespräch mit EUHA-Präsidentin Beate Gromke und Torsten Saile, Mitglied im Expertenkreis Hörakustik.
Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt
Frau Gromke, Herr Saile, die EUHA blickt auf eine lange Historie zurück. Dennoch hat es sieben Jahrzehnte gedauert, bis eine explizite Leitlinie zur Hörsystemanpassung formuliert wurde. Warum ist eine solche Richtlinie überhaupt notwendig? Warum ausgerechnet jetzt?
Gromke: Als EUHA sind wir der wissenschaftliche Fachverband der Branche. Unser Selbstverständnis ist es, unseren Mitgliedern fachliche Expertise auf höchstem Niveau bereitzustellen. Wir hatten in der Vergangenheit verschiedene Papiere zu spezifischen Themen erarbeitet – von der Messbox bis zur Perzentilanalyse. Aber eine Leitlinie, die beschreibt, wie eine Anpassung als ganzheitliche Best Practice Schritt für Schritt ablaufen sollte, gab es bisher schlichtweg noch nicht. In unserem Arbeitskreis wurde nach intensiven Diskussionen klar: Wir müssen ein starkes Fundament gießen für das, womit wir uns tagtäglich beschäftigen, der Hörgeräteanpassung.
Saile: Man muss das im Kontext sehen. Wir hatten damals mit hochspezifischen Leitlinien begonnen, etwa zur Perzentilanalyse. Da ging es stark um technische Parameter: Wie stelle ich die Messbox ein oder wie kalibriere ich richtig? Das war wichtig. Aber die neue Leitlinie geht einen Schritt weiter. Es geht um die konkrete Umsetzung im Anpassraum. Was tun wir in welchem Schritt? Wie sieht die Abfolge aus, damit kein Qualitätsverlust entsteht? Das haben wir nun in einem umfassenden Werk, aufgeteilt in fünf logische Teilbereiche, zusammengefasst.
Dennoch: Warum ist man in all den Jahrzehnten nie vorher auf den Gedanken gekommen, diesen Prozess so detailliert zu beschreiben?
Gromke: Ein wesentlicher Grund war, dass das internationale Fundament noch nicht stand: Die entsprechende ISO-Norm war schlichtweg noch nicht fertiggestellt. Für uns war immer klar: Wenn wir eine solche Leitlinie anpacken, dann lehnen wir uns an die internationale Normierung an. Wir entwickeln das ja nicht isoliert für Deutschland, sondern wollen es international zur Verfügung stellen. Das Werk basiert maßgeblich auf der ISO-Norm, die wir als Orientierung genutzt und ins Deutsche übertragen haben. Zudem hatten wir früher oft den Ansatz, alles in einem einzigen Paper abzuhandeln. Das funktionierte nicht, das war unlesbar. Deshalb der strategische Schnitt: Fünf separate Leitlinien, die den Prozess chronologisch aufgliedern – vom Start über Anpassung bis hin zur Nachsorge.
Saile: Die EUHA versteht sich seit jeher als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und der handwerklichen Praxis. Wenn hochkomplexe ISO-Normen verabschiedet werden, fragt sich der Meister im Betrieb doch völlig zurecht: Was bedeutet das morgen früh für meine Kundenversorgung? Genau in diese Lücke stößt die Leitlinie. Sie übersetzt Theorie in Praxis. Deswegen saßen in unserem Arbeitskreis auch nicht nur Wissenschaftler, sondern erfahrene Praktiker. Das ist ein Leitfaden von der Praxis für die Praxis – aber eben mit einem unumstößlichen, wissenschaftlich validen Hintergrund.

»Die Leitlinie ist keine Verkaufsanleitung, sondern ein ethischer Kompass«, sagt Beate Gromke
Hand aufs Herz: Ist in Zeiten von akutem Fachkräftemangel, extremem Zeitdruck und sinkenden Margen eine Best-Practice-Anpassung nach strenger ISO-Norm im Alltag nicht eine Illusion? Wie soll ein inhabergeführter Betrieb diesen enormen zeitlichen Aufwand überhaupt noch eingehen?
Saile: Ich verstehe den Einwand, das Gegenteil ist aber der Fall: Struktur spart Zeit. Genau diesen wirtschaftlichen und fachlichen Gap gibt es in den Geschäften, und wir dürfen die Augen davor nicht verschließen. So ist auch diese Leitlinie zu verstehen: als Brückenbauer, um diese Kluft zu verkleinern und Abläufe zu optimieren. Jeder kann das Paper durchgehen, Schritt für Schritt, vom Ohrpassstück über die Verifizierung bis zur Nachsorge. Nehmen wir doch das prominenteste Beispiel unserer Branche: das Thema Otoplastik vs. Schirmchen. Wir alle wissen aus wissenschaftlicher Sicht, dass eine individuelle Otoplastikankopplung in den allermeisten Fällen die akustisch überlegene, richtigere und nachhaltigere Versorgung ist. Was aber sehen wir im Markt? Eine massive Inflation von Standard-Schirmchen, weil es schnell geht und im ersten Moment bequem erscheint. Das ist aber eine qualitative Mogelpackung und führt langfristig zu unzufriedenen Kunden und teuren Nachbesserungen.
Gromke: Ganz genau. Genau da wollen wir als Fachverband etwas tun: Wir können uns jedoch schlecht über den massenhaften, unreflektierten Einsatz von Schirmchen beschweren, wenn wir den Kolleginnen und Kollegen kein offizielles Dokument an die Hand geben, das eine klare Richtung vorgibt. Mit der Leitlinie setzen wir als Verband jetzt ein klares Statement, was uns bei einer fachgerechten Anpassung wichtig ist. Ob das am Ende jeder Einzelne im Betrieb exakt so umsetzt, liegt außerhalb unseres Einflusses. Wir können niemanden zwingen. Ohne dokumentierte Grundlage können wir uns aber nicht hinstellen und meckern, wenn die Versorgungsqualität branchenweit sinkt und wir uns selbst entwerten.
Kritiker könnten einwenden, dass eine solche Leitlinie die methodische Freiheit des Akustikers beschneidet, wenn ich an subjektive Verfahren oder die First Fits der Hersteller denke. Gibt es ein konkretes Mess- sowie Anpassverfahren, das die EUHA als ultimativen Goldstandard vorsieht, und wie viel Spielraum bleibt dem Einzelnen dabei?
Gromke: Das ist das Schöne an dieser Leitlinie: Sie geht eben gerade nicht hin und schreibt eine bestimmte Messtechnik oder ein spezifisches Verfahren vor. Uns geht es um das Prinzip, nicht um die Bevormundung und wir halten das bewusst offen. Wenn wir uns heute auf ein einziges Anpassverfahren festlegen würden, und morgen ändert sich die Technologie, müssten wir die Leitlinie permanent umschreiben. Entsprechend beschreiben wir mit der Leitlinie das Was und das Warum, und geben Tipps für das Wie.
»Wir müssen ein starkes Fundament für das gießen, womit wir uns tagtäglich beschäftigen: der Hörgeräteanpassung.«
Gibt es denn im Gegenzug Messverfahren oder Signale, die Sie heute als veraltet und für eine moderne Anpassung ungeeignet deklarieren würden?
Gromke: Nun, alles, was noch auf rein analoger Basis arbeitet, hat in einer modernen Kabine schlichtweg keine Daseinsberechtigung mehr. Wir versorgen schließlich keine analogen Hörgeräte mehr. Wobei man fairerweise sagen muss: Ein Klassiker wie das Verfahren nach Keller mit seinen Isophon-Differenzen hat in bestimmten Kontexten immer noch seine Berechtigung.
Saile: Man muss vor allem bei den verwendeten Messsignalen extrem vorsichtig sein. Wir arbeiten heute mit hochkomplexen, adaptiven Digitalsystemen. Wenn ich da mit reinen, statischen Sinustönen hineingehe, greifen die Algorithmen des Hörgeräts das Signal sofort an. Das System erkennt den Sinuston als Störgeräusch oder Rückkopplung, regelt ab, verbiegt das Signal oder reduziert die Verstärkung. Das Ergebnis in der Messbox ist verfälscht. Wir müssen mit modernen Signalen wie ISTS arbeiten oder die Geräte gezielt in den unprozessierten Messmodus versetzen. Genau deshalb ist die Perzentilanalyse nach wie vor das Werkzeug der Wahl für die Grundanpassung. Auch lautheitsbasierte Verfahren wie Revoloud haben sich absolut etabliert. Dort arbeitet man mit natürlichen Geräuschen und einer visuellen Landkarte. Das Wichtigste ist am Ende immer, die interaurale Balance herzustellen, damit das Hören wieder sauber in der Kopfmitte zentriert ist.
Kommen wir zur Verifizierung. Welcher praxistaugliche Goldstandard liefert verlässliche Ergebnisse, ohne den Kunden in der Kabine zu frustrieren?
Saile: Hier ist der Freiburger Sprachtest das Maß aller Dinge. In der Praxis kommt je nach Wunsch aber auch der Oldenburger Satztest (OLSA) zum Einsatz. Damit lässt sich der Signal-Rausch-Abstand (SNR) von Alt- und Neugeräten präzise gegenüberstellen und der Fortschritt messbar machen.
Gromke: Beim OLSA sehe ich eine psychologische Hürde. Er peilt das 50-prozentige Sprachverstehen an und treibt den Kunden absichtlich an seine Grenze. Ohne richtige Einweisung gehen die Menschen frustriert aus dem Anpassraum, weil sie gefühlt die Hälfte falsch verstanden haben.
Saile: Absolut, die Einweisung ist entscheidend. Messverfahren sind Werkzeuge in unserem Koffer – wir müssen sie individuell wählen. Wir lehnen das blinde Vertrauen auf den herstellerseitigen First Fit ab; Softwareanzeigen müssen unabhängig verifiziert werden. Hier hilft auch der dB opt, also der optimale Diskriminationsverlust, um dem Kunden die biologische Grenze des Verstehens bei 65 dB aufzuzeigen und unrealistische Erwartungen direkt zu dämpfen.

Torsten Saile wirkt seit Oktober 2010 im Expertenkreis Hörakustik der EUHA mit
Erwartungshaltung ist ein gutes Stichwort. Kunden kommen oft mit utopischen Vorstellungen ins Geschäft und hinterfragen gleichzeitig jeden Mehrpreis für höhere Technikstufen. Wie brechen Sie diesen Konflikt in der Beratung auf?
Gromke: Die Leitlinie ist keine Verkaufsanleitung, sondern ein ethischer Kompass. Sie sagt ganz deutlich: Wer den Hörbedarf nicht präzise ermittelt, kann keine fachgerechte Empfehlung aussprechen. Ein Akustiker sollte eine klare, unmissverständliche Empfehlung auf Basis der audiologischen Daten abgeben können. Wenn also ein Kunde mir im Gespräch signalisiert, dass er ausschließlich zu Hause sitzt und fernsieht, dann braucht er keine High-End-Geräuschunterdrückung. Das darf man fair und offen kommunizieren. Umgekehrt gilt: Wenn jemand aktiv im Berufsleben steht oder etwa im Ehrenamt unterwegs ist, dann sollten wir ihm auch sagen, dass komfortables bzw. einfacheres Hören in diesen dann komplexen Hörsituationen nur erreichbar ist, wenn wir mit bestimmten Premium-Features arbeiten. Die richtige Bedarfsermittlung ist also zentrales Anliegen.
Saile: Genau dafür nutzen wir in der Praxis moderne Tools wie einen Klangpresenter im Fachgeschäft. Wir lassen den Kunden zwei unterschiedliche Technikstufen direkt vor Ort im direkten, simulierten Vergleich hören. Er muss den Unterschied im Raum hören. Ein riesiger Hebel sind hier übrigens die Begleitpersonen – Partner oder die eigenen Kinder. Wenn die über den Presenter mithören und das Hören persönlich erleben können, dann hat das eine ganz andere Dynamik. Und genau diese vergleichende Beratung vor Ort und die anschließende, langjährige Nachsorge ist es, die uns doch existenziell vom reinen Online-Handel unterscheidet. Wer sich ein Hörgerät im Internet bestellt, kriegt eine Kiste zugeschickt und verpasst das Wichtigste: die handwerkliche Individualisierung und den schnellen Service vor Ort, wenn das Gerät mal verstopft oder defekt ist.
Künstliche Intelligenz übernimmt heute bereits den First Fit, Automatisierungen greifen tief in die Signalverarbeitung ein. Wenn die Software alles selbst regelt, droht dem Akustiker nicht die Degradierung zum reinen Assistenten?
Saile: Die Sorge existiert, aber die Kernkompetenz verlagert sich lediglich und gewinnt dadurch an Wert. Sie liegt zum einen in der physischen Ankopplung, der Otoplastik. Das exakte Ausformen, Modifizieren und das direkte Printing der Otoplastik vor Ort im Fachbetrieb – das kann kein Algorithmus der Welt ersetzen. Zum anderen hat sich der First Fit der Industrie verbessert. Das nimmt uns Routinearbeit ab und schenkt uns Zeit für das Wesentliche: den Kunden und seinen individuellen Bedarf und seine Anatomie. Übrigens: neueste Studien zeigen, dass der Beruf des Hörakustikers nur zu 38 Prozent durch KI ersetzt werden könne, in anderen Branchen liegen diese Werte weit über 70 Prozent.
Gromke: Die wichtigste Kernkompetenz des Hörakustikers ist und bleibt die Filterfunktion und die persönliche Verantwortung. Wir müssen aus diesem gigantischen Wirrwarr an technologischen Möglichkeiten genau den einen Weg heraussuchen, der zu diesem spezifischen Menschen passt. Eine KI kann Daten analysieren, aber keine Verantwortung übernehmen. Eine KI weiß nicht, wie emotional wichtig das wöchentliche Gespräch mit dem Enkelkind für den Kunden ist. Sie kann nicht einschätzen, ob das Verstehen im lauten Restaurant Priorität hat oder das Musikhören zu Hause. Dafür braucht es einen Menschen, der empathisch zuhört und die Erfahrung besitzt, die Technik in die richtige Bahn zu lenken. Unser Job ist es, eine Hörminderung in Lebensqualität umzumünzen, Konnektivität wie Handyanbindung und TV-Streaming verständlich zu machen und den Kunden an die Hand zu nehmen.
Frau Gromke, Herr Saile, vielen Dank für das Gespräch.